Horror-Schwiegereltern: Die Ignorante

Das Blöde an der Liebe: Den Partner sucht man sich selbst aus, die Schwiegereltern nicht. In dieser Serie erzählen wir davon.

Illustration: Julia Schubert

Alter zum Zeitpunkt der Beziehung: Zu Beginn beide Anfang 20

Beziehungssituation: Seit zwei Jahren in einer festen, lesbischen Beziehung

Horrorstufe: 9 von 10

Es gibt ja Schwiegereltern, die wirklich hart für ihren Horror-Status rackern. Die stundenlang im Haus herumrennen, um Bilder mit der Ex-Freundin deines Partners aufzuhängen, bevor du kommst, oder sich Räuspertechniken aneignen, um dir am Tisch auch non-verbal zu zeigen, dass du nichts zu melden hast. Die Mutter meiner Freundin ist keine davon – und das ist noch viel schlimmer.

Sie gehört zu denen, die irgendwie nichts für ihren Horror-Status können.

Die man sogar versteht. Denn diese Frau hat Chips erwartet und Flips bekommen. Und jeder weiß, wie das ist, wenn man sich auf Chips freut und dann Flips bekommt. Es geht dabei gar nicht unbedingt darum, dass Flips schlechter sind als Chips, man hatte sich nur auf die öldurchdränkten, hauchdünnen Kartoffelscheiben eingestellt. Meine Schwiegerma ist sogar damit aufgewachsen, dass für Frauen nur Chips gut sind. Wie soll man sonst, ohne die Spermien der Chips, Kinder bekommen? Okay, ich habe es mit dieser Metapher vielleicht ein bisschen zu weit getrieben. Für alle, die nur „Häh“ denken: Die Chips sind Männer, ich als Frau bin ein Flips, also in einer lesbischen Beziehung, und meine Schwiegermutter Iranerin. Sie hatte sich also einen Mann und keine Frau für ihre Tochter vorgestellt. Und das kann ich ihr nicht übel nehmen.

Während meine Freundin und ich jeden Sonntag im Bett verbringen und dabei unsere größte Sorge ist, wo wir jetzt Pizza bestellen sollen, müssen sich die Lesben in iranischen Betten fürchten, dass sie jemand erwischt und sie mit 1000 Peitschenhieben und sogar mit dem Tod bestraft werden. Was soll meine Schwiegermutter also über Homos denken, wenn sie dort vor 40 Jahren aufgewachsen ist?

Jetzt schreien bestimmt schon ein paar gen Bildschirm: Was macht sie denn jetzt so Schlimmes und warum kommt nicht endlich mal irgendetwas Unterhaltsames! Naja, wie soll ich es sagen: Da gibt es nichts Unterhaltsames, und das ist das Schlimme. Ich habe diese Frau in den zwei Jahren Beziehung nur ein einziges Mal getroffen und das aus Zufall. Sie wollte nur ihre Tochter kurz sehen, nicht mich kennenlernen, und ich war eben der Anhängsel. Ich erinnere mich noch an die Szene, als meine Freundin kurz aufs Klo musste. Es kam zu einem Dialog, der eigentlich alles über unsere Beziehung sagt:

Schwiegerma: ——

Ich: Blabla

Schwiegerma: ——

Ich: Blabla

Schwiegerma: ——

Ich: Blabla

Schwiegerma: ——

Ich: Blabla

Und dann endlich: Das erlösende Geräusch der zufallenden Klotür.

An diesem Abend hat sie mir noch so viele Fragen gestellt, wie ich Antworten bekam. Null. Die gesamten zwei Jahre davor ist sie in Einzelgesprächen mit meiner Freundin auf die gleiche Zahl an Nachfragen gekommen. Und dann? Dann trifft sie mich an diesem Abend, wenn auch nicht freiwillig, und schafft es nicht einmal zu fragen, wie es mir geht. Ich glaube, ich bin das für sie, was der Klimawandel für viele ist: Etwas, das man sich wegdenkt, weil es einem so nicht in den Kram passt. Und während ich auf die Klimawandel-Ignoranten echte Wut empfinden kann, kann ich auf sie einfach nicht sauer sein. Selbst, wenn ich es versuche. Und das ist das, was diese Art von Schwiegereltern schlimmer macht. Man wird seinen Frust nicht los.

Die mit den rackernden Horror-Schwiegereltern, die können ja wenigstens noch DIN-A3-Ausdrucke von Schwiegerma und Schwiegerpa auf einen Boxsack kleben und moralisch unproblematisch darauf herumboxen. Bei mir geht das nicht. Ich kann nur warten und hoffen, dass die Faktenlage zum Klimawandel und der Chips/Flips-Debatte doch irgendwann noch alle überzeugt. Einschließlich ihr.

Die Autorin möchte ihre Schwiegermutter nicht noch weiter verstören und deshalb anonym bleiben. Ihr Name ist der Redaktion aber bekannt.

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