Horror-Date: Der Bodyshamer

Beim Date wurde unserer Protagonistin relativ schnell klar, dass die Vibes hier nicht stimmen.
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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In dieser Kolumne geht es um Dates, die schlechter laufen als erhofft. Diesmal hat unsere Autorin Sheila-Ananda Dierks die Geschichte einer Bekannten protokolliert.

Dating-Situation:  Tinder-Date, das anders verläuft als veplant

Geschlecht, Alter:  Männlich, 22

Vibe des Dates: Erst entschlossen, dann auf der Flucht

Horrorstufe: 6 von 10

Es brauchte viele Links-Swipes (Dislikes) und einige Rechts-Swipes (Likes), bis ich Maxi (Name von der Redaktion geändert), 22 Jahre alt, auf Tinder kennenlernte. Seine Fotos sahen artsy aus, ein bisschen nach Kunststudent. Das hat ihn für mich interessant gemacht. Um ehrlich zu sein, suchte ich sowieso nur jemanden zum Kuscheln. 

Schließlich verabredeten wir uns in einer Bar gegenüber meiner Wohnung. Ich musste allerdings feststellen, dass Maxi kein alternativer und lässiger Kunststudent war, sondern jemand, der mich gleich dreifach niedermachte – sozusagen Shaming in drei Akten. 

I. Bodyshaming 

Ich wartete bereits vor dem Eingang, als er ankam. „Hey, nenn mich gerne Maxi“, stellte er sich vor. Doch anstatt mich zu fragen, wie es mir geht, oder wie mein Tag war, fing Maxi an, mich herablassend von oben bis unten zu mustern. Als würde er irgendetwas an mir suchen (und finden), was ihm nicht gefiel, schmunzelte er dabei auch noch so merkwürdig. 

Als wir drinnen saßen und Essen bestellt hatten – das Date lief noch keine zehn Minuten – fragte er mich: „Deine Haare sind doch aber ein bisschen heller als auf den Fotos bei Tinder. Und deine Augenbrauen irgendwie dunkler, oder?“ Ich war perplex, hatte ich mich bisher auf Dates nicht für meine Frisur rechtfertigen müssen. „Ja, ich habe mir vor kurzem die Haare blondiert, gefällt mir so“, antwortete ich selbstbewusst. „Und die Augenbrauen sind logischerweise im Kontrast etwas dunkler.“ Damit, so dachte ich, hätte ich den Angriff auf mein Styling abgewehrt, doch Maxi ließ nicht locker: „Echt? Dir gefällt das so? Also ich fand es vorher cooler.“ Ich wollte ihn gerade auf seine eigene Frisur ansprechen, die auch nicht den auf Tinder geweckten Erwartungen entsprach, als er ungeniert nachlegte: „Wie lange dauert das denn, bis es wieder rausgewachsen ist?“

Schnippisch konterte ich: „Das dauert schon Monate, bis die Farbe wieder weg ist, aber ich würde es mir auch noch einmal nachfärben, weil – wie gesagt – es mir sehr gefällt.“ Nicht einmal nach dieser Antwort konnte er es dabei belassen, und wiederholte seine Feststellung, als müsste ich es doch wenigstens beim zweiten Mal einsehen. Erneut dachte ich über einen Kommentar zu seiner Frisur nach, beschloss aber, ihm und mir den Eklat zu ersparen. Dann kam unser Essen und das Thema war beendet. Endlich. 

II. Familyshaming 

Ich schob mir, noch immer etwas bedröppelt, eine Pommes in den Mund. Um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, zeigte ich Maxi den Instagram-Account meines Bruders. Ein durchschnittliches Profil ohne teure Uhren oder Sportwagen. Doch Maxi war anscheinend besessen davon, die Erscheinung anderer Leute zu kommentieren – und zwar nicht auf die nette Art. Nach kurzer Betrachtung befand er, mein Bruder sehe „schnöselig“ aus. Nach meiner Frisur war jetzt also auch noch meine Familie dran. Viel schlimmer konnte es eigentlich nicht werden, dachte ich – doch dann kamen wir auf das Thema Dating zu sprechen. 

III. Slutshaming 

Ich erzählte ihm, dass ich ab und an jemanden traf und – ganz entspannt – mal was mit meinem besten Freund hatte. Maxi reagierte mit einem lang gezogenen „okaaaay krass“. Er wirkte fast beleidigt und hakte direkt nach, ob wir denn immer noch befreundet seien. Das sind wir, sehr gut sogar. Wieder brachte er nur ein „okaaay krass“ hervor, als hätte ich ihm gerade erzählt, dass ich ein Kind mit Leonardo DiCaprio habe. Und dann, ohne dass ich um eine Einschätzung gebeten hatte, schob er hinterher: „Also das wäre für mich schon ein Problem, wenn meine Freundin noch mit dem Typen befreundet wäre, mit dem sie was hatte.“ Ich musste mich verhört haben. Freundin? Bitte? Ich sah uns nicht einmal auf einem zweiten Date. Offenbar meckerte er nicht bloß an anderen herum, er war auch noch eifersüchtig. Wie gerne hätte ich ihm das unter die Nase gerieben, doch aus meinem Mund kam nur ein: „Äh, ja sorry?“ 

Damit war das Treffen für mich gelaufen und ich wollte einfach nur weg. Wir gingen raus aus der Bar und ich dachte, dass sich unsere Wege nun trennen würden. Da fragte er mich, ob ich ihn noch zu seinem Auto begleiten wollte. Ich lehnte höflich ab. Zum Glück hatte ich es nicht weit nach Hause. 

Ein paar Tage später lag ich auf meinem Bett. Aus meinem Augenwinkel sah ich mein Smartphone aufleuchten. Ein neues Tinder-Match? Noch immer war ich auf der Suche nach jemandem zum Kuscheln. Es war Maxi. Vielleicht wollte er sich ja entschuldigen oder sein seltsames Verhalten erklären? Nicht ganz. „Hey, ich wollte dir nur sagen: Ich habe schnell gemerkt, dass der Vibe eher freundschaftlich war und ich dich sexuell nicht so attraktiv finde“, schrieb er. Diesmal fand ich die passende Antwort gleich und schrieb: „Gut, das beruht dann ja zum Glück auf Gegenseitigkeit.“ 

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