Horror-Nebenjob: Rikschafahrer und Stadtführer

In dieser Serie erzählen wir von schrägen Nebenjobs. Diesmal: Mit der Rikscha auf Touri-Jagd.
Von Mayank Sharma
horrornebenjob rikschafahrer cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Horror-Stufe: 3 von 10 

Chefin: die Gründerin eines kleinen Rikscha-Imperiums

Bezahlung: Mindestlohn plus Trinkgeld

Erlernte Skills: Unwissenheit mit Eloquenz überspielen, perfektes Rikscha-Handling

Zwischen einem Freiwilligen Sozialen Jahr im Ausland und dem Beginn meiner Ausbildung lag dieser lange, heiße Sommer, den ich irgendwie rumkriegen musste. Um zu verreisen oder andere spaßige Dinge zu tun, fehlte mir das Geld – nach meiner Zeit in Südamerika war ich komplett pleite. Die finanzielle Not brachte mich dazu, bei einem Rikscha-Anbieter in meiner Heimatstadt Mainz anzuheuern. 

Freunde hatten erzählt, dass das Unternehmen, das erst kürzlich gedründet worden war, Fahrer für seine E-Rikschas “Made in Germany” suchte. Mit ihren asiatischen Vorbildern hatten diese Rikschas nicht mehr gemeinsam, als dass sie drei Räder hatten. Ansonsten war alles anders: Im Vorderrad war ein E-Motor eingebaut, das Gefährt war lang und hatte eine futuristische, aerodynamische Plastik-Karosserie. Ich war fast schon stolz, mit diesem Wunder deutscher Ingenieurskunst herumfahren zu dürfen.   

Wir begaben uns gut koordiniert auf die Pirsch und teilten uns jegliche Touristen-Sichtung mit

Mein Vater dagegen, der aus Indien stammt, war schockiert, als ich ihm von meinem neuen Job erzählte. Sein Sohn, der Sohn eines Brahmanen, sollte sich einer solch niedrigen Tätigkeit widmen? Schließlich gehört unsere Familie in Indien der höchsten gesellschaftlichen Kaste an. Da soll nochmal jemand behaupten, dass das alte Ständesystem überwunden sei ... Ich konnte ihn leider nie dazu überreden, mal in meine Rikscha zu steigen.

Meine Aufgabe war es, Taxifahrten und einstündige Stadtrundfahrten an arglose Touristen zu verkaufen. In einer provinziellen Stadt wie Mainz ist das eine große Herausforderung. Erstens, weil es kaum Touristen gibt und zweitens, weil es schwierig ist, in Mainz eine ganze Stunde mit einer Stadtrundfahrt zu füllen. In den Schichten waren wir in der Regel zu dritt. Wir begaben uns gut koordiniert auf die Pirsch, ständig über Whatsapp in Kontakt, um uns jegliche Touristen-Sichtung mitzuteilen.

„Wanna catch a ride? City tour for 60 euro only!“

Am lukrativsten war es, an der Rheinpromenade herumzulungern und nach Flusskreuzfahrtschiffen Ausschau zu halten. Die hatten keine andere Wahl als in Mainz anzulegen, während sie auf dem Weg ins weltberühmte Mittelrheintal waren. Wenn ein Schiff anlegte, postierten wir uns direkt am Anleger. Lässig an unsere Rikschas gelehnt erwarteten wir unsere internationalen, meist betagten Kunden. „Wanna catch a ride? City tour for 60 euro only!“, priesen wir unsere Dienste an. Am Anfang war es mir peinlich, die Touristen auf die Weise anzusprechen, aber irgendwann hatte ich Spaß daran und wurde immer kreativer in der Kundengewinnung. Beispielsweise lud ich Touristen mit kleinen Späßen zu einer Rundfahrt ein oder spielte Musik über meine Bluetooth-Box, um Aufmerksamkeit zu erregen.  

Einmal konnte ich ein neuseeländisches Ehepaar zu einer Stadttour überreden. Das war ein großer Erfolg und kam nicht alle Tage vor. Deshalb hatte ich auch keine Routine und musste improvisieren. Sowohl beim Routenverlauf musste ich erfinderisch werden, als auch bei den historischen Daten, über die ich während der Fahrt referierte. Ich merkte aber schnell, dass ich erzählen konnte, was ich wollte. Mit großer Sicherheit erzählte ich von Erbauungsdaten wichtiger Gebäude und ordnete zuverlässig die architektonischen Stile zu. Wenn ich mal etwas neben der Wahrheit lag, störte das niemanden. Meine Kunden waren jedenfalls begeistert!

Plötzlich bemerkte ich, dass der Motor ausgefallen war, ich kam nicht einen Meter weiter

In Mainz gibt es eine Kirche mit besonderen Fenstern von Marc Chagall, ohne die wir die 60 Minuten nicht hätten füllen können. Unglücklicherweise liegt diese Kirche auf einem Hügel. In der Regel schafften unsere E-Rikschas mithilfe der Motoren und unserer Beinkraft die Steigung gerade so. Das besagte neuseeländische Ehepaar war allerdings  sehr korpulent. Schon als die beiden einstiegen, ächzte die Rikscha unter ihrer Last. Als meine Fahrgäste sahen, dass wir einen Hügel hochfahren würden, fragten sie mich unsicher, ob ich da wirklich hochfahren wolle. Die ersten 100 Meter ging es noch einigermaßen gut voran, auch wenn es mir alles abverlangte. Doch plötzlich bemerkte ich, dass der Motor ausgefallen war, ich kam nicht einen Meter weiter und musste anhalten. Die Stadtrundfahrt war nach nicht einmal der Hälfte vorbei.

Meine Chefin erwartete mich erbost im Stützpunkt ihrer Flotte

Ironischerweise war diese Situation nicht mir am peinlichsten. Das Ehepaar entschuldigte sich tausendmal und wollte schon aussteigen. Sie schlugen sogar vor, die Rikscha zusammen den Hügel hochzuschieben, und waren völlig aufgelöst. Ich beschwichtigte sie und tat, was am naheliegendsten war: Ich verließ mich auf die Schwerkraft und fuhr den Hügel wieder herunter. Das Problem war damit aber nicht behoben, denn der Motor ließ sich auch nicht mehr anschalten, als wir unten angekommen waren. Ohne die Motorunterstützung war es unmöglich, das Ehepaar zurück zum Schiffsanleger zu bringen. Als ich ihnen beschämt sagte, dass sie zurück laufen müssten, stiegen sie ohne zu murren aus der Rikscha. Obwohl ich kein Geld für die gescheiterte Rundfahrt annehmen wollte, drückte der Mann mir den vollen Preis für die Tour in die Hand - und 50 Euro Trinkgeld obendrauf. Die Situation war ihm wohl wirklich sehr peinlich. 

Mit großer Mühe brachte ich die immer noch schwere Rikscha in die Garage zurück. Meine Chefin erwartete mich erbost im Stützpunkt ihrer Flotte. Was mir denn einfalle, ihre Rikscha so zu überfordern, hielt sie mir vor. Sie war ohnehin chronisch gestresst, weil ihr Geschäft nicht so lief, wie sie sich das vorgestellt hatte. Wenn ich ehrlich bin, habe ich in kaum einer Schicht mehr Geld eingenommen, als ich selbst kostete. Ich bin trotzdem stolz, einer der ersten Rikschafahrer meiner Stadt gewesen zu sein, auch wenn ich dabei die ein oder andere unschöne Situation erlebt habe. Eines habe ich jedenfalls gelernt: Höchst präzise Rikscha zu fahren und gleichzeitig über mehr oder weniger wahre historische Begebenheiten zu referieren. Diesen Multitasking-Skill kann mir niemand nehmen!

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