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Illustration: Jessy Asmus

Dating-Situation:

Tinder-Bekanntschaft

Geschlecht und Alter des Dates: Laut Profil 40, vermutlich aber zehn bis 15 Jahre älter

Horrorstufe: 8 von 10

Er gefiel mir auf Tinder wegen des Hundes auf einem seiner Fotos und seiner langen Sätze, die so verschwurbelt und verschachtelt waren. Er lebte zwar seit zehn Jahren in Berlin, schrieb aber auf Englisch und arbeitete in der Modebranche. In seinem Profil stand auch, dass er gerne mit Monsieur Albert spazieren gehe. Wir verabredeten uns zwischen den Jahren, er wollte mir am nächsten Tag sagen, wo wir uns treffen könnten. Am besagten nächsten Tag kam aber keine Rückmeldung. Also schrieb ich nochmal. Er meinte „Tut mir leid, aber ich habe den Tag lieber mit Monsieur Albert verbracht.“ Ich musste lachen und sagte ihm, er solle Monsieur Albert zum Date mitbringen.

Wir trafen uns also am gleichen Abend in einer Bar, in der wir die einzigen Kunden waren. Es gab daher keine Möglichkeit, dass das da der falsche Mann war. Er sah mindestens 15 Jahre älter aus als auf seinen Fotos und als auf seinem Profil angegeben. Und wog ungefähr die Hälfte. Ein Hungerhaken. Einen Hund hatte er auch nicht dabei. Ich bestellte einen Rotwein (er hatte schon einen) und versuchte ein Gespräch anzufangen, allerdings war es sehr schwer, mit ihm zu reden. Er hatte eine sehr lange Reaktionszeit, jedes Wort musste man ihm aus der Nase ziehen. Schließlich fragte ich ihn, wie sein vergangenes Jahr gewesen sei. Er antwortete „schlimm“, da er so mit seinen „addictions“ gehadert habe. Schnell stellte sich heraus, dass er das nicht im übertragenden Sinne meinte. Er sagte mir, dass er Alkoholiker gewesen sei und von verschiedenen Drogen abhängig.

Ich schaute entgeistert sein Glas Wein an. Er erwiderte, dass er mit den Anonymen Alkoholikern (AA) und Narcotics Anonymous (NA) abgeschlossen habe, die seien total scheiße und er habe das mit dem Alk und den Drogen im Griff. Es folgte ein langer Anti-AA- und Anti-NA-Rant. Ich versuchte verzweifelt, das Thema zu wechseln: „Schade, dass du gar nicht Monsieur Albert mitgebracht hast“, sagte ich irgendwann. Er so: „Hab ich doch! Hab ich dabei!“ Ich verstand nichts und fragte „Wo denn bitte?“ und schaute im komplett leeren Lokal umher. Er meinte „Ach so, das war im Übrigen ja auch, wieso ich mich vorgestern nicht gemeldet hatte. Ich war einfach stark mit Monsieur Albert unterwegs.“ Ich verstand immer noch nichts: „Wo ist dein Hund?“ Er: „Den habe ich, als ich vor zehn Jahren hergezogen bin, zurückgelassen.“ Die Fotos waren also mindestens 10 Jahre alt. Ich fragte weiter. „Und wer ist dann Monsieur Albert?“ Er so: „Na, Albert Hofmann.“ Jetzt fiel der Groschen bei mir – Hofmann hatte LSD entdeckt. „Du bist auf LSD.“ – „Ja und ich hab noch mehr mit. Hab ich dir mitgebracht.“ – „Und du warst vorgestern zu sehr auf’m Trip.“ – „Genau.“ Dieser letzte Teil der Unterhaltung dauerte sehr lange, aufgrund seiner langen Reaktionszeit.

Jetzt ergab auch seine extreme Magerkeit Sinn. Er hatte die Sucht nicht besiegt. Zitternd verließ ich die Bar. Die Situation hatte sich schlecht angefühlt, irgendwie unsafe. Dazu muss man sagen, dass ich durchaus auch drogenaffin bin. Aber eben nicht abhängig und körperlich total abgewrackt. Als ich zuhause war, unmatchte ich ihn, legte mich in die heiße Badewanne und machte mir einen Tee. Da schickte er mir eine SMS. Wieso ich so plötzlich aufgebrochen sei. Seine verschachtelten Sätze wirkten jetzt gar nicht mehr romantisch, weil klar war, dass er wirklich keinen geraden Satz mehr zustande brachte. Ich antwortete ihm sehr ernsthaft, dass er nur halb soviel wiege wie auf den Bildern und auch 20 Jahre älter aussehe. Dass er sich Hilfe suchen und einen Entzug machen müsse.

Er fing daraufhin mit gaslighting an – er hätte mich ja nur aus freundschaftlichem Interesse getroffen und dafür müsse er ja wohl nicht gut aussehen, oder „Bist du so oberflächlich, dass du dir deine Freunde nach dem Aussehen aussuchst?!“ Das war natürlich Schwachsinn, sein Profil war da sehr eindeutig. Ich habe dann den Kontakt abgebrochen.

Dieses Date wurde uns von einer jetzt-Leserin bei Facebook zugesandt. Sie hat darum gebeten, den Text anonym veröffentlichen zu dürfen. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.

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