Horror-Schwiegereltern: Die Belehrende

Das Blöde an der Liebe: den Partner oder die Partnerin sucht man sich selbst aus, die Schwiegereltern nicht. In dieser Serie erzählen wir davon.
Aus der jetzt-Redaktion*

Illustration: Julia Schubert

Alter zum Zeitpunkt der Beziehung: Er war 19, ich 15 

Beziehungssituation: Schon seit mehreren Monaten zusammen

Horror-Stufe: 7 von 10

Als ich mit meinem ersten Freund zusammen kam, war ich noch recht jung. 15 um genau zu sein. Er war fast fünf Jahre älter als ich, was damals irgendwie allen schon total verkehrt vorkam. Er war ein gebildeter, aber eben auch eingebildeter Egozentriker, der diese Eigenschaften, wie ich später feststellen durfte, eins zu eins von seiner Mutter kopiert hatte. Es dauerte mehrere Monate, bis er mich ihr offiziell vorstellte. Der Witz an der Sache war, dass ich bis zu dem Zeitpunkt schon mehrfach mit ihr gemeinsam in der Wohnung gewesen war – wir hatten uns nur nicht gesehen.

Seine Mutter war Lehrerin und kam meistens erst irgendwann in den frühen Abendstunden nach Hause. Wenn es soweit war, meinte mein Freund dann immer zu mir, ich solle im Zimmer bleiben und warten, bis sie im Wohnzimmer säße. Es wäre besser, wenn ich sie noch nicht kennenlernen würde. Das fand ich schon damals super merkwürdig, insbesondere, da meine Familie jeden Menschen den ich anschleppe, sofort als Familienmitglied begrüßt.

Aber ich wollte damals nicht alles hinterfragen und habe einfach die Schmetterlinge im Bauch genossen. Bis der Tag kam, an dem ich meine Schwiegermutter zum ersten Mal wirklich treffen sollte. Schon Wochen im Voraus begann mein damaliger Freund, mich darauf vorzubereiten. Ich sollte möglichst wenig wie ein Teenie wirken und mehr wie eine reife, erwachsene Frau. Ich tat also wie mir befohlen und wollte einen guten Eindruck machen.

Meine zukünftige Schweigermutter war eine große und sehr elegante Frau. Ihre blonden Locken trug sie stets kompliziert nach oben gesteckt und um ihre Schultern lag meistens ein Tuch, das dramatisch im Wind wehte, wenn sie durch den Gang schwebte. Sie hatte ein sehr markantes Gesicht, mit einer spitzen Nase und großen, eindringlichen Augen. Wie sie da so saß, als ich das erste Mal das Wohnzimmer betrat, mit einem Glas Rotwein in der Hand und süffisant grinste, schüchterte mich das schon sehr ein. Eigentlich bin ich aber gar kein schüchterner Typ. Also ging ich einfach auf sie zu, streckte ihr meine Hand entgegen und sagte: „Hi ich bin Franzi*, ich freu mich dich kennen zu lernen, Christiane.“

Sie rümpfte kurz die Nase und sagte in herablassendem Ton: „Ich glaube nicht, dass wir schon beim Du sind. Frau Heberlein für dich.“ Ich musste schlucken und echt aufpassen, dass es mir nicht gleich wieder hoch kam. Dieser Abend sollte der längste und schlimmste meines Lebens werden. Stundenlang fragte sie mich aus, während mein Freund überhaupt keine Anstalten machte, mir zu helfen. Alles, was ich erzählte, wurde im Anschluss direkt von ihr beurteilt. Das war ich sonst nur aus der Schule gewohnt.  

Als ich dann endlich 18 wurde, war für sie scheinbar eine magische Schwelle überschritten und nach drei Jahren Beziehung und gefühlt 1000 Begegnungen, streckte sie mir eines Abends wieder ihre Hand entgegen und sagte: „Jetzt sind wir gerne beim Du. Ab jetzt darfst du Christiane sagen.“

Kurze Zeit nach der Duz-Erlaubnis ging die Beziehung in die Brüche

Blöd nur, dass die letzten Jahre nicht spurlos an mir vorbeigegangen waren. Vom Siezen kam ich nicht mehr so einfach weg.  Es war, als würde in ihrer Gegenwart die Schule immer weitergehen – inklusive Belehrungen. Ich sollte im Gang in der Wohnung nicht rennen, da sonst ein wertvolles Bild von den Wänden fallen könne. Ich sollte anklopfen, wann immer ich die Küche oder das Wohnzimmer betreten wollte. Regelmäßig mussten wir uns mit Christiane stundenlang zusammen hinsetzen, in gehobener Sprache über die Welt philosophieren und Rotwein trinken – obwohl ich den schon immer gehasst habe. Aber jedes Mal, wenn ich ablehnte, bekam ich trotzdem etwas eingeschenkt. Am Ende wollte ich irgendwann in den Gesprächen gar nichts mehr sagen. Es war ja sowieso stets falsch, faktisch nicht ganz richtig, oder grammatikalischer Müll. Ständig begleitet von ihrem süffisanten, besserwisserischen Lächeln. Über persönliche Gefühle, Meinungen und Gedanken, haben wir natürlich nie gesprochen und uns auch nie umarmt.

Kurze Zeit nach der Duz-Erlaubnis ging die Beziehung in die Brüche. Ich habe weder zu ihm, noch zu seiner Mutter Kontakt. Ein paar Jahre später begegnete ich ihr noch einmal zufällig, bin aber grußlos vorbeigegangen – wie rebellisch von mir! Aber ich war all die Jahre höflich genug gewesen – und das völlig umsonst. Ihr Gesicht, wie sie mich  musterte während ich lächelnd an ihr vorbei schlenderte, werde ich für immer in Erinnerung behalten.

*Der Name der Autorin ist der jetzt-Redaktion bekannt. Sie möchte ihrer Schwiegermutter aber nicht das Wissen gönnen, dass sie sie nicht vergessen kann.

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