Horror-Schwiegereltern: Der Schlager-Fan

Das Blöde an der Liebe: Den Partner sucht man sich selbst aus, die Schwiegereltern nicht. In dieser Serie erzählen wir davon.

Illustration: Julia Schubert

Alter zum Zeitpunkt der Beziehung: Sie 28, ich 30 

Beziehungssituation: Sechs Monate zusammen

Horror-Stufe: 2 von 10

„Komm schon, das wird super!“ Hans* gibt nicht auf. Zum dritten Mal bittet er mich an diesem Abend, bettelt mich geradezu an. Er will wirklich mit mir dahin: „Ins Schlagerparadies“, wie er es nennt. Ein Sommer-Festival auf einem Messegelände mit allen aktuellen Schlager-Promis. Und Hans geht noch weiter: „Das wird nicht nur super, das wird schlagigantisch!“ Tina*, mit der ich seit einem halben Jahr ausgehe, verdreht die Augen.

Hans ist Tinas Vater und eigentlich ganz okay. Er lädt Tina und mich regelmäßig zu sich ein, kocht, ist interessiert an allem, was ich so mache. Nach der Trennung von Tinas Mutter lebt er allein, und als ich erstmals in seine Wohnung kam, befürchtete ich, dass dieser Zustand auch noch eine ganze Weile so bleiben würde. Denn Hans zieht sein Dasein als Schlager-Fan voll durch.

Zahllose eingerahmte Plattencover zieren die Wände: Roy Black, Roberto Blanco, Semino Rossi. Auch Selfies hängen da von Hans und allerhand schrill gekleideten Menschen. Zwischen den Bildern schlängeln sich quietschbunte Hawaiiketten auf und ab. Und in zwei blitzblanken Glasvitrinen sind Hans’ Schlagerheiligtümer untergebracht: Autogramm- und Konzertkarten, Fototassen, eine beim Konzert gefangene Sonnenbrille von Tim Toupet.

„Wenn’s dir nicht gefällt, kannst du jederzeit gehen!“, fleht Hans noch mal. Und keine Ahnung, warum ich dann sage, was ich sage, vielleicht ist es Höflichkeit, vielleicht Genervtheit, womöglich beides, jedenfalls sage ich: „Na gut.“ Und ernte dafür einen ultraerschrockenen Blick von Tina und einen knackigen Jubelschrei von Hans, der mir zugleich um den Hals fällt.

Das DJ-Set eines Ex-Bachelor-Kandidaten als Pausenfüller gefällt uns sehr gut

Zwei Wochen später. Hans und ich stehen auf einem eingezäunten Areal zwischen rund 5000 Menschen, die es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht hatten, sich möglichst wie Regenbögen anzuziehen. Tina ist nicht mitgekommen, „aus Protest“, wie sie meinte. Wir trinken „Kleine Klopfer“. Das sind die Schnäpse Nummer fünf und sechs. Bier gab es auch schon reichlich. Ich gebe zu: Langsam bin ich in Stimmung. Habe vorhin schon bei Matthias Reims „Verdammt ich lieb dich“ leise mitgesummt. Jetzt kommt Tim Toupet auf die Bühne und performt „Ich hab ’ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner“, seinen „größten Hit“, wie Hans weiß. Auch nicht schlecht, finde ich. „Noch ein Klöpferchen?“ „Sicher!“ Der Alkohol euphorisiert. „Wollen wir mal weiter nach vorne?“, höre ich mich plötzlich fragen, und Hans tanzt direkt los, immer Richtung Tim Toupet. Dessen Auftritt nehmen wir noch mit, bleiben bestens gelaunt. Auch das DJ-Set eines Ex-Bachelor-Kandidaten als Pausenfüller gefällt uns sehr gut. Aber dann kippt der Schlager. Dann wird mir irgendwie schwindelig. Und dann schlecht. Sieben (oder schon neun?) Klopfer und immer wieder Bier, durch ständiges rhythmisches Hüpfen im Magen durchgemischt, haben mich geschafft. Als Mickie Krause gerade irgendwas von „Biste braun, kriegste Fraun“ erzählt, übergebe ich mich am Absperrzaun. Und fluche.

Scheißdreckskack-Schlager. Scheiß Klopfer. Scheiß Regenbogen. Scheiß Hans. Ich will nur noch weg. Ich schreibe Hans, der mittlerweile Teil einer XXL-Polonaise geworden ist, eine liebe Nachricht, sage danke und wünsche weiterhin viel Spaß. Und haue ab.

Tina lacht mich später für all das aus. Hans ist stolz auf mich. Und ich schwöre: Kein Schlager mehr für mich. Erst mal.

*Der Autor dieses Textes hat darum gebeten, anonym zu bleiben. Sein Name ist der Redaktion bekannt. Alle Namen in dem Text wurden geändert.