[object Object]

Illustration: Julia Schubert

Horror-Schwiegereltern: Die Verschlossenen

Alter zum Zeitpunkt der Beziehung: Mit 19 zwei Jahre zusammen

Horror-Stufe: 5 von 10

Johannes war ein Einzelkind. Er war der Schatz seiner Eltern, was ich zu Beginn gut verstanden habe. Ich war schon in den Jahren vor unserer Beziehung oft bei der Familie gewesen und hatte mich auch immer ganz gut mit seinen Eltern verstanden. Als unsere Beziehung von Freundschaft zum Zusammensein wechselte, stellte ich allerdings immer öfter fest, dass irgendetwas bei ihm nicht ganz so war, wie in meinen vorherigen Beziehungen. 

Es fing an mit einem harmlosen Sonntagsfrühstück. Ich frühstücke normalerweise gerne herzhaft, während die Familie von Johannes eher Süßfrühstücker waren. Obwohl Johannes das natürlich wusste, kamen immer nur Marmelade und Honig auf den Tisch. Tragisch war das natürlich nicht, weshalb ich auch nichts sagte.

Was ich allerdings etwas schlimmer fand, war dass es jeden Sonntag Frühstückseier gab. Allerdings nur für Mama, Papa und Johannes – nicht für mich. Als dies zum ersten Mal passierte, glaubte ich noch an ein Versehen. Als diese Situation aber immer wieder passierte, sprach ich Johannes irgendwann darauf an. Dieser sagte mir nur, dass sie nur einen Eierkocher für genau drei Eier hätten und es deswegen nicht aufgehen würde.

Daraufhin war ich schon ziemlich verdutzt. Aus meiner Familie kannte ich es so, dass Familienmitglieder eher auf ihr Essen verzichten würden, als den „Gast“ leer ausgehen zu lassen.  An Geburtstagen oder Feiertagen gab es bei der Familie außerdem immer Stoffservietten. Natürlich nur für Mama, Papa und Johannes. Ich bekam ein Zewa-Tuch neben meinen Teller gelegt. Auch das erklärte ich mir zunächst damit, dass sie für ihre Kleinfamilie bestimmt einfach nur drei Stück besaßen. Als dann aber die Großeltern zu Besuch kamen und definitiv zwei Stoffservietten mehr auf dem Tisch lagen, fand ich das doch sehr befremdlich. Johannes versicherte mir allerdings jedes Mal wieder, dass das keine Absicht sei und dass seine ganze Familie mich doch so mögen würde.

Als ich nach dem Abitur ein halbes Jahr nach Afrika reiste, war der Abschied von Johannes sehr emotional. Er weinte und seine Mutter tröstete ihn und warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Ich ging trotzdem und hatte die spannendste Zeit meines Lebens. Johannes besuchte mich sogar einen Monat lang.

Als ich zurück kam, erfuhr ich über ein paar Ecken, dass Johannes mit zwei meiner Freundinnen geschlafen hatten, während ich weg war und das auch schon vor seinem Besuch bei mir. Ich trennte mich sofort. Für ihn brach daraufhin eine Welt zusammen. 

Er versuchte alles, vom nächtlichen Klopfen an meinem Fenster, über ein riesiges Fotoalbum mit der Chronik unserer Beziehung, bis hin zu einer Kotzattacke, weil es ihm so schlecht ging. Als ich ein paar Wochen später seine Mutter an der Bushaltestelle traf, sagte sie nur „Was machst du denn für Sachen mit unserem Johannes?“ und schüttelte den Kopf. Ich war zu perplex, um zu antworten, und blieb einfach an der Bushaltestelle stehen. Sie fuhr währenddessen mit dem Bus nach Hause, zurück in ihre kleine Blase, in der genau drei Personen Platz hatten: Mama, Papa und Johannes.

Dieser Text wurde uns von einer Leserin zugesandt. Sie möchte hier anonym bleiben, ihr Name ist der Redaktion aber bekannt.