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Illustration: Daniela Rudolf

Dating-Situation: Nachbarn im Auslandssemester

Geschlecht und Alter des Dates: männlich, angeblich 21

Horror-Stufe: 7 von 10

Ich hatte zwei Nächte zuvor auf einer Studentenparty schon mit ihm rumgeknutscht: meinem Nachbarn im Auslandssemester in Asien. Er war in dem mir fremden Land heimisch, so viel wusste ich. Er sah hübsch aus, wenn auch sehr jung, und wirkte irgendwie cool. Als wir uns nun also zum ersten Mal nach dem Knutschen trafen, gingen wir nachmittags spazieren. Er erklärte mir ein paar kulturelle Eigenheiten seines Landes und fragte viel nach meinem Leben in Deutschland. 

Bald wurde mir allerdings mulmig. Denn ständig wollte er meine Hand nehmen, mich im Arm halten, mir ganz tief in die Augen schauen. Ich hatte angenommen, ihm sei klar, dass ich in diesem Auslandssemester sicher keine Beziehung anfangen würde. Aber nun gut. Vielleicht fasste ich all das auch nur falsch auf.

Als wir schließlich wieder vor unseren beiden Haustüren standen und nicht genau wussten, wohin mit uns, sagte er, er wolle mir noch jemanden vorstellen. Noch bevor ich eine Ausrede erfinden konnte, um mich zu verabschieden, zog er mich an der Hand hinter sich her in seine Wohnung.

Oder besser: in die Wohnung seiner Eltern, die freudig auf mich zustürmten. Seine Mutter legte mir sogar ein Armband um – selbstgemacht, extra für mich, wie sich herausstellte. Das war unglaublich nett und ich hätte mich sicher sehr gefreut – wäre ich denn tatsächlich seine Freundin gewesen. Aber die wollte ich ja nicht sein. Ich war also froh, als wir seine Eltern hinter uns ließen und in sein Zimmer gingen. Wieder sagte er: „So, jetzt stelle ich dir jemanden vor.“ Seine Eltern hatte er zuvor also offensichtlich nicht gemeint.

Gemeint war stattdessen ein Kuscheltier-Affe namens Dexter. Kein Witz, ich wiederhole: ein Kuscheltier-Affe namens Dexter. Und es gab noch mehr: eine Kuschelgiraffe, einen Kuschelhund, eine Kuschelkatze und so weiter. Sie alle hatten Namen – und Pfoten, die ich schütteln musste. Sie belegten fast sein ganzes Bett und guckten direkt auf die Spielzeugfiguren in seinem Regal. Ich glaubte an einen Scherz und lachte hysterisch. Dann dachte ich, dass der arme Junge vielleicht einfach in seinem unveränderten Kinderzimmer ausharren muss, bis er eigenes Geld verdient und ausziehen kann. Bis er mir schließlich glaubhaft versicherte, dass diese Tiere hier alle seine Freunde seien („Ich bin schließlich mit ihnen aufgewachsen“). Da fühlte ich mich auf einmal wie eine Kinderschänderin. Ich hatte mit ihm geknutscht! Ihn angefasst! An… Stellen! Ich entschuldigte mich, schob ein vergessenes Treffen vor und verließ die Wohnung so schnell ich konnte.

In den nächsten fünf Monaten sah ich ihn oder seine Eltern täglich, wenn ich das Haus verließ. Mein Date glaubte offenbar weiterhin an die große Liebe, kam ständig auf mich zugerannt, wollte mit mir reden oder etwas unternehmen. Ich schlug seine Angebote aus – und brach ihm wohl ein bisschen das Herz. Allerdings waren er und seine Familie trotzdem immer freundlich zu mir.

Am Tag, an dem ich abreiste, saß Affe Dexter schließlich vor meiner Tür. Ich sollte ihn mit nach Deutschland nehmen. Weil mein Nachbar so verzweifelt darauf bestand, als ich ihn zurückgeben wollte, tat ich das sogar. Die Heiratsanträge, die mich später über Facebook erreichen sollten, habe ich aber nicht angenommen.

Die Autorin des Textes möchte, um nicht erneut das Herz ihres Auslandsflirts zu brechen, anonym bleiben. Sie ist der Redaktion aber bekannt.

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