Horror-Schwiegereltern: Der mit dem Hitlergruß beim Grillfest

Das Blöde an der Liebe: Den Partner sucht man sich selbst aus, die Schwiegereltern nicht. In dieser Serie erzählen wir davon.

Illustration: Julia Schubert

Alter zum Zeitpunkt der Beziehung: Beide knapp 30

Beziehungsstatus: Trennung nach einem Jahr

Horrorstufe: 10 von 10

Pieters Familienverhältnisse waren immer schon schwierig gewesen. Seine Eltern hatten sich getrennt, als er und sein Bruder noch Kinder waren, nachdem sein Vater einen einmaligen Ausrutscher gebeichtet hatte. Der neue Partner von Pieters Mutter war für die positive Entwicklung der Kinder auch nicht förderlich, er war aggressiv und gewalttätig. Mit dem Wissen um diese komplizierte Kindheit ist es kaum verwunderlich, dass Pieter, der eigentlich anders heißt, jedem noch so kleinen Konflikt grundsätzlich aus dem Weg ging.

Demnach hatte er es auch lange vermieden, mich überhaupt seiner Familie vorzustellen. Es gab so gut wie keinen Kontakt mehr, seine Mutter rief ihn zu Geburtstagen nicht an, der Vater kümmerte sich kaum.

Nachdem wir bereits einige Monate zusammen waren, nahm er mich dann doch mit zu einer Familienfeier. Es gab sogar einen doppelten Anlass, denn der erste Jahrestag der Hochzeit mit dem neuen Mann fiel mit dem Geburtstag der Mutter zusammen. Geplant war ein Grillfest im Norden von Amsterdam. Klar war ich nervös, weniger allerdings wegen einer möglichen Sprachbarriere, denn ich wohne seit fünf Jahren selbst in den Niederlanden und beherrschte die Sprache mittlerweile. Allerdings wusste ich, dass Pieter seine Mutter bereits informiert hatte, dass seine neue Freundin Deutsche sei und war unsicher, wie sie reagieren würde.

Die Begrüßung lief so ab, wie solche Momente eben immer ablaufen – peinlicher Smalltalk, kurze Momente der unangenehmen Stille und dann die üblichen Fragen zu Beruf und Lebenslauf. Ich berichtete, dass ich mehrere Jahre in Prag gelebt hätte und erzählte von meinem Beruf. Obwohl ich dies in Niederländisch tat, war ich mir sicher, dass mein deutscher Akzent keinen Zweifel an meiner Herkunft lassen würde.

Schnell wandte sich das Tischgespräch der Frage zu, welche Vokabeln den Anwesenden aus dem Deutschunterricht noch im Gedächtnis geblieben waren und ich lobte geflissentlich jedes Wort. Bis sich der neue Stiefvater plötzlich zu Wort meldete und stolz verkündete, er wisse sehr genau, wie man auf Deutsch guten Tag sage. Daraufhin erhob er sich von seinem Stuhl, knallte die Hacken seiner Plüschpantoletten zusammen und riss den rechten Arm steil nach oben. Für einige Sekunden verharrte er in dieser Position und blickte dann triumphierend auf mich herunter. Anschließend setzte er sich wieder, als sei nichts gewesen.

Ich war in Schockstarre. Durch meine Zeit in den Niederlanden war ich zwar derbe Anspielungen durchaus gewöhnt, aber das war ein ganz neues Level. Ich war schlicht unfähig, überhaupt zu reagieren. Bei Pieter sah es offenbar ähnlich aus, denn auch auf meiner rechten Seite blieb es sehr still.

Ich fühlte mich beschämt, gedemütigt, erniedrigt, schockiert, entsetzt und völlig machtlos. Zum Glück gelang es mir trotzdem, die Tränen, die mir in die Augen geschossen waren, zurückzudrängen. Vor versammelter Mannschaft in Tränen auszubrechen, hätte mir wohl den Rest gegeben.  

Den Rest des Abend brachte ich dann halbwegs würdevoll, aber sicher nicht gesprächig hinter mich und sagte auch auf der Fahrt nach Hause kein einziges Wort. Kaum war ich jedoch zurück in meiner Wohnung und hatte die Tür hinter mir geschlossen, brachen die Dämme und ich fing an zu heulen.

Ich wollte die Sache nicht auf sich beruhen lassen und so rief Pieter einige Tage danach bei seiner Familie an, um sie mit dem Vorfall zu konfrontieren. Dann ließ er sich schnell mit einer Ausrede abspeisen. Der Stiefvater habe nicht gewusst, dass ich Deutsche sei, schließlich hätte ich von Tschechien erzählt. Als ob die politische Geste dadurch weniger fragwürdig gewesen wäre. Ich habe mich danach allerdings geweigert, diesem Teil der Familie jemals wieder zu begegnen.   

Die Autorin möchte anonym bleiben, ihr Name ist der Redaktion aber bekannt.

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