Horror-Mitfahrgelegenheit: Der Bruce-Willis-Verschnitt mit Vorliebe für Schnulzen

Manchmal wird die Mitfahrgelegenheit zum Horrortrip. Zum Beispiel, wenn der Fahrer dringend zu einem Kunden mit Privat-Therme muss.
Von Stefanie Witterauf
horrormitfahrgelegenheit rasender schnulzensaenger cover

Illustration: jetzt

Die Strecke: von München nach Graz

Der Fahrer: ein Rohrspezialist aus Ungarn

Horrorstufe: 7 von 10

Es war ein heißer Sommertag im Juni vor zwei Jahren. Die Fahrt hatte ich über eine bekannte Mitfahrgelegenheits-Plattform gebucht und meine Tasche zum Glück mit zur Uni genommen. Denn viel früher als ausgemacht schrieb mir der Fahrer, dass er schon da sei. Also ließ ich die Vorlesung ausfallen und ging direkt zum Treffpunkt. Eineinhalb Stunden früher als geplant stieg ich in sein Auto ein, das mit hellen Lederbezügen ausgestattet war. Neben mir der Fahrer, der aussah wie „Stirb langsam“- Bruce Willis in einem Matrix-Film: keine Haare, dunkle Sonnenbrille, sehr männlich. Er hatte es eilig, wir rasten los. Mit knapp 200 km/h Richtung Süden. 

Richtig wohl fühlte ich mich nicht. Den Fahrer fand ich gruselig, den Smalltalk sparten wir uns und als ich fragte, wo er mich in Graz rauslassen könne, sagt er nur: „Später.“ Die Stimmung blieb so eisig wie die Klimaanlage. Dann drehte er das Radio auf, die Lautsprecher wummerten. Adele klang bei gefühlten 100 Dezibel noch gequälter als sonst.

Adele: „There’s such a difference between us – and a million miles“

Adele und Fahrer:  „HELLO FROM THE OTHER SIIIIIIDE!“

Seine Hingabe machte mich sprachlos. Ich versuchte, nicht zu lachen. Nach ihrem Duett drehte der Fahrer die Musik wieder leiser, der Song dröhnte in meinen Ohren nach. Er entschuldigte sich für die Karaoke-Einlage, das Lied sei einfach so schön. Das beruhigte mich: Wer kann schon gefährlich sein, wenn er traurige Liebessongs so abfeiert? Sympathisch war er mir trotzdem nicht. Bei unserer Geschwindigkeit würde die Fahrt ja eh nicht so lange dauern, dachte ich.

Aquaplaning bekam auf der Höhe von Salzburg zum ersten Mal in meinem Leben eine Bedeutung

Vielleicht war sein Singen ein Bonding-Moment, denn wir fingen doch an, uns höflich zu unterhalten. Die Stimmung wurde lockerer. Der Fahrer kam aus Ungarn, telefonierte immer wieder gestresst mit einem Headset. Zwischen seinen Telefonaten, die ich nicht verstand, gab es einen Mini-Sprachkurs für mich: „borsó“ heißt auf Ungarisch Erbsen, das Wort sei aus „bors“ Pfeffer und „só“ Salz zusammengesetzt. Das kann ich mir bis heute merken, seinen Namen habe ich vergessen. Er lebe in der Schweiz, sei Spezialist für Rohre für Thermenanlagen und auf dem Weg zu einem Kunden in Österreich.

Plötzlich entlud sich der gesamte angestaute Regen der vergangenen Wochen und es fing an zu schütten. Aquaplaning bekam auf der Höhe von Salzburg zum ersten Mal in meinem Leben eine Bedeutung. Wir fuhren langsamer. Es hagelte so stark, dass wir von der Autobahn runter mussten. Wir standen eine Weile unter einer Brücke, ich fotografierte den Hagel, der Fahrer telefonierte. Er wurde immer nervöser. 

Durch das Unwetter hatten wir Zeit verloren. Wir rasten wieder über die Autobahn. Er war spät dran, deswegen fragte er mich, wann ich in Graz sein müsse. Ich zuckte mit den Schultern, mir war das eigentlich egal. Weil er so nervös war, stimmte ich also zu, dass ich vorher mit auf seinen Termin komme und er mich dann vor die Haustür meiner Freundin in Graz kutschieren würde. 

Vor dem Eingang stand ein Brunnen mit einer gusseisernen Frauenskulptur

Wir fuhren an Feldern vorbei, immer noch schnell, aber keine 200 km/h mehr. Die Dörfer lagen immer weiter auseinander, ich sah Kirchtürme auftauchen und wieder verschwinden. Die Landschaft wurde immer idyllischer, die Sonne tauchte wieder auf und dann hielten wir vor einem riesigen Haus, irgendwo in der Steiermark. 

Vor dem Eingang stand ein Brunnen mit einer gusseisernen Frauenskulptur, daneben eine Säule, auf der eine Eule aus Stein ragte, dazwischen eine Palme und hinter ein paar Büschen sah ich einen Turm, der wohl zur hauseigenen Therme gehörten musste. 

Ich stieg mit aus, weil ich auf die Toilette musste. Der Hausbesitzer, ein alter Mann mit weißen Haaren, führte mich durch das dekadent eingerichtete Wohnzimmer zur Gästebadezimmer im Erdgeschoß. Ich war mir sicher, dass er Millionär sein musste, wer sonst hat eine eigene Therme? Im Badezimmer gab es zwei Kloschüsseln, was mich verwirrte. Von allem gab es hier ein bisschen mehr. Alles ein bisschen drüber. 

Ich fragte, ob ich mich auf der Terrasse an den runden Tisch setzen dürfe, um zu warten, solange die beiden ihre Geschäfte besprachen. Der Mann bot mir ein Bier an, das ich dann aus einem Glas mit Goldrand trank. Es dauerte eine knappe Stunde. Als wir losfuhren, fing es wieder an zu regnen.  

Eigentlich hatte ich gedacht, dass wir uns mittlerweile ganz gut verstehen würden. Aber jetzt, nachdem der Fahrer seinen Termin erledigt hatte, wollte er mich schnell loswerden. Er schlug vor, mich an der nächsten Raststätte rauszulassen. Irgendwo zwischen den kleinen Dörfern, etwa 30 Kilometer von Graz entfernt. Ich protestierte, wie sollte ich da denn wieder wegkommen? Mittlerweile schüttete es wieder. Wir diskutierten und am Ende fuhr er mich doch in die Stadt. Er murrte, fing an mehr Geld zu fordern, das fand ich unfair. Wir stritten, aber ich hatte auch Angst, dass er mich aus dem Auto werfen würde. Also hielt ich meinen Mund.

Die letzten Kilometer zusammen war es still. Witzige Gespräche gab es nicht mehr. Keine traurigen Liebessongs. Keine Ungarisch-Nachhilfestunden. In Graz ließ er mich irgendwo in der Stadt raus, natürlich nicht an der versprochenen Adresse. Ich hatte das Geld nicht ganz passend, gab ihm ein paar Euros mehr. Das war mir aber egal. Ich wollte nur raus. Er fuhr dicht an mir vorbei, direkt durch eine Pfütze – ich war von oben bis unten nass. Er raste davon.

  • teilen
  • schließen