500 Euro brutto für den Sensitivity Reader in Teilzeit

Foto: Privat / Grafik: jetzt

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Was Sensitivity Reading ist

Sensitivity Reader überprüfen die Darstellungen von marginalisierten Personengruppen in Texten. So soll eine eindimensionale, schädliche oder stereotypische Darstellung von marginalisierten Gruppen vermieden werden.

Im englischsprachigen Raum gibt es das schon länger, jetzt verbreitet es sich auch in Deutschland. Ich bin auf Instagram darauf gestoßen und habe mich auf einer Vermittlungs-Website für Sensitivity Reading angemeldet. Meine Themen sind Rassismus, Queerness im Bereich Bisexualität und Pansexualität, Transidentität, Depressionen und soziale Angststörungen.   

Wie mein Arbeitsalltag aussieht 

Zunächst spreche ich den Umfang und das Thema des Auftrags ab. In diesem ersten Gespräch geht es darum, ob ich einzelne Szenen oder das komplette Manuskript lesen soll. Ich versuche bei der Gelegenheit auch herauszufinden, wie viel Raum ein bestimmtes Thema einnimmt. Daraufhin wird mir der Text übergeben und ich lese das Manuskript hinsichtlich der Aspekte, die ich überprüfen soll. Wenn People of Color oder queere Menschen auftreten, achte ich bewusst darauf, wie sie dargestellt werden und sich verhalten, wenn sie vorkommen. Wenn mir etwas auffällt, dann schreibe ich einen Kommentar dazu, wie ich es verändern würde.

Klassische Fälle sind zum Beispiel, wenn die Hautfarbe einer Schwarzen Figur wenig schmeichelhaft mit „Zartbitterschokolade“ beschrieben wird, eine trans Person ihrer Geschlechtsidentität entsprechend extrem klischeehaft männlich oder weiblich auftritt, oder wenn der einzige queere Charakter in einer Geschichte der schwule beste Freund der Protagonistin ist.  Am Ende gebe ich ein Gesamtfeedback zum Text ab und biete ein Gespräch an.

Welche Herausforderungen mein Beruf hat 

Nicht immer weiß ich sofort, ob ich in eine Szene eingreifen sollte oder nicht. Manchmal gibt es einen allgemeinen Konsens darüber, welche rassistischen Begriffe zum Beispiel nicht benutzt werden dürfen. In anderen Fällen kann es eine sehr persönliche Abwägung sein. Auch Sensitivity Reader sind Individuen.

Wie zum Beispiel eine Figur auf einen rassistischen Vorfall reagieren würde, ist genauso wie bei echten Menschen unterschiedlich und hängt auch von dem Charakter der Figur ab. Daher muss ich mich immer fragen, wie die Szene zum Gesamttext passt. Außerdem ist es wichtig, zu überlegen, welche Botschaft mit bestimmten Szenen gesendet wird.    

Welche Eigenschaften für den Job wichtig sind 

Die relevanteste Eigenschaft für den Job ist, dass Sensitivity Reader die Lebenswirklichkeit der Figuren, die sie überprüfen, teilen. Ich bin zum Beispiel als Person of Color von Rassismus betroffen, außerdem bin ich trans. Darüber hinaus ist es wichtig, nicht nur auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen zu können, sondern auch zu wissen, wie die Community zu bestimmten Begriffen oder Verhaltensweisen steht und bei aktuellen Diskursen auf dem neuesten Stand zu sein. Außerdem sollten Sensitivity Reader ein gutes Sprachgefühl besitzen und sich mit verschiedenen Textgattungen auskennen.

Als Sensitivity Reader brauche ich allerdings keine Ausbildung. Die ersten Aufträge habe ich auf Vertrauensbasis bekommen. Bei mir ist es von Vorteil, dass ich hauptberuflich als Autor arbeite. Ich schreibe romantische, dramatische und fantastische Geschichten für junge Erwachsene und habe schon immer darauf geachtet, dass meine Bücher nicht nur unterhaltend sind, sondern dass sich die Romane auch mit ernsten Themen beschäftigen und Minderheiten repräsentieren. Meine Figuren sind zum Beispiel queer oder People of Color.  

Wie meine Auftraggeber:innen auf das Feedback reagieren 

Ich kann niemanden zwingen, die Änderungen anzunehmen. Natürlich sage ich meine Meinung, wenn bestimmte Darstellungen gar nicht gehen. Zum Beispiel bei Begriffen und Verhaltensweisen, bei denen es einen klaren Konsens in der Community gibt, dass sie zu vermeiden sind. 

Ich habe aber bisher fast nur positive Erfahrungen gemacht. Die Verlage und Autor:innen sind meist begeistert und übernehmen die Änderungen. Besonders schön ist es, wenn sie mir sagen, dass sie durch mich etwas gelernt haben. 

Nur ein Auftrag war sehr ärgerlich: Es ging um ein Projekt zum Thema Transidentität, das ich allgemein sehr problematisch fand. Das habe ich den Auftraggebenden auch mitgeteilt, die waren aber anderer Meinung. Für mich war das sehr frustrierend, weil meine Arbeit umsonst war und Nicht-Betroffene entschieden haben, wie trans Menschen in dem Projekt dargestellt werden.   

Was der Job mit dem Privatleben macht 

Sensitivity Reading ist keine neutrale Arbeit, sondern kann emotional und aufwühlend sein, wenn eigene Erfahrungen hochkommen. Ich muss mich während meiner Arbeit oft mit Aspekten aus meinem Leben beschäftigen, die nicht immer schön sind. Das fordert emotionale und mentale Kapazitäten. Meistens kann ich mich in meiner Freizeit gut von meiner Arbeit distanzieren, das kommt aber auf meinen mentalen Zustand an. Mir macht der Job trotzdem Spaß, da ich zu einer besseren und diversen Darstellung von marginalisierten Gruppen beitragen kann. 

Vorstellung vs. Realität

Ich dachte nicht, dass die Arbeit so vielfältig ist. Mein Fokus liegt zwar auf Romanmanuskripten, aber ich habe mich auch schon mit Zeitungsartikeln, Texten zu einer Kunstausstellung und Werbung auseinandergesetzt und bei einem Serienprojekt beraten. Damit hätte ich nicht gerechnet. Außerdem haben sich auch Workshops ergeben, bei denen ich mein Wissen weitergeben konnte.  

Was ich auf Partys immer gefragt werde

Die meisten Leute wissen nicht, was Sensitivity Reading ist. Meist sind die Menschen  eher skeptisch und glauben, dass es darum geht, den Texten ihre Ecken und Kanten zu nehmen. Oder sie denken, dass dadurch in Romanen nichts Schlimmes thematisiert werden dürfe. Aber das ist ja nicht der Fall. Ich überprüfe nur, wie über Themen gesprochen wird und nicht, ob man über sie schreiben darf. In Romanen sollte weiterhin gezeigt werden, dass Rassismus oder Transfeindlichkeit existieren. 

Wie viel man als Sensitivity Reader verdient

Mein Gehalt variiert von Monat zu Monat stark. Es kommt darauf an, wie viele Aufträge ich habe. Manchmal sind es vier bis fünf Projekte pro Monat, dann gibt es wieder Wochen ohne Aufträge. Mein Honorar hängt vom Umfang und Zeitaufwand des Projekts ab, und davon, wie viel Raum das Thema im Roman einnimmt. Es ist für mich ein Unterschied, ob die Hauptperson eines Romans eine Person of Color ist und das nicht weiter thematisiert wird, oder ob es eine zentrale Rolle spielt. Mal bekomme ich pro Auftrag 1500 Euro, mal 100 Euro. Im Durchschnitt habe ich dieses Jahr durch den Job pro Monat 500 Euro brutto verdient. Das ist ein netter Nebenverdienst, aber ohne mein Einkommen als Autor könnte ich davon nicht leben.  

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