Horror-Mitfahrgelegenheit: Der geklaute Fahrgast

Manchmal wird die Mitfahrgelegenheit zum Horror-Trip. Diesmal: Zwischen zwei rivalisierenden Mitfahr-Clans.
Von Camilla Kohrs

Illustration: jetzt

Die Strecke: Von Köln nach Berlin

Der Fahrer: Ein Fahrgast-Dieb

Die Horrorstufe: 9 von 10

Gewerbliche Fahrer gelten als die „Schwarzen Schafe“ unter den Mitfahrern, trotzdem habe ich eigentlich gern bei ihnen gebucht. Sie sind meistens günstiger, trödeln nicht rum und wollen keine tiefsinnigen Gespräche führen. Für sie ist es einfach nur ein Job, keine Lebenseinstellung – was die Fahrt sehr entspannt macht.

Das dachte ich zumindest, bis zu diesem einem Sommertag vor ein paar Jahren. Mit einer Freundin wollte ich von Köln nach Berlin fahren und von dort aus weiter zu einem Festival, deswegen standen wir schwer bepackt mit Rucksack, Zelt und Gummistiefeln an der Rückseite des Kölner Hauptbahnhofs.

Wir wussten nur, dass es ein Minibus sein wird

Die gewerblichen Fahrer, das muss man dazu wissen, gaben sich meistens falsche Namen, wie Stefan oder Thomas. Irgendwas sehr deutsches, obwohl sie selbst oft einen osteuropäischen oder arabischen Hintergrund haben. Derjenige, bei dem man bucht, ist normalerweise nicht der Fahrer, sondern ein Mittelsmann. Und der kann einem nur sagen, dass man mit einem Minibus fahren wird, nicht aber welche Farbe und Kennzeichen der Wagen habe und welche Zwischenhalte noch geplant seien. Aber okay, 20 oder 25 Euro für 600 Kilometer kommen halt nicht einschränkungsfrei daher.

Bei den Parkplätzen auf der Rückseite des Hauptbahnhofs entdeckten wir einen solchen Thomas mit Minibus, der neben dem Busbahnhof parkte. Meine Freundin Rebecca und ich gingen hin. „Hallo, ich bin Camilla, sind Sie der, bei dem ich gebucht habe?“, fragte ich. „Nach Berlin?“, fragte er zurück. „Ja“, sagte ich, „Ja, ja“, antwortete er.  Wir stiegen ein und fuhren los. Gerade aus Köln raus, auf der Autobahn Richtung Dortmund (erste von drei Zwischenstationen), klingelte mein Handy. Unbekannte Nummer. „Wo seid ihr, wir warten hier!“, sagte eine männliche Stimme.

„Wer ist da?“

„Die Mitfahrgelegenheit, du hast zwei Plätze gebucht.“

„Das ist komisch, ich sitze schon in einer.“

„Aber du hattest bei mir gebucht.“

So ging es noch ein paar Sätze hin und her. Bis zu diesem Punkt ging ich davon aus, dass es sich einfach um eine schlechte Organisation handele. Zwei Fahrer, die nach Berlin fahren und beide sollten mich mitnehmen. Der Mann, nennen wir ihn Stefan, legte auf und rief dann nochmal an. Wie der Fahrer aussehe, bei dem ich mitfahre, wie das Auto. Ich erklärte ein wenig, dann rastete der Stefan aus. „Diese A....löcher!“ Mein Fahrer Thomas, so lernte ich nun, gehörte zu einer Gruppe, gebucht hatte ich aber bei der anderen. Die Masche: Die Gruppe von Thomas fährt die Strecken vor der anderen ab, um deren Fahrgäste einzusammeln. Ich entschuldigte mich bei Stefan am Telefon und wir legten auf. Damit wäre die Sache erledigt, dachte ich. War sie nicht.

Wer schon einmal die Strecke Köln – Berlin gefahren ist, kennt Garbsen Süd, den Autorasthof bei Hannover, der ziemlich genau auf halber Strecke liegt. Dort hielten wir für eine Pause. Der Fahrer und einige andere Fahrgäste verschwanden auf Toilette und im Shop, Rebecca und ich warteten beim Wagen.

Wir hatten uns gerade eine Zigarette angezündet, als mit quietschenden Rädern ein anderer Minibus auf der Fahrbahn hielt und unseren Wagen zuparkte. Ein Mann sprang raus. „Seid ihr Rebecca und Camilla?“, rief er und kam auf uns zugelaufen. Wir nickten. „Wo ist der Fahrer?“ Wir sagten nichts, zu überrumpelt waren wir. „Auf der Toilette?“, rief er und war schon an uns vorbeigelaufen.

„Die haben sich eben fast aufs Maul geschlagen“

Rebecca und ich schauten uns ratlos an. Dann kam einer unserer Mitfahrer von der Toilette zurück: „Unser Fahrer streitet sich richtig krass mit so einem anderen Typen“, sagt er. „Die haben sich eben fast aufs Maul geschlagen.“ Offenbar hatte Stefan Thomas auf der Toilette gestellt - offensichtlich kannten die beiden sich schon. Kurz danach kamen sie wieder raus, glücklicherweise unverletzt. Sie schrien sich an, es fielen Sätze wie: „Ich mach’ dich fertig!“. Ich fühlte mich mittlerweile wie einer der tragischen Statisten in einem Mafia-Film: Zur falschen Zeit im falschen Auto. 

Irgendwann hatten die beiden sich nichts Neues mehr zu sagen und fotografierten sich gegenseitig. Die Fahrt durfte weitergehen. Auch hier hätte die Geschichte wieder vorbei sein können, aber Stefan hatte so seine Schwierigkeiten loszulassen. Er fuhr weiter neben und hinter uns her, hupte mit Licht und Ton, schwenkte zur Seite, als wolle er uns rammen. Gleichzeitig schaffte er es, offenbar ein Multitaskingtalent, mich permanent anzurufen. Wenn ich nicht ranging, machte er mit der Hupe auf sich aufmerksam. 

So ging es rund 200 Kilometer, bis wir kurz vor Berlin in so dichten Verkehr kamen, dass wir ihn verloren. Am Berliner Hauptbahnhof liefen wir schnell in das Gebäude - dem anderen Fahrer wollten wir wirklich nicht noch einmal begegnen. Auf dem Festival angekommen, machte ich mein Handy für ein paar Tage aus.

Als ich es auf der Rückfahrt (dieses Mal mit einem Bus) wieder einschaltete, hatte ich x-verpasste Anrufe von dem Fahrer und Mailboxnachrichten. Das war meine letzte Fahrt mit einem gewerblichen Fahrer. 

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