Horror-Nachbar: Der Postdieb

Erst klopft täglich die Polizei an die WG-Tür, dann bleibt die Post weg. Unter Verdacht: Der dubiose Nachbar, der zu viel Zeit an den Briefkästen verbringt.
Illustration: FDE

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Manche Nachbar:innen sind schlimmer als andere, in unserer neuen Kolumne erzählen wir von ihnen. Diesmal geht es um Herrn B., der unserer Autorin und ihrer WG mit seiner Rentnerkarriere als Postdieb das Leben schwer machte. 

Horror-Stufe: 9 von 10 

Der Nachbar: weit über dem Rentenalter, irgendwo zwischen Demenz und Genie  Die Wohnatmosphäre: Stasi-Vibes 

„Schön hier.“ Die Hände in die mageren Hüften gestemmt, sah sich Herr B. in unserem noch unmöblierten Wohnzimmer um. Die weißen Haare standen ihm vom Kopf ab, die beige Stoffhose und das Karohemd waren ebenso verknittert wie sein Gesicht, das vage an Albert Einstein erinnerte. „Ja, und wer sind Sie“, fragte ich perplex, den Umzugskarton noch in der Hand.  Ich war gleichzeitig ungläubig und fasziniert angesichts der Dreistigkeit dieses seltsamen Mannes, der sich so casual Zutritt zu unserer Wohnung verschafft hatte. „Ihr Nachbar. Tschüss.“ Mit diesen Worten beendete Herr B. seinen ungebetenen Besuch. Ein Vorgeschmack auf unsere Horror-Nachbarschaft.  

In einer Kleinstadt eine WG mit vier Menschen Anfang 20 zu gründen, klingt wie der Beginn eines schlechten Witzes. Als am ersten Abend nach dem Einzug die Polizei „wegen Ruhestörung“ vor der Türe stand, wurde uns das klar. Wir liefen durch die Nachbarschaft, hinterlegten Telefonnummern und ratterten Entschuldigungen herunter. Seltsamerweise betonten alle, nicht die Polizei gerufen zu haben. Herr B. öffnete auch nach mehrmaligem Klingeln nicht die Tür für uns. Dennoch trafen wir von da an nahezu täglich uniformierte Beamte an unserer Wohnungstür. Zu viert eine Kippe auf der Terrasse? Zehn Minuten später standen genervte Polizist:innen vor der Tür – mal wieder „wegen Ruhestörung“.  

Als ich einmal müde von der Kellnerschicht nach Hause kam, fand ich meinen Mitbewohner in einer Diskussion mit einer wütenden Polizistin vor. Sie beschlagnahmte schließlich seine JBL-Box – „wegen Ruhestörung“ – und mein Mitbewohner bekam ein Bußgeld. „Der Bescheid kommt dann bald, die Box könnt ihr nächste Woche abholen“, sagte die Polizistin, die uns als „Pia, aber mit ‚Ph‘“ im Gedächtnis blieb. 

Warum stand Herr B. eigentlich so viel hinter der Hecke in der Nähe des Briefkastens herum?

In den kommenden Wochen aber war der hinter der Hecke versteckte Briefkasten für das Mehrparteienhaus jeden Tag aufs Neue leer. Für uns kamen außer verknitterter Werbung kaum Briefe an. Spätestens, als Bankunterlagen meiner Mitbewohnerin mehrmals unterwegs „spurlos verloren gingen“, wurden wir misstrauisch. Warum stand Herr B. eigentlich so viel hinter der Hecke in der Nähe des Briefkastens herum? Wir begannen, die Hecke von unserem Wohnzimmerfenster aus zu beobachten. Täglich ging Herr B. zu den Briefkästen und tauchte wenige Minuten später wieder auf. Wir versuchten, ihn zu fragen, was er dort zu tun habe, aber sobald wir in seine Nähe kamen, eilte er davon. Der fehlende Bußgeldbescheid, störte uns jedenfalls nicht so richtig. Dass „Phia“ uns wohl vergessen hatte, wurde bald zum Running-Gag in der WG. 

Eines Morgens beobachtete ich aus dem Wohnzimmerfenster, wie ein Polizeiwagen die Auffahrt hinauffuhr. Ein Polizist stieg aus und warf einen Brief hinter der Hecke in einen der Briefkästen unseres Hauses ein. Als ich kurze Zeit später nach der Post schaute, stellte ich erleichtert fest, dass für uns nichts angekommen war. „Hoffentlich hat Herr B. was abbekommen“, dachte ich noch schadenfroh. Doch einige Stunden später checkten wir den Briefkasten noch einmal. Und erstarrten: Ein brauner Briefumschlag, säuberlich unterschrieben von dem Polizisten, der ihn eingeworfen hatte, lag plötzlich darin. Die bereits aufgerissene Klebekante war mit Tesafilm schlampig wieder zugeklebt worden. Der Brief war geöffnet worden. Ich dokumentierte alles per Foto.  

Zurück in der WG öffneten wir gemeinsam den Brief: „Mahnungen ignoriert … Erzwingungshaft in zwei Tagen.“ Mein Mitbewohner wurde bleich im Gesicht. Mahnungen? Welche Mahnungen? Unser Briefkasten war doch immer leer gewesen. Wir diskutierten. Niemand von uns glaubte mehr, dass die Post wirklich unzuverlässig gewesen war. Und wieso sollten Polizist:innen einen Brief öffnen und mit Tesafilm wieder verschließen? Am Ende waren wir uns sicher: Herr B. hatte über Monate hinweg unsere Post geklaut. Nur dieses eine Mal hatte er sie tatsächlich wieder zurückgegeben. Wahrscheinlich, weil er doch Mitleid mit unserem Mitbewohner und der angedrohten Erzwingungshaft hatte.  

Wir telefonierten mehrmals mit der Polizei („Unser Nachbar hat die Mahnungen geklaut!“ – „Aha.“) und konnten die Erzwingungshaft schließlich doch noch abwenden. Herr B. schien außerdem polizeibekannt zu sein. Das erfuhren wir, als wir unsere Anzeigen wegen „Verletzung des Briefgeheimnisses“ gegen „Unbekannt“ auf der Wache aufgaben. Unbekannt, weil wir leider kaum Beweise für seine Rentnerkarriere als Postdieb hatten. Die Anzeige wurde fallen gelassen, kurz bevor ich die Horror-Nachbarschaft verließ. Herr B., so hört man zumindest, macht den Nachbar:innen aber immer noch das Leben schwer.  

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