Horror-Nachbar: Geschrei am Morgen

Illustration: FDE

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Manche Nachbar:innen sind schlimmer als andere, in unserer neuen Kolumne erzählen wir von ihnen. Zum Auftakt berichtet unser Autor von einem Mann, der sich zu einem richtigen Feindbild entwickelte.  

Wohnatmosphäre: Zwischen Motivationsseminar und Morgenappell im Hochsicherheitstrakt 

Geschlecht und Alter des Nachbars: männlich, circa 40


 

Horror-Stufe: 7 von 10

Es gibt Dinge, die sich im geschriebenen Wort nur sehr schlecht ausdrücken lassen. Zum Beispiel: „AAAAAAAAHHHHHH! OOOOOHHH!“ Man liest diese Buchstaben, formt sie mit den Lippen vielleicht sogar stumm nach, aber man wird nie einen wirklich authentischen Eindruck davon bekommen, was mein Nachbar da jeden Morgen um 5.00 Uhr (!) für erschütternde Laute aus seinem Fenster geschrien hat. 

Ein Stöhnen war das manchmal. Brunftschreie

Sein Schrei-Zimmer war direkt über meinem, in das ich gerade frisch gezogen war. Und noch bevor ich ihn jemals zu Gesicht bekommen hatte, war ich gezwungen, mir ein Bild von ihm zu machen. Ein Bild, das nur aus diesem einen Laut bestand: „AAAAAAAAHHHHHH! OOOOOHHH!“ Jeden Morgen öffnete er die Fenster zu der kleinen, ruhigen Altstadt-Straße hin und erbrach sich dann verbal in das dämmernde Idyll, als wollte er es mit seiner Stimme entjungfern. Alle, wirklich alle in der Straße mussten von ihm aufgeweckt worden sein. Von diesen völlig stumpfsinnigen, jeder Vernunft spottenden Schreien. Er hörte sich an wie ein verkrampfter Vorort-Spießer, der auf einem Ur-Schrei-Seminar zum ersten Mal sowas wie Gefühle zulässt. Und da waren auch ein paar unerträgliche Nuancen, die fast schon sinnlich klangen. Ein Stöhnen war das manchmal. Brunftschreie. Und dabei immer seltsam deutlich artikuliert: „AAAAAAAAHHHHHH. OOOOOHHH.“ 

Fehlgeleitete Gesangsübungen? Ein Selbstermächtigungsritual? Reine Bosheit? Ich suchte Erklärungen für diesen Wahnsinn, der mich jeden Morgen aus dem Schlaf riss. Aber ich konnte keine finden. Ich ging zweimal nach oben und klingelte, aber keiner machte auf. Auf dem Klingelschild stand ein Doktor vor dem Namen und mein Mitbewohner meinte, dass dieser Nachbar seines Wissens Anwalt sei und öfter im Treppenhaus mit nacktem Oberkörper gesichtet worden war, als er Müll entsorgte oder Pizzabestellungen entgegennahm. Aus diesen spärlichen Informationen bastelte ich mir ein Feindbild, in das ich alle verachtenswerten menschlichen Eigenschaften packte. 

Irgendwann fing ich an, zurückzuschreien

Zwei Wochen nach meinem Einzug kam ein weiteres Element dazu: Nach dem Schreien ließ er jetzt immer schwere Gegenstände auf den Boden fallen. Ich stellte mir die Zwangshandlungen eines kleinlichen, exhibitionistischen Bürokraten vor, der alle Möbel in seiner Wohnung einmal am Tag anheben und fallen lassen musste, bevor der Tag beginnen konnte, um sich seiner eigenen Männlichkeit zu versichern. Irgendwas in der Art. Irgendwann fing ich an, zurückzuschreien. Ich erinnere mich genau an das erste Mal: Er schrie, ich wachte auf und bekam einen Wutanfall. Ich nahm eine halbvolle Plastikflasche, schmiss sie mit aller Wucht gegen die Decke und schrie: „HALT DEIN DUMMES MAUL DU DUMMES A******CH!“  

Nicht meine Glanzstunde. 

Aber er reagierte nicht. Nie. Ich war so verzweifelt, dass ich sogar versuchte, ihn mit einer Freundschaftsgeste zu erreichen: Ich stellte eine Flasche Rotwein mit einem Zettel vor seine Tür, auf dem ich mich vorstellte und ihn umständlich bat, seine Schrei-Übungen doch bitte einzustellen. Er tat es nicht.  

Bis ich ihn dann doch endlich erwischte. Federnden Schrittes, den hageren Oberkörper entblößt, kam er die Treppe herunter, in seinen Händen mehrere leere Pizzakartons. Ich war so überrascht, dass ich nur knapp grüßte. Er grüßte knapp zurück, mit seinen dünnen Lippen, die mir schon so viel Kummer bereitet hatten. Nach ein paar Minuten nahm ich mich zusammen und klopfte an seiner Tür. Er machte auf, nackter Oberkörper, zurückgegeltes Haar. Ich glaubte, einen Hauch von Bräunungscrème unter seinen kleinen Augen zu erkennen. 

„Hallo, ich der neue Nachbar.“ 

„Hallo.“ 

„Ich wollte mal fragen, was Sie da morgens für Gesangsübungen machen. Ist ein bisschen laut.“ 

„Ich weiß nicht, was du meinst.“ 

„Naja, diese Schreie aus dem Fenster.“ 

„Ich weiß nicht, was du meinst.“ 

„Aha. Okay. Komisch. Und dieses Gerumpel? Diese schweren Gegenstände?“ 

„Meine Maschine?“ 

„Wie?“ 

„Meine Muskelmaschine.“ 

Meine Welt war für zweieinhalb Wochen angenehm schwarz und weiß gewesen

Er zeigte mir eine Art Fitnessbank, die als einziger Gegenstand in dem Zimmer über meinem stand. Aha, er ließ wohl seine Gewichte auf den Boden fallen. Er meinte, er könne darauf achten, leiser zu sein. Und er tat es. Was gut war. Auch die Schreie kamen nur noch einmal wöchentlich. Aber irgendwie fand die Geschichte nicht den Abschluss, den ich mir erhofft hatte. Keine Katharsis. Der Lärm war das eine, aber er, dieser deutsche American Psycho, das Objekt meines Hasses, war nicht zu meiner Befriedigung entziffert worden. Der Mann entsprach zwar in seiner skurrilen Art im Wesentlichen dem, was ich mir vorgestellt hatte, aber ich hätte gerne ganz kurz in seinen Kopf geschaut. In diesen versteckten Winkel seines Hirns, in dem der Drang geboren worden war, AAAAAAAAHHHHHH und OOOOOHHH zu schreien. Ohne anscheinend auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass andere Menschen das nicht hören wollten. Ich würde nie erfahren, was da los war.  

Nach unserer Begegnung fehlte mir tatsächlich ein wenig dieses Feindbild, das ich in ihm gesehen hatte. Meine Welt war für zweieinhalb Wochen angenehm schwarz und weiß gewesen. Keine Nuancen. Nur der garstige Schreihals, der für alles Schlechte stand, und ich, der unschuldige, nicht schreiende Mensch der Vernunft. Von da an musste ich mich wieder daran gewöhnen, meine negativen Gefühle auszuhalten. Ich hatte niemanden mehr, auf den ich sie projizieren konnte, ich hatte meinen Sündenbock verloren. 

Aber richtig losgelassen hat er mich nie, der Schreier. Manchmal, wenn ich einen sitzen habe, auf offener Straße, lass ich mich hinreißen zu einem lauten, verblödeten AAAAAAAAHHHHHH, OOOOOHHH. Es ist herrlich. 

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