Horror-Date: Das Blind-Sex-Date

Jeder hatte schon einmal ein Date, das total danebenging. In dieser Serie erzählen wir davon.
Grafik: jetzt

 Dating-Situation: von einer Freundin inszeniertes Blind-Sex-Kuppel-Date

Geschlecht und Alter des Dates: männlich, 28 Jahre

Horror-Stufe: 8 von 10

Ich war 19 und Single. Quasi zum ersten Mal, denn meine erste Beziehung hatte vier Jahre gedauert, die zweite ein knappes Jahr. Beide waren nahtlos ineinander übergegangen. Jetzt war ich frei und offen für alles. Ich wollte endlich mal einen One-Night-Stand erleben. Leider gab es in dem Provinzkaff meiner Jugend niemanden, mit dem ich hätte ins Bett gehen wollen, nicht einmal im volltrunkenen Zustand. 

Doch es kam der Tag, an dem meine beste Freundin und ich nach München aufbrachen, um dort eine andere Freundin zu besuchen. Sie war bereits Mitte 20, hatte eine eigene Wohnung, arbeitete in gleich mehreren der coolsten Bars und Clubs der Stadt und mein Plan stand fest: Dort würde ich irgendeinen geeigneten Typen finden!

Leider kam es etwas anders. Nicht nur stellte sich plötzlich heraus, dass unsere Münchner Freundin gerade frisch verliebt war und wenig daran interessiert, mit uns auszugehen. Auch entschloss sich am Tag unserer Abreise der Freund meiner besten Freundin, uns zu begleiten. In München verbrachte ich meine Tage und Abende also zwischen zwei permanent knutschenden und zum spontanen Sex im Badezimmer verschwindenden Pärchen. Die vier wollten immer nur zuhause bleiben, sich lieben, essen, trinken, fernsehen und ineinander verknotet im Wohnzimmer einnicken.

Eines Abends reichte es mir. Ich verkündete, heute Abend allein aufzubrechen, um mir endlich meinen One-Night-Stand zu suchen. „Den musst du dir eigentlich gar nicht suchen“, rief meine Münchner Freundin plötzlich. „Ich kenne da einen total heißen Typen, der ist genau das Richtige für dich. Den ruf ich sofort an und wir besuchen ihn heute Abend in seiner Bar, da ist es eh so gemütlich und während ihr rummacht, können wir in Ruhe kickern, die haben nämlich super Kickertische da.“ 

Die ganze Situation war fürchterlich inszeniert

Mir war von vornherein klar, dass das eine total abstruse, völlig inszenierte Situation werden würde. Doch ich versuchte das mulmige Gefühl im Bauch zu ignorieren. Ich hatte das Warten satt. Ich wollte jetzt endlich einen richtigen One-Night-Stand. Und dass meine Freundin mir einen geeigneten Kandidaten empfahl und das Date auch noch organisierte, war doch eigentlich super. Ich fand, es gab rational betrachtet keinen Grund, einen Rückzieher zu machen, auch, wenn mein Gefühl von Anfang an etwas anderes sagte. 

Der Typ besaß tatsächlich eine ganz schöne Bar. Meine Freundin stellte uns augenzwinkernd einander vor, er wirkte nett, sehr lustig und war gute zehn Jahre älter als ich. Was ich gut fand. Ich wollte schließlich jemanden mit Erfahrung.

Die ganze Situation war, wie erwartet, fürchterlich inszeniert. Alle schienen zu wissen, worum es hier ging. Sogar der Typ schien es schon zu wissen. Er brachte mir ein Bier und begann eine locker flirtende Unterhaltung, die mich und uns anscheinend irgendwie in Stimmung bringen sollte.

Vielleicht kommt die Lust ja noch, hoffte ich. So nah am One-Night-Stand war ich noch nie, hielt ich mir wieder und wieder vor Augen. Jetzt nicht mitzumachen wäre dumm. Ein verrückter, aufregender Gedanke, der mich nur leider so überhaupt nicht erregte. Nach ein paar Bieren war leider nichts besser. Und trotzdem sagte ich „ja“, als der Typ vorschlug, dass wir nun doch mal hoch in seine Loftwohnung gehen könnten. 

Im Treppenhaus knutschten und fummelten wir nach allen Regeln der Kunst aneinander rum, was sich aber mehr nach Pflichtgymnastik anfühlte als nach einem heißen Abenteuer. Oben angekommen fand ich die Loft-Wohnung und den Blick von der Dachterrasse aufregender als die Aussicht auf den bevorstehenden Sex. 

Es war mir alles so unangenehm. Ich kam mir so erbärmlich vor

Dann vollzogen wir den mechanischsten, langweiligsten, hektischsten, pflichtmäßigsten Sex der Welt. In meiner Aufregung und vor lauter Überforderung schauspielerte ich sehr schlecht, dass es mir gefiel – auch in der Hoffnung, dass es mir schon bitte endlich noch gefallen würde, wenn ich nur intensiv genug Ekstase mimte. Glücklicherweise war der Typ dann doch nicht komplett auf den Kopf gefallen und merkte schnell, dass hier etwas nicht stimmte. Das Wort „glücklicherweise“ verwende ich heute, Jahre später, anerkennend, dass er auf mich achtete und die Situation durchschaute. Dass er mir bei etwas half, das ich selbst anscheinend nicht auf die Reihe bekam: Einzusehen, dass ich gar keinen Bock auf das hatte, was ich da gerade abzog.

Damals wäre mir allerdings lieber gewesen, er hätte mir meine Show einfach abgekauft. Denn der Moment, in dem er während des Sex dann also innehielt, mich stoppte, mir in die Augen sah und sehr liebevoll, ruhig und erwachsen zu mir sagte: „Hey, hey, ist schon gut, wir müssen das nicht machen, komm mal her, beruhig dich mal“, fühlte sich fürchterlich demütigend an. Würdelos. Und da fing ich an zu weinen. Es war mir alles so unangenehm. Ich kam mir so erbärmlich vor. So unreif. So psychopathisch. So kaputt.

Er nahm mich in den Arm, nahm mein Gesicht in seine Hände und sagte in der Manier eines väterlichen Therapeuten: „Du hast es auch nicht einfach im Leben, oder?“ 

Da weinte ich noch ein bisschen mehr. Er fragte, ob ich drüber reden wollte. Ich wollte natürlich nicht. Ich wollte nach Hause. Wir tranken noch eine Apfelschorle aus seinem Loft-Kühlschrank, sahen von seiner Dachterrasse über die Stadt und smalltalkten irgendeinen Scheiß. Dann ging ich runter in die Bar, zerrte meine immer noch kickernden Liebespaar-Freunde aus dem Laden, rief ein Taxi und wir fuhren alle zusammen in die Wohnung meiner Freundin, wo ich mich den Rest der Nacht selbst hasste und einsah: Es ist nicht immer eine gute Idee, alles stur in die Tat umzusetzen, nur, weil man es sich in den Kopf gesetzt hat. Und Blind-Sex-Dates sind womöglich sowieso die schlechteste Date-Variante, seit es Dates gibt.

Die Autorin dieses Textes hat darum gebeten, anonym zu bleiben. Sie ist der Redaktion aber bekannt.

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