Frauen of Color, wollt ihr einen Alman daten?

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Liebe Schwarze Frauen und Frauen of Color,

er heißt Sebastian oder Michael, sieht gut aus, ist lustig, eigentlich das ganze Programm. Nur: Er heißt eben Sebastian oder Michael. Und ist einer der unzähligen weißen, deutschen Sebastians und Michaels, an denen ihr kaum vorbeikommt, wenn ihr euch an der Uni, auf Tinder oder im örtlichen Angelverein (vor allem dort) nach einem potenziellen Partner umschaut. Was macht ihr? Gebt ihr ihm eine Chance? Oder hält euch die Sorge vor so etwas wie beziehungs-internem Rassismus davon ab?

Ich und Rassismus?! Geht’s noch?!

Viele von uns biodeutschen Männern werden hier empört aufschnauben – Moment mal! Werde ich hier etwa mit anderen über einen Kamm geschert? Was hat der gegen den schönen Namen Sebastian? Und außerdem: Ich und Rassismus?! Geht’s noch?! 

Und da liegt dann vermutlich auch das Problem. Denn die meisten von uns (mich eingeschlossen) hatten durch unser privilegiertes Dasein nie das Bedürfnis, uns wirklich mit dem Thema Rassismus zu befassen. Wir haben ganz einfach keine Ahnung davon, was es wirklich bedeutet, in diesem Land nicht Hoffmann oder Huber zu heißen, ganz zu schweigen davon, nicht wie Hoffmann oder Huber auszusehen. Unsere Vorstellung von Rassismus hat irgendwas mit wütenden Dorf-Nazis zu tun und ist sicher nichts, dem wir unsere Partnerin in einer Beziehung aussetzen würden.

Ist euch eure Zeit nicht zu kostbar dafür, eurem Schatzi einen Rassismus-Grundkurs zu halten?

Und das müsste in einer Beziehung zwangsläufig zu Spannungen mit euch führen. Zum Beispiel, wenn wir die zusätzliche Belastung, die euer Of-Color-Sein mit sich bringt, nicht anerkennen, berücksichtigen und durch unsere privilegierte Position auszugleichen versuchen. Wir würden uns wundern, warum ihr euch auf einer ganz normalen WG-Party unwohl fühlt – ohne darauf zu kommen, dass ihr die einzige Person of Color im Raum seid. Wenn wir beide abends erschöpft nach Hause kämen, würden wir uns bei euch über unseren stressigen Tag ausheulen, während ihr zu eurem genauso stressigen Tag noch die ganzen Blicke, Sprüche, strukturellen Benachteiligungen und Mikroaggressionen aushalten musstet, von denen wir keine Vorstellung haben. Und die wir dann wahrscheinlich auch noch bestreiten oder kleinreden würden, wenn ihr uns davon erzählt. Und selbst, wenn wir all das theoretisch wissen und uns bemühen – ist euch trotzdem manchmal zu bewusst, dass wir zur weißen Mehrheitsgesellschaft gehören und ihr nicht? 

Haltet ihr euch also trotz eines Überangebots an weißen Männern lieber an Männer of Color? Weil euch eure Zeit zu kostbar ist, um sie damit zu verbringen, eurem neuen Schatzi erstmal einen mühsamen Rassismus-Grundkurs zu halten? Weil ihr an all die Situationen denkt, in denen das Rassismus-bedingte Ungleichgewicht in eurer Beziehung offensichtlich wäre? Wenn ihr bei der Wohnungssuche lieber seinen Namen nennt und euren verschweigt? Wenn euch beim Familienfest die Tante dafür lobt, wie gut ihr Deutsch könnt? Welche Konflikte tun sich in euch auf, wenn sich nach einem flotten Flirt im Club Kartoffel-Karsten oder Alman-Axel wieder melden? Habt ihr Angst, dass ihr euch selbst verratet, wenn ihr euch emotional zu fest bindet an einen Vertreter einer gesellschaftlichen Gruppe, die dafür verantwortlich ist, dass ihr und Menschen, die aussehen wie ihr euer ganzes Leben lang Diskriminierung erfahrt?

Eure weißen Männer

Die Antwort: 

Liebe biodeutsche Männer,

aber vor allem liebe Kartoffel-Karstens und Alman-Axels. Richtig beobachtet! Für Frauen of Color kommt es kaum in Frage, auf Tinder nach einem Partner zu suchen. Bei all den dort anwesenden Sebastians und Michaels freuen wir uns, wenn wir einen Uche (sprich: Utsche) oder Carlos finden. Das gilt auch, wenn wir in der Uni oder beim Feiern nach einem potenziellen Partner suchen. Und wisst ihr, warum? Biodeutsche Männer sehen einfach alle gleich aus! Kleiner Scherz. Wir haben natürlich gelernt, die Ryan Reynolds und Ryan Goslings dieser Welt zu unterscheiden. Viel mehr schrecken uns die Kosenamen „Sexy Mama“, „Rihanna“ oder „Hotte Schokogöttin“ ab. Und die hören wir leider ziemlich häufig. Wann und wo sollen wir beginnen, euch zu erklären, wie problematisch diese Aussagen sind? Nach dem ersten oder dem zweiten Date? Vor oder nach dem ersten Kuss? Tut uns den Gefallen und swipet links!

Das mit dem örtlichen Angelverein ist auch so eine Sache. Die Wahrscheinlichkeit, dass nur weiße Männer Mitglieder dieses Vereins sind, ist besorgniserregend hoch. Und mit Sicherheit findet uns dort mindestens einer eurer Kollegen „schön und exotisch“. Nein, das ist nicht nett gemeint. Und nein, das ist kein Kompliment. Ihr fragt euch, wieso das so ist? Spätestens jetzt müsste ich für meinen Schatz den Rassismus-Grundkurs halten. Da, das muss ich einmal so deutlich sagen, habe ich wirklich keinen Bock drauf.  

Ihr könnt rassistisch sein, obwohl ihr Frauen of Color datet

Natürlich gibt es biodeutsche Männer, die gut aussehen, reflektiert und lustig sind. I see you, Kartoffel-Karsten! Einige von euch haben auch schon Schwarze oder andere Frauen of Color gedatet. Ihr könnt also gar nicht rassistisch sein, meint ihr? Denkste! Das merke ich, wenn die Tante auf der Familienfeier meine Deutschkenntnisse lobt oder auf der WG-Party Fremde meine Haare anfassen, ich davon dann meinem Lebensabschnittspartner erzähle – und dieser das alles „nicht so schlimm“ findet. Dann, liebe weiße Männer, habe ich schlechte Neuigkeiten. Denn Rassismus beginnt da, wo People of Color ihn verspüren. Ich würde sagen, genau hier.

Versteht mich nicht falsch, manche von euch arbeiten an sich. Eure Privilegien sind euch bewusst und ihr bemüht euch. Wirklich! Wir sehen das. Und da kann es schon sein, dass wir in Erwägung ziehen, mit euch auszugehen. Oder sogar eine Beziehung mit euch eingehen – wo die Liebe eben hinfällt. Trotzdem wird euer Umfeld vermutlich nicht ganz so aufgeklärt sein, wie ihr es seid. Ganz zu schweigen davon, dass eure Familie vermutlich zu 99 Prozent weiß ist. Als einzige Person of Color kann das für uns richtig unangenehm werden. Denn als Teil der weißen Mehrheitsgesellschaft wird auch euch, liebe woke, weiße Männer, nicht jede Beleidigung auffallen. Ihr habt den Rassismus-Grundkurs vielleicht schon hinter euch, doch auch der Rassismus-Kurs für Fortgeschrittene kostet uns Kraft. 

Und meine Zeit ist mir definitiv zu kostbar dafür, euch zu erklären, was Mikroaggressionen sind. Ich möchte nach einem stressigen Tag meine Rassismuserfahrungen nicht verteidigen müssen. Und nach einem ruhigen Arbeitstag will ich das ehrlich gesagt noch weniger. 

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass wir, Frauen of Color, doppelter Diskriminierung ausgesetzt sind. Das bedeutet, dass wir jeden Tag gegen Sexismus und Rassismus kämpfen müssen. Kleines hypothetisches, aber leider auch realistisches Beispiel gefällig? Am Equal Pay Day sagt mein Chef zu mir das N-Wort und fordert mich bei den Verhandlungen für eine faire Bezahlung dazu auf, nicht so aggressiv zu werden: „Jetzt beruhig dich doch erstmal!“. 

Das Rassismus-bedingte Ungleichgewicht in der Beziehung bedeutet mehr Arbeit

Liebe weiße Männer, wie ihr seht, schaffen wir, Frauen of Color, Großartiges. Tag für Tag. Wir wollen keine zusätzliche, kostenlose Aufklärungsarbeit leisten. Schon gar nicht für unsere privilegierten Partner. Ihr seid Teil der weißen Mehrheitsgesellschaft, wodurch ein Rassismus-bedingtes Ungleichgewicht in der Beziehung entsteht, da habt ihr Recht. Bevor ihr also eine Schwester datet, fragt euch, ob ihr bereit seid, an euch, der potenziellen Beziehung und gegen das strukturelle System zu arbeiten. Befasst euch mit euren Privilegien und werdet keine „alten, weißen Männer“. Und fragt uns nie, nie, nie wieder, ob wir twerken können.

Eure Schwarzen Frauen und Frauen Of Color

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