Horror-Date: Heiße Gedanken der anderen Art

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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In dieser Serie widmen wir uns denjenigen Dates, die man in weniger guter Erinnerung behalten hat. Diesmal hat unsere Autorin Cora Wucherer nach einem Interview mit einem Bekannten folgende Geschichte aufgeschrieben.

Dating-Situation: Kochen in der Zehner-WG

Geschlecht, Alter und Vibe des Dates: weiblich, 19, cool statt 08/15

Horrorstufe: 5 von 10

„Mit 19 hatte ich ein Tinder-Date, das in die Geschichte eingehen sollte – zumindest in die meiner Freund:innen. Denn die lachen heute noch darüber, obwohl es fünf Jahre her ist.

Ich war damals gerade frisch getrennt, deshalb hatte ich mir Tinder heruntergeladen. Ich wohnte in der Nähe von Stuttgart und wollte mal schauen, was in der Umgebung so geht. Marie (Name von der Redaktion geändert) fiel mir direkt auf: Sie hatte schulterlange Haare, Tattoos und Piercings. Ich fand, sie sah cool und besonders aus. Wir matchten und schrieben. Ihr Schreibstil war total sympathisch, nicht das übliche ,Wie geht es dir?‘ oder ,Was machst du beruflich?‘. Ich zeigte ihr Profil meinem besten Freund, der auch fand, dass sie nett wirkte. Als Marie mich fragte, ob ich zum Kochen in ihre WG vorbeikommen wollte, stimmte ich also gleich zu. Es war ein Freitag im Sommer, brütend heiß, ich kam gerade aus der Berufsschule und hatte nur ein Brötchen gefrühstückt. Ich dachte, wir kochen gemeinsam mit der WG und lernen uns kennen.

Wir verabredeten uns für den späten Nachmittag. Weil ich finde, dass kurze Hosen bei Männern dämlich aussehen, zog ich eine lange an. Eine halbe Stunde Bahnfahrt und 15 Minuten Fußweg später war ich komplett durchgeschwitzt. Als ich klingelte, meinte Marie: ,Oberstes Stockwerk!‘. Ich stöhnte. Als ich im Dachgeschoss ankam, war ich nassgeschwitzt, kaputt und sehr hungrig. Vor mir stand Marie – mit abrasierten Haaren.

Ich überspielte meine Verblüffung und begrüßte sie: ,Hey, schön dich zu sehen.‘ Sie gab mir eine kurze Tour durch die Wohnung. Von den neun Mitbewohner:innen waren nur zwei da und die sprachen kein Wort Deutsch, vielleicht waren es Erasmusstudenten. Statt in der Küche zu bleiben, führte Marie mich in ihr Zimmer und setzte sich mitten auf ihr Bett, den Rücken an die Wand gelehnt. Ich nahm auf der Bettkante Platz. Mein Magen knurrte. Es hatte gefühlt 80 Grad in Maries Zimmer.

Trotz allem unterhielten wir uns gut, aber Marie machte keine Anstalten, in die Küche zurückzukehren. Ob Bruce Springsteen einfach nur Hunger gehabt hatte, als er ,Hungry Hearts‘ schrieb? Ich war völlig unfähig, an etwas anderes zu denken als an Essen – Pasta Bolognese! Falafel! Pizza! – und hörte Marie nur mit halbem Ohr zu. Ich solle doch nicht so weit entfernt sitzen, sagte sie und ignorierte meinen grummelnden Magen, der immer lauter wurde. Ich war verwirrt: Marie war eines meiner ersten Tinderdates, ich war fest davon ausgegangen, dass wir kochen und uns kennenlernen würden, mehr nicht. Ein fataler Irrtum. Ich rutschte näher – und sie küsste mich. Überrascht machte ich mit, hätte ihr aber beinahe in die Lippe gebissen. Marie zog sich schnell aus, ich mich auch. So war es wenigstens zum ersten Mal kühler – aber nicht lange.

Der Sex hatte meine allerletzten Reserven aufgebraucht. Roch es im Flur etwa nach Schweinebraten?

Eins führte zum anderen und wir hatten Sex. Ich konnte noch immer nur an Essen denken und fantasierte mittlerweile von einem ganzen Buffet. Alles, wonach ich mich sehnte, war Abkühlung und Essen. Erst jetzt wurde mir endgültig klar, dass Marie nie geplant hatte, mit mir zu kochen. Nach dem Sex sammelte ich meine Sachen auf und entschuldigte mich ins Bad. Mir war mittlerweile schwindelig vor Hunger. Der Sex hatte meine allerletzten Reserven aufgebraucht. Roch es im Flur etwa nach Schweinebraten? Offenbar hatte mein Körper beschlossen, sich wenigstens Essen einzubilden, wenn er schon keine echte Nahrung bekam. Instinktiv rief ich meinen besten Freund an. Ich fragte, was er gerade mache und ob ich dazukommen könne. Und dann, die erlösenden Worte: ,Wir sind auf dem Weg zum Dönerimbiss, sollen wir dir etwas mitbestellen?‘ Rettung war also in Sicht. Ich schlich zurück in Maries Zimmer. Marie wirkte entspannt und kein bisschen hungrig. Wahrscheinlich hatte sie gegessen, bevor ich kam.

Ich faselte etwas davon, dass ich morgen früh arbeiten müsse und sowieso jetzt losmüsse, ich hätte eine Verabredung vergessen. Etwas Besseres fiel mir in meinem Delirium aus Hunger und Hitze nicht ein. Ich verabschiedete mich unter Maries Murren und setzte mich in den Bus zu meinen Freund:innen, die mit einer Dönerpizza an der Haltestelle auf mich warteten. Die Fahrt dauerte fünf Stunden – zumindest kam es mir so vor. Mit jedem Stopp wurde ich ungeduldiger, das Ruckeln des Busses bohrte ein zusätzliches Loch in meinen Bauch. Und dann endlich hielt ich den warmen Pizzakarton in meinen Händen. Bei einem Essenswettbewerb hätte ich an diesem Tag sicher gute Chancen gehabt. Ich verschlang die Pizza an der Haltestelle in Rekordzeit. Noch nie hat mir etwas so gut geschmeckt.“

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