Horror-Party: Die Abschiedsparty ohne Gäste

Eigentlich sollte dieser Abend der beste seines ganzen Studiums werden – aber es wurde Torbens einsamster.
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Man vergisst leicht, dass Feiern nicht immer nur spaßig ist. In dieser Serie erzählen wir deshalb von den schlimmsten Partys, auf denen wir in unserem Leben waren. Viel zu viel Alkohol, grässlich langweilige Verwandte, emotionale Tiefpunkte – es gibt ja viel, das eine Feier vermiesen kann. Falls du selbst von einer schlimmen Party erzählen willst: Schreib uns eine Mail an info@jetzt.de! 

Horrorstufe: 7/10

Center of Attention: Das gähnend leere Wohnzimmer 

Trinkverhalten: Peinlich berührt am Glas nippen

Wer endlich sein Studium in der Tasche hat, feiert damit auch das Ende einer Ära. Und das möchte man natürlich genauso zelebrieren, wie man die Ära auch begonnen hat: mit reichlich Alkohol, ausgelassener Stimmung und einer krassen Party. So hatte sich Torben (Name geändert), der Gastgeber, seinen Abschied vermutlich vorgestellt. Jedoch wurde dieser Abend schnell zu einem der traurigsten meines – und vor allem seines – bisherigen Party-Lebens. 

Torben war seit dem ersten Semester ein gemeinsamer Studienfreund von meiner Mitbewohnerin und mir. Wir lernten ihn in der Einführungswoche kennen, in der man zwar viele Menschen trifft, aber nur wenige davon als gute Freund:innen behält. Nun kommt, Achtung, die erste traurige Wahrheit dieser Geschichte: Torben war einer dieser Menschen, den wir nach der Einführungswoche schnell wieder vergessen hätten. Nicht, weil er nicht nett war. Ganz im Gegenteil. Nur sprach er kein Wort mit uns. 

Bei gemeinsamen Koch- oder Spieleabenden versuchten wir, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Das endete aber oft darin, dass meine Mitbewohnerin und ich in einen Dialog führten, während er still zuhörte. Auf Fragen von uns antwortete er einsilbig. Rückfragen stellte er nie. Wir waren ratlos. Also gingen wir davon aus, dass er uns wohl einfach nicht besonders sympathisch fand. Doch weil er immer wieder nach einem Treffen fragte, entwickelte sich über das Studium hinweg eine etwas sonderbare Freundschaft.

Im Minutentakt sagte fast die Hälfte aller geladenen Gäste ab

Drei Jahre, nachdem wir ihn kennengelernt hatten, wollte Torben seine große Abschiedsparty feiern. Das Studium war beendet, der Auszug aus seiner Wohnung stand bevor, danach ging es ins Ausland. Doch das Unheil begann, als der zukünftige Gastgeber die Whatsapp-Gruppe seiner Party erstellte. Im Minutentakt sagte fast die Hälfte aller geladenen Gäste ab. Die einen hatten keine Zeit, weil auch sie das Studium beendet hatten und schon weggezogen waren, die anderen waren bereits verplant. Ein paar der Gäste hielten es sich offen. Die traurige Wahrheit Nummer Zwei: Sie alle hofften insgeheim auf eine bessere Party-Alternative für das Wochenende. Das lag zum einen daran, dass es der Gastgeber bei den meisten seiner Kommiliton:innen nie zu besonders großer Beliebtheit geschafft hat. Eben nicht, weil er nicht nett war. Sondern weil sie nicht verstanden, warum er nicht mit ihnen sprach. Zum anderen hatte Torben eine sehr große Wohnung, in die er zu vergangenen Partys meist zu wenige Gäste eingeladen hatten. Zwar ist das kein Problem für sich, führte bei ihm aber wegen zu hellem Licht und zu leiser Musik oft dazu, dass keine Stimmung aufkam. 

Am Tag der Party saßen meine Mitbewohnerin und ich deshalb mit wachsender Besorgnis in unserer WG-Küche. Wir zählten die Absagen in der Whatsapp-Gruppe und stellten mit Erschrecken fest, dass außer uns nur drei andere Leute zugesagt hatten. Hoffnungsvoll hakten wir bei unseren Kommiliton:innen nach, ob sie heute nicht doch noch kommen würden, aber von den meisten bekamen wir nur ein träges „Ne, kein Bock“ zurück. Weil wir am Vorabend auf einer anderen Abschiedsparty getrunken hatten, waren auch wir etwas müde und verkatert. Aber das tat an diesem Abend nichts zur Sache.

Wir setzten zu einem unbeholfenen Winken an und zwangen uns ein Lächeln auf das Gesicht

Halbherzig machten sich meine Mitbewohnerin und ich auf den Weg. Wir waren bereits mehr als eine Stunde zu spät und hatten ein schlechtes Gewissen, doch bei der Wohnung angekommen öffnete uns Torben freudestrahlend die Tür. Hektisch winkte er uns in das Wohnzimmer hinein, aus dem wir bereits Musik hörten. Ha! Musik! Das klingt ja doch nach einer guten Party! Dachten wir zumindest. Lächelnd folgten wir der Aufforderung des Gastgebers, nun etwas ermutigt, nur um zwei Meter weiter entgeistert innezuhalten. Vor uns erstreckte sich ein gähnend leerer Raum. In seiner Mitte stand ein einsamer Bier-Pong-Tisch, an dem keiner spielte, daneben ein Seitenregal mit einem Meer aus Getränken. Die Flaschen bildete einen harten Kontrast zu den ganz offenbar fehlenden Gästen. Aber immerhin: Drei Freunde des Gastgebers saßen auf einer Couch an der Wand. Wir setzten zu einem unbeholfenen Winken an und zwangen uns ein Lächeln auf das Gesicht. Doch als die Gäste gleichgültig zurück starrten, wenig begeistert von unserer Anwesenheit, verging uns das Lächeln. Wir schluckten. Dann schnappten wir uns ein Bier und nahmen etwas abseits auf der Couch Platz. Meine Mitbewohnerin und ich tauschten einen Blick aus, der in Worte übersetzt wohl heißen würde: „Was. Zur. Hölle“ und: „Kann kann man das hier noch retten?“ Aber auch: „Scheiße, das ist seine Abschiedsparty.“

Wir wandten uns zum Gastgeber, der uns noch immer anlächelte und inzwischen allerlei Sachen anbot: eine Portion Nudelauflauf – er hatte einen mit Fleisch und einen ohne gemacht, aus Rücksicht auf vegetarische Gäste –, Chips oder Schokolade, falls wir Snacks brauchen, einen Pfeffi-Shot oder Mischgetränke. Zwar hatten sowohl wir schon zu Abend gegessen, dennoch nahmen wir aus Höflichkeit eine Portion Nudelauflauf an. Torben erfreute das sichtlich, zumindest hatte sich der Aufwand jetzt ein bisschen mehr gelohnt. „Sind die anderen Gäste schon gegangen?”, fragte meine Mitbewohnerin unschuldig, immerhin waren wir etwas verspätet angekommen. Instinktiv hoffte ich, dass er nicht das antworten würde, was ich bereits befürchtete. Dann:  „Nee, ihr seid bisher die Einzigen, die gekommen sind.“ Und wir sollten auch die einzigen Gäste bleiben. Es muss wehgetan haben, wenn nach drei Jahren Studium keiner der angeblichen Freund:innen zu der eigenen Abschiedsparty kommt. Die drei anderen anwesenden Gäste waren Freunde, die für die große Party extra aus seiner Heimatstadt angereist waren. 

Wir versuchten, uns zu amüsieren und aßen und tranken, was wir konnten. Aber es fiel schwer, Spaß vorzutäuschen. Ich fasse es kurz: Der Abend ging nicht lange. Wir spielten eine Runde Bierpong, bekamen aber nicht mehr als zwei Bier herunter. Die peinliche Stimmung im Wohnzimmer war förmlich mit den Händen greifbar. Nach zwei Stunden hielten wir es nicht länger aus und gingen nach Hause. Mit der Entschuldigung, dass wir am nächsten Tag noch ein Referat vorbereiten mussten. 

* Unsere Autorin ist noch immer mit dem Gastgeber befreundet und will ihn nicht verletzen. Deshalb will sie anonym bleiben, ist der Redaktion aber bekannt.

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