Horror-Date: Auf Drogen im Theater

Unser Autor saß im Theater und dachte, er sei erleuchtet worden. Dafür gab es einen einfachen Grund: LSD.
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Datingsituation: Völlig verballert im Theater

Geschlecht und Alter des Dates: weiblich, 17  

Vibe des Dates: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? 

Horrorstufe: 7/10

Miriam war meine erste Liebe. Als ich sie zum ersten Mal traf, wusste ich, dass ich mit ihr zusammen sein wollte. Trotzdem haben wir uns nur vier Mal gesehen. Das liegt auch daran, dass ich bei unserem vierten Treffen auf LSD war. Ein Experiment, das ich nicht weiterempfehlen würde. Nicht nur, weil Miriam mich danach nicht wiedersehen wollte. Sondern auch, weil ich bei unserem Date meine gesamte Existenz in Frage gestellt habe. 

Ich habe Miriam mit 17 auf einer Sommerparty in einem Hausgarten in Augsburg kennengelernt. Plötzlich stand sie vor mir: Das Mädchen, das aussah wie Angelina Jolie, zumindest auf den ersten Blick. Ich war hin und weg. Fünf Stunden später schliefen wir Arm in Arm auf der Wiese ein. Ich war verliebt.

Unsere Romanze verlief dann nicht ganz so glamourös wie die zwischen Brangelina. Statt in einer Hotelsuite besuchte ich Miriam in ihrem Reihenhaus in Augsburg, wo sie zusammen mit ihrer Hippie-Mutter wohnte, die mir am Esstisch von der heilenden Wirkung von Globulis und dem Weg zur inneren Mitte erzählte. Meine Mutter hatte mir vor der Zugfahrt für die Nacht noch eine Packung Kondome eingepackt („sicher ist sicher“), die aber nicht zum Einsatz kommen sollten. Dafür küsste mich Miriam abends nach dem Zähneputzen auf den Mund. Zurück in München erzählte ich meinem besten Freund, dass ich eine Freundin hatte. Endlich! 

Blöd nur, dass mir meine Angelina Jolie eine Woche später sagte, dass sie keine Beziehung wolle. Sondern erst einmal etwas Lockeres. Ich verstand nicht, was sie damit meinte, die große Liebe hatte doch bedingungslos zu sein! Ich antwortete, dass ich mir nur etwas Ernstes vorstellen konnte. Zum Abschied schlug Miriam vor, dass wir doch Freunde bleiben könnten. „Freunde bleiben“, das kannte ich! Es hieß übersetzt: Ich will nichts von dir. 

Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte, so gerne wollte ich Miriam wiedersehen

Einen Monat später hatte ich mich halbwegs von meinem Liebeskummer erholt. Die Liebe konnte warten, jetzt wollte ich erst einmal mit Drogen experimentieren! Die Sonne schien und mein bester Freund drückte mir ein kleines Löschblatt in die Hand, beträufelt mit der Lösung LSD, ein Halluzinogen, das in fremde Welten, aber auch zu Psychosen führen kann – sprich: von dem man insgesamt die Finger lassen sollte. Wir legten uns in den Hofgarten und sahen den Wolken beim Schweben zu. Irgendwann kam ich zu der Erkenntnis, dass es mir eigentlich ganz gut ging, auch ohne Miriam.  

Um sieben Uhr abends schaute ich auf mein Handy. Miriam hatte mir geschrieben. „Hey, ich bin heute um acht mit meiner Theatergruppe in den Kammerspielen. Wir haben noch ein Ticket frei. Hast du Lust zu kommen? LG Miriam“. Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte. Meine neue Erkenntnis, auch ohne Miriam glücklich zu sein, war ja ganz schön, aber noch schöner war die Vorstellung, sie endlich wiedersehen zu können. 

Aber war ich für ein Theater-Date nicht viel zu verballert? Ich horchte in mich hinein und hatte das Gefühl, dass die Wirkung der Droge bereits abgeklungen war. Wenn überhaupt, fühlte ich mich klarer und entspannter als sonst. Und wer weiß, wenn sie keine Beziehung mit meinem nüchternen Ich wollte, dann vielleicht ja mit meinem LSD-Ich. Also schrieb ich zurück: „Ich komme. Bis gleich!“ 

Eine Stunde später stand ich mit Miriam und ihren Mitschülerinnen im Foyer. Ich bemühte mich, so cool und nüchtern wie möglich zu wirken. Zumindest Letzteres gelang mir, glaube ich, ganz gut, was aber wahrscheinlich daran lag, dass wir nur wenige Worte wechseln konnten, bevor das Stück begann. Gespielt wurde „Der Sturm“ von William Shakespeare. 

Ein Mann und eine Frau betraten die Bühne. Sie sagten etwas, aber ich verstand den Sinn ihrer Worte nicht. Es ist nüchtern schon schwer, der bildhaften Shakespeare-Sprache zu folgen, doch auf LSD wurde es zu einem Ding der Unmöglichkeit: Ich suchte in jedem Satz eine tiefere Wahrheit und verlor so die Handlung komplett aus den Augen. Wer war nochmal dieser Prospero? Warum hielt er einen Zauberstab in der Hand? War es wirklich ein Zauberstab oder doch ein Teil seines Körpers? Und sprach dieser Mann gerade zu mir? 

Es war mein letztes Date mit ihr. Und mein allerletztes auf LSD

Trotzdem schaute ich gebannt zu. Dass ich auf LSD war, hatte ich zu diesem Zeitpunkt längst vergessen. Ich sah Feuer speiende Frauen und vierarmige Wesen, die sich gegenseitig Huckepack trugen. Und die mir etwas sagen wollten. Aber was? Auf einmal verstand ich, was sie mir verkündeten: die Wahrheit. Und die war schwer zu verdauen. Die Menschen auf der Bühne sagten mir, dass mein bisheriges Leben nur ein Traum gewesen war. Meine Familie, meine Freunde, alles eine Illusion. Ich hatte in einer Matrix gelebt. In der Theorie klingt so eine Erkenntnis vielleicht niederschmetternd. Mich aber machte sie euphorisch. Endlich wachte ich auf! Ich konnte es kaum erwarten, dass der Saal nach dieser Offenbarung in Jubel und tosenden Applaus ausbrechen würde. 

Doch als der Vorhang fiel, klatschte das Publikum seltsam bescheiden. Dann drehte sich Miriam zu mir und fragte: „Und – wie würdest du das jetzt interpretieren?“ Was für eine seltsame, völlig unpassende Frage! Ich lächelte verwirrt und sagte nichts. Hatte sie ein anderes Stück gesehen als ich? 

Dann fiel mir wieder ein, warum das Stück so eine große Wirkung auf mich gehabt hatte. Zwei Stunden lang hatte ich Miriam komplett vergessen. Es brauchte eine profane Frage meines Dates, um mich wieder in die Realität zu holen. 

Kurze Zeit später standen wir vor dem Theatereingang. Ich konnte Miriam nichts mehr vorspielen. „Können wir kurz reden“, fragte ich sie. Als wir alleine waren, erzählte ich ihr vom LSD. Miriam runzelte die Stirn und schaute mich an, als würde ich eine fremde Sprache sprechen: „Warum hast du das gemacht?“ Weil ich keine gute Antwort wusste, sagte ich nichts. Zum Abschied umarmte mich Miriam flüchtig, als wäre ich ein Fremder. Es war mein letztes Date mit ihr. Und mein allerletztes auf LSD.

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