Horror-Nachbar:innen: Der Hauswächter

Die Nachbar:innen unserer Autorin sind schlimmer als erwartet. Auf eine pflichtbewusste Vorstellung folgt viel Nähe und vor allem Regeln: keine Partys, Kontrolle der Putzordnung und bloß keine zu lauten Schritte!
Illustration: FDE

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Manche Nachbar:innen sind schlimmer als andere, in unserer neuen Kolumne erzählen wir von ihnen. Diesmal geht es um ein Ehepaar, das unserer Autorin sehr deutlich macht, dass sie und ihre WG im Haus ungebeten sind. 

Horror-Stufe:  5 von 10 

Die Nachbar:innen: Anette und Karl-Heinz (beide Namen geändert), wohnen schon sehr lange im Haus 

Der Vibe: Zu viele Regeln, zu wenig Distanz 

Kurz vor Silvester im Jahr 2020 zogen wir zu viert in eine neue Wohnung, um eine WG zu gründen. Pflichtbewusst stellten wir uns den neuen Nachbar:innen vor. Während zwei der drei „Hallo, wir sind die Neuen“- Gespräche zügig abgehakt waren, verlagerte sich das dritte schnell vom Türrahmen ins Wohnzimmer: Anette und Karl-Heinz baten uns recht eindringlich „auf ein Kippchen“ zu sich herein. Die Wohnung (inklusive Hausflur) roch derart nach Rauch, dass ich mit Übertreten der Türschwelle das Gefühl hatte, direkt zwei Packungen zu inhalieren. Wir ließen uns nichts anmerken und lächelten, schließlich wollten wir einen guten Eindruck bei den Haus-Ältesten hinterlassen. Die beiden zündeten sich erst einmal E-Zigarette (Karl-Heinz) und Old-School-Kippe (Anette) an.  

„Wir wollten eh keine WG hier haben“

Der erste Eklat mittlerer Eskalationsstufe ereignete sich bei der Wahl unserer Sitzmöglichkeiten. Ole (Name geändert), einer meiner Mitbewohner, setzte sich auf einen dunkelblauen Ohrensessel in der Ecke des Wohnzimmers. Anette hielt inne, Karl-Heinz schnappte nach Luft. Der Grund: Ole hatte sich mit seinem unwürdigen Hintern auf den Sessel des vor eineinhalb Jahren verstorbenen Beagles Balou gesetzt. Nachdem diese Info sehr leise und sehr deutlich über den Couchtisch geraunt worden war, waren die Fronten geklärt. Ole setzte sich auf das Sofa gegenüber. Es folgte eine ausführliche Einweisung in die Hausregeln, die Karl-Heinz aufgestellt hatte. Er referierte sie sehr ernst, während er an seiner E-Zigarette zog. Zuvor stellte er einmal klar: „Wir wollten eh keine WG hier haben.“  

  • Keine Partys, kein Türenknallen, keine Begrüßungen im Hausflur und absolute Stille auch auf dem Balkon.  
  • Mülltonnen nicht befüllen, wenn sie gerade abgeholt wurden. Stattdessen gehöre der Plan auswendig gelernt, mindestens aber ausgedruckt, um Müll stets passend zur Müllabfuhr zu entsorgen. 
  • Anbringen eines „Hier keine Werbung“-Stickers auf jedem Briefkasten. Zitat Karl-Heinz: „Das gehört zum guten Ton.“ 
  • Regelmäßige Kontrolle des Putzdienstes, der den Hausflur reinigt. Manchmal sei der zu spät, fast immer reinige er nicht ordentlich genug.  
  • Auslegen eines Teppichs in unserem Flur, da unsere Schritte sonst zu laut seien. Zudem Anbringen von Filzpuffern unter jedem Stuhl.  

Wir nickten an den richtigen Stellen und waren, bevor es zum Nikotin-Flash kommen konnte, wieder in unserer Wohnung, eine Etage höher. Nach Karl-Heinz' Crash-Kurs verlief alles erstmal reibungslos. Wir füllten die Mülltonnen zum richtigen Zeitpunkt, und waren wir doch mal zu spät dran, wurden wir nicht entdeckt. Obwohl wir keinen Sticker an unseren Briefkasten klebten, blieben die Konsequenzen aus. Nur wenige Male gab es böse Blicke über Karl-Heinz' randlose Brille: Als wir einen Teppich auf dem Balkon ausklopften und Staub auf ihrem Balkon landetete. Als wir an einem Nachmittag Bierflaschen zu laut in die Kiste zurückräumten. Und zu den Absätzen der Partypumps von meiner Mitbewohnerin und mir: „Wat klackert denn bei euch so, habt ihr keinen Teppich im Flur?“ 

Bis anderthalb Stunden nach Silvester. Während gerade „Unwritten“ über unsere Musik-Box in den Innenhof schallte, wir mit Billig-Secco anstießen und die Nachbar:innen von Gegenüber sich von ihrem Balkon aus den nächsten Song wünschten, klopfte es an der Tür. Es war Karl-Heinz. „Das, was hier gerade passiert, ist genau das, was wir hier nicht haben wollen!“ Ole machte kurzen Prozess und knallte ihm ohne Kommentar die Tür vor der Nase zu. Nach kurzer Krisen-Sitzung entschieden wir uns aus Gründen der Schadensminimierung allerdings, mit einem Entschuldigungsbier runterzugehen.  

Karl-Heinz aschte einfach auf unseren Küchenboden

Das klappte so gut, dass Anette und Karl-Heinz für viel zu viele weitere Drinks mit in unsere Küche kamen. Und einfach nicht mehr gehen wollten: Blicke zur Tür, Gähnen und auch ein „Puh, jetzt ist es aber schon spät!“ wurden komplett ignoriert oder mit Liedwünschen nach ACDC beantwortet. Wir erfuhren, ohne gefragt zu haben, wie Karl-Heinz Anette damals für sich gewinnen konnte, obwohl diese eigentlich einen Freund hatte. Dass Anette durch diverse Eingriffe jetzt Schrauben sowie Metallplatten in sich trage und fast magnetisch sei, und dass Karl-Heinz früher ein ganz Cooler war. Irgendwann saß Karl-Heinz auf unserer Küchenzeile, spielte Luftgitarre und aschte, mittlerweile normale Zigaretten rauchend, einfach auf unseren Fußboden. Anette blickte verliebt rüber und lud uns sogar in ihren Schrebergarten ein. Es schien, als hätten die zwei das wohl schönste Silvester seit Jahren – und wir im Gegenzug erst einmal unsere Ruhe.  

So war es auch, zumindest bis zur nächsten WG-Party, bei der Karl-Heinz wieder motzig an unsere Tür klopfte. Von einem Nachbarschaftsbierchen war da keine Rede mehr.  

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