1600 Euro brutto für die Profi-Kuschlerin

Durch einen Artikel über verrückte Berufe ist Elisa auf das professionelle Kuscheln aufmerksam geworden.
Foto: Die Kuschel Kiste / Illustration: jetzt

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Was ich als Profi-Kuschlerin mache

Ich biete in meiner eigenen Kuschel-Praxis Kuscheln gegen Bezahlung an. Buchen kann man Einzelstunden oder auch Gruppenkuscheln und Workshops. In einer Einzelstunde kuschle ich 50 Minuten mit völlig fremden Menschen. Gesellschaftlich wird Kuscheln leider oft unterschätzt, doch die Berührungen haben positive Auswirkungen auf uns. Dabei wird das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet, wodurch wir uns entspannt fühlen und Stress abbauen. Wenn wir nie kuscheln, kann das zu psychischen Problemen führen, zum Beispiel zu sozialer Phobie, Angststörungen, Depression und Angst vor Menschenmengen.

Wie mein Arbeitsalltag aussieht

Zunächst findet ein etwa zehnminütiges Vorgespräch statt. Ich frage, welche Wünsche der Kunde oder die Kundin hat und kläre über die Tabus auf. Zum Beispiel ist es nicht erlaubt, sich in der Bikinizone oder auch unter der Kleidung zu berühren. Dann zieht sich der Kunde um, denn gekuschelt wird nur in bequemer Kleidung wie einer Yogahose. Anschließend gehen wir gemeinsam ins Kuschelzimmer, das mit Kissen und Decken ausgestattet ist. Ich stelle den Wecker auf 50 Minuten und beginne mit einem Begrüßungsritual, zum Beispiel einer kleinen Umarmung. Die Person kann sich so langsam an die Nähe gewöhnen. Es ist meine Aufgabe, dass sich die Person wohlfühlt und es ihm oder ihr nicht zu schnell geht. Je nach Wunsch gibt es bestimmte Kuschelpositionen, die man einnehmen kann – zum Beispiel die sogenannte Löffelchen-Position oder das seitliche Ankuscheln. Im Normalfall entspannen sich die Kunden nach etwa zehn Minuten. Ob während des Kuschelns gesprochen wird oder nicht, hängt von den Bedürfnissen des Kunden ab.

Menschen, die etwas mehr Übung haben, buchen bei mir manchmal auch Kuschelpartys – gekuschelt wird dabei in einer Gruppe. Außerdem gebe ich auch Berührungsworkshops. Teilnehmer lernen darin, wie man andere angenehm massiert oder krault. Geübt wird das in Zweier-Teams.

Wie ich Profi-Kuschlerin geworden bin

Als ich noch Germanistik studiert habe, habe ich einen Artikel über die zehn verrücktesten Berufe weltweit gelesen. Da war auch Kuscheltherapie dabei. Ich fand das spannend, schließlich kuschle ich gern und habe keine Scheu vor fremden Menschen. Ich habe mich dann informiert, wie und wo ich das lernen kann. Dabei bin ich auf die US-amerikanische Autorin und Profi-Kuschlerin Samantha Hess gestoßen, die Fernausbildungen im Bereich Kuscheltherapie anbietet. In Deutschland gab es noch keine Ausbildungen oder Lehrgänge in dieser Form. Für mich war das mit der Fernausbildung sehr praktisch, da ich das von zuhause aus machen konnte. Beigebracht habe ich mir das Kuscheln unter anderem mit Hilfe von Samanta Hess’ Lernvideos, den Rest habe ich durch Erfahrung und Kunden gelernt. An meine erste Kuschelstunde kann ich mich noch gut erinnern. Ich war sehr aufgeregt und beim Vorgespräch auch noch recht unsicher. Das Kuscheln an sich hat mir aber sehr gut gefallen und ich hatte auch keine Berührungsängste. Ich habe schnell gemerkt, dass das

der richtige Job für mich ist. Inzwischen habe ich auf diesem Gebiet schon sechs Jahre Erfahrung und bilde nun selbst Kuschlerinnen und Kuschler aus.

Welche Menschen eine Kuschelstunde buchen

Die Menschen, die eine Kuschelstunde bei mir buchen, sind meist Stammkunden und zu 70 Prozent männlich. Das Alter ist sehr unterschiedlich – von 18 bis fast 90 ist alles dabei. Auch die Bandbreite der Berufe ist groß. Zu mir kommen Handwerker, Ärzte, Büro-Angestellte. Die meisten von ihnen haben eines gemeinsam: Sie haben niemanden zum Kuscheln und keine Person, der sie sich wirklich anvertrauen können. Man kann sagen, dass 60 bis 70 Prozent meiner Kunden einsam sind und darunter leiden. Es gibt aber auch Kundinnen oder Kunden, die zwar einen Partner oder eine Partnerin haben, der oder die jedoch nicht gerne kuschelt. Dadurch fehlt ihnen dann etwas.

Welche Regeln es für die Kund:innen gibt

Es gibt bestimmte Regeln, an die sich jeder halten muss, und die vor der Kuschelstunde im Erstgespräch abgeklärt werden. Zum Beispiel müssen bestimmte Hygiene-Standards eingehalten werden. Kunden sollen vor der Kuschelstunde duschen, Zähne putzen und Deo auftragen. Außerdem sind alle erotischen Berührungen verboten. Dazu zählt Anfassen unter der Kleidung oder im Bikinibereich und Küssen. Wenn es dazu kommt, wird die Kuschelstunde abgebrochen. In den allermeisten Fällen halten sich die Kunden aber an die Regeln. Schließlich sind Menschen, die eine Kuschelstunde buchen, eher scheu im Umgang mit anderen und haben Probleme, andere zu berühren oder Nähe zuzulassen.

Welche Eigenschaften man als Profi-Kuschlerin braucht

Profi-Kuschler und Profi-Kuschlerinnen müssen es vor allem mögen, fremde Menschen zu berühren und von ihnen berührt zu werden. In dem Job muss man offen und vorurteilsfrei sein, denn wir haben die Richtlinie, dass wir wirklich mit allen kuscheln – egal welches Geschlecht, welches Alter, welche Hautfarbe, welche Religionszugehörigkeit. Außerdem muss man gut zuhören können und empathisch sein. Wichtig ist auch die Fähigkeit, Grenzen aufzuzeigen. Denn wenn ein Kunde gegen die Verhaltensregeln verstößt, muss man ihn auch auf professioneller Ebene zurechtweisen. Zuletzt sollte man Distanz wahren können – ich vergleiche das gerne mit dem Job von Psychologen. Denn auch in meinem Job kommt es vor, dass mir Kundinnen oder Kunden von ihren privaten Sorgen und Ängsten erzählen. Man darf das aber nicht zu sehr an sich heranlassen – mit etwas Übung und Erfahrung gelingt es auch, Privates und Berufliches zu trennen. Distanz ist übrigens auch dann wichtig, wenn man merkt, dass plötzlich romantische Gefühle im Spiel sind – seitens des Kunden oder der Kuschler. Dann sollte man die Kuschelstunden notfalls abbrechen.

Was ich auf Partys immer gefragt werde

Häufig werde ich zum Beispiel gefragt, ob ich das Kuscheln mit anderen Personen nicht eklig finde. Ich verneine das natürlich, sonst wäre ich in meinem Job falsch. Natürlich kann es dazu kommen, dass die Person, mit der ich kuschle, zum Beispiel unangenehm riecht. Wenn der Geruch dezent ist, gewöhne ich mich schnell daran. Falls der Geruch penetrant ist, weise ich den Kunden oder die Kundin darauf hin und bitte sie, nochmal Deo aufzutragen oder Zähne zu putzen. In meiner Praxis habe ich immer Deo und Kaugummi für den Notfall parat.

Wie viel man als Profi-Kuschlerin verdient

Im Durchschnitt werde ich etwa für fünf einzelne Kuschelstunden pro Woche gebucht und verdiene dabei 70 Euro pro Stunde. Dazu kommen je nach Nachfrage noch Kuschelpartys und Berührungsworkshops mit mehreren Teilnehmern. Kuschelpartys kosten 20 bis 30 Euro pro Teilnehmer, die Workshops kosten pro Teilnehmer 70 Euro für vier Stunden. Mein monatlicher Verdienst beträgt mit den Einzelstunden und Workshops in etwa 1600 Euro brutto, jedoch hängt dies stark von der Nachfrage meiner Kundinnen und Kunden ab. Andere Jobs habe ich nicht. Ich lebe also nur vom Kuscheln und dem Verkauf meiner Bücher, in denen es ebenfalls um Kuscheltherapie geht.

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