Die Date-Killer-Lebensmittelallergie

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Dating-Situation: Spontanes Date mit zukünftigem Mitschüler 

Geschlecht, Alter und Vibe des Dates: Männlich, 19, der coole Bad-Boy in Lederjacke 

Horrorstufe: 8 von 10

Für mein 17-jähriges Ich ist es die beste Whatsapp-Nachricht ever: „Hey, wollen wir uns mal treffen, bevor die Schule los geht? LG Fabian*“ 

Fabian? Wer ist das? Ich klicke auf sein Profilbild und ein gutaussehender Junge lächelt mir entgegen. Er muss wohl aus meiner neuen Klasse sein. In einer Woche geht die Fachoberschule los und ich bin die Einzige, die in eine ganz neue Klasse gesteckt wurde. Meine Nummer hat er wohl aus der neu erstellten Gruppe.

Mir springt beim Lesen der Nachricht fast das Herz aus der Brust. Ich schmeiße mein Handy vor mir aufs Bett, als wäre es giftig, rolle mich zu einer kleinen Kugel zusammen und überlege, was ich ihm jetzt antworten soll. Ich kenne diesen Fabian überhaupt nicht, aber ich fühle mich trotzdem extrem geschmeichelt. Vielleicht gefällt ihm mein Profilbild und er hat mich deshalb angeschrieben? Vielleicht hat er auch einfach alle Mädchen angeschrieben und es ist nichts Besonderes? 

Aber soll ich mich wirklich mit einem fremden Typen treffen? Was ist, wenn er total komisch ist? Andererseits ist es ja ganz gut, wenn ich am ersten Schultag schon jemanden kenne. Und sein Profilbild sieht auch sympathisch aus. Also antworte ich: „Ja klar, können wir gerne machen. Wann?“ Wieder schmeiße ich mein Handy weg vor lauter Aufregung. Es vibriert. „Wie wärs gleich heute? Ich kann dich abholen und wir gehen was essen.“ Okay, das geht schnell. „Egal, trau dich mal was Johanna!“, feuere ich mich selbst an und willige ein. 

Pünktlich um 20 Uhr fährt er mit einem Auto vor. Ich steige ein, wir unterhalten uns kurz und fahren zu einem Restaurant in der Nähe. Fabian ist charmant und sieht wirklich gut aus. Der Kellner führt uns zu einem abgelegenen Tisch in der Ecke – ziemlich romantisch eigentlich. Ich greife zu den Menükarten und bin ganz überrascht, als ich sehe, dass es sogar eine für Allergiker gibt. A steht darin für Gluten und G für Milcherzeugnisse. Bei beidem reagiere ich allergisch. Und was das bedeutet, muss Fabian ja nicht gleich beim ersten Treffen erfahren. Denn beim letzten Mal verbrachte ich die ganze Nacht mit einem Eimer im Arm auf dem Badezimmerboden vor der Toilette. 

Also entscheide ich mich für den Lachs, neben dem keine Hinweise auf Milch oder Gluten stehen. Vorsichtshalber frage ich trotzdem den Kellner. Er bestätigt mir, dass im Gericht weder Milch noch Gluten zu finden seien. Na dann. 

Während des Essens unterhalten wir uns gut, lachen viel und ich bin froh, mit ihm ausgegangen zu sein. So wird mir der erste Schultag, an dem man sowieso sehr aufgeregt ist, viel leichter fallen. Als ich ein weiteres Stück von meinem Lachs abschneide, bemerke ich das laute Gluckern in meinem Bauch. Zwei Bissen später steigt mir plötzlich die Hitze in den Kopf und ich merke, dass mir übel wird. Ich versuche, mich auf unser Gespräch zu konzentrieren, ihm zuzuhören, doch meine Übelkeit wird immer schlimmer. Schweiß läuft mir den Rücken herunter und die Welt um mich herum beginnt sich zu drehen. Da wird mir klar: Der Lachs war wohl in Butter geschwenkt oder mit etwas Weizenmehl paniert. Ich muss so schnell wie möglich nach Hause! 

Auf halber Strecke übergebe ich mich mitten auf den Bürgersteig

Also tue ich so, als würde mich meine Mutter anrufen, stehe auf und gehe kurz hinaus. An der frischen Luft merke ich, wie schlecht es mir geht. Zurück am Tisch erzähle ich ihm, dass meine Eltern wollen, dass ich sofort nach Hause komme. Als er nach dem Grund fragt, denke ich mir irgendeine schlechte Lüge aus. Er besteht darauf, mich nach Hause zu fahren. Also zahlen wir und steigen ins Auto. Auf der Heimfahrt sage ich kein Wort, denn ich muss mich konzentrieren, ihm nicht ins Auto zu kotzen. Als Fabian auf dem Parkplatz vor dem Haus hält, reiße ich die Autotür auf, presse noch ein „Tschüss und Danke“ hervor und laufe panisch den Weg zum Haus entlang.

Aber ich komme nur wenige Meter. Auf halber Strecke übergebe ich mich mitten auf den Bürgersteig. Beschämt drehe ich mich zu Fabian um, der mittlerweile total geschockt neben seinem Auto steht. „Ist alles in Ordnung?“ fragt er. „Nein, ist es nicht! Was denkst du denn?“, frage ich mich wütend, sage aber etwas ganz anderes: „Ja, alles gut, ich habe das Essen wohl nicht vertragen.“ Er nickt nur langsam und starrt mein Erbrochenes an. „Sorry, bis dann“, stammle ich und zwinge mich, zum Abschied zu lächeln. 

Den einzigen Menschen, den ich jetzt aus dieser Klasse kenne, will ich auf jeden Fall nie wieder sehen. Ich rufe meine beste Freundin an. Sie geht ab nächster Woche auch auf die Fachoberschule, jedoch in eine andere Klasse. Ich erzähle ihr alles und gemeinsam hecken wir einen Plan aus, wie ich es schaffe, Fabian wirklich nie wieder sehen zu müssen.

Ich stellte einen Antrag zum Klassenwechsel, erzähle, dass ich Allergikerin bin und meine Freundin die einzige Person sei, die mir in einer Notfallsituation helfen könne. Das Schicksal hatte wohl Mitleid mit mir, denn die Schule genehmigte meine Bitte. Und so musste ich Fabian nur noch ab und an auf den Gängen begegnen. 

Jetzt, sechs Jahre später, kann ich darüber nur lachen. Ich würde damit jetzt locker umgehen und ihm einfach von meiner Lebensmittelunverträglichkeit erzählen. Meinem 17-jährigen Ich aber war vor dem anderen Geschlecht so ziemlich alles peinlich. Vor allem, wenn es um irgendwelche Körperflüssigkeiten ging. Jungs sollten bei mir doch in dem Glauben bleiben, dass Mädchen nicht kotzen und Rosen kacken. So gedacht zu haben, ist das Einzige an dieser Geschichte, das mir heute noch peinlich erscheint. 

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