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2100 Euro brutto für die Piercerin

Milla kann sich vorstellen, eines Tages ihr eigenes Piercing-Studio zu eröffnen.
Foto: Fredda Weiler/Bearbeitung: SZ Jetzt

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Bevor Milla zum Piercen kam, hat sie als Ukulele-Lehrerin, Popcorn-Verkäuferin und Aktmodell in einer Zeichenschule gearbeitet. Seit einem Jahr ist sie professionelle Piercerin in einem Tattoo- und Piercing-Studio. Der Beruf der Piercer:in ist nicht geschützt, daher kann sich die Ausbildung von Studio zu Studio unterscheiden.

Welche Fragen ich auf Partys gestellt bekomme

„Die meisten Menschen wollen wissen, ob ich auch Intimpiercings steche. Die Antwort ist ja. Dann fragen sie, ob ich das komisch oder eklig finde. Eigentlich finde ich das nicht, aber natürlich kommt es immer auf den Kunden an. In der Ausbildung erhalten wir die klare Anweisung, ein Piercing zu verweigern, wenn wir das Gefühl haben, dass das Stechen einem Kunden sexuelle Lust bereitet. Einmal habe ich tatsächlich eine Frau nach Hause geschickt, die schon beim Abtasten nach einer geeigneten Stelle eindeutig Freude daran zu haben schien. In dem Moment fiel es mir gar nicht schwer, diese Grenze zu setzen. Ich habe ihr gesagt, dass ich Kreislaufprobleme habe und wir den Termin leider abbrechen müssen.

Viele erkundigen sich auch nach dem schmerzhaftesten Piercing. Meiner Erfahrung nach ist das die Brustwarze, weil sie sehr empfindlich ist, unabhängig vom Geschlecht. Das Einzige, was noch unangenehmer ist, sind Intimpiercings bei Männern. Ich finde es faszinierend, dass man eine 1,7 Millimeter dicke Nadel durch die Eichel jagen kann, ohne dass sie danach nutzlos ist.“

Wie ich zu dem Job gekommen bin

„Eigentlich hatte ich nie vor, Piercerin zu werden. Aber vor einem Jahr brauchte ich dringend einen Job und bewarb mich deshalb auf eine Stelle am Empfang eines Tattoo- und Piercingstudios. Schon nach einer Woche hat mich meine Vorgesetzte gefragt, ob ich nicht eine Zusatzausbildung zur Piercerin machen will. Als ich behauptete, ich könne das schon, hat sie nur gelacht. Tatsächlich habe ich bereits mit 16 einer Freundin ein Bauchnabelpiercing gestochen. Unsere einzige Anleitung: ein Youtube-Tutorial. Ich hatte große Angst, etwas falsch zu machen, aber sie hat mir vertraut. Heute würde ich das so nicht mehr machen, das ist viel zu riskant und unhygienisch.

In Deutschland ist die Berufsbezeichnung der Piercerin nicht geschützt, der Ausbildungsweg variiert also von Studio zu Studio. Ich habe von Kolleginnen gehört, die in anderen Studios ein Jahr lang nur zugeschaut haben, bevor sie selbst stechen durften. Bei uns geht das schneller. Im ersten Monat der Ausbildung habe ich zugesehen, danach durfte ich unter Aufsicht der Ausbilder an Kunden üben, die im Gegenzug das Piercing umsonst bekommen haben. Angefangen habe ich mit dem Helix, einem Piercing oben an der Ohrmuschel. Dabei kann nicht viel schiefgehen, weil sich die Ohrmuschel bewegen lässt und der Knorpel dort besonders hart ist. Nebenbei habe ich an Ohren und anderen Körperteilen aus Silikon geübt. Bis ich mich den Kunden alleine als ausgebildete Piercerin präsentieren durfte, hat es etwa drei Monate gedauert.“

Was der Job mit dem Privatleben macht

„Natürlich wollen viele Freunde, dass ich ihnen Piercings steche. Das mache ich aber nur im Studio, weil ich dort das Werkzeug und den Schmuck gestellt kriege und die hygienischen Voraussetzungen deutlich besser sind als bei mir zuhause. Meine beiden besten Freundinnen, meine Cousine und sogar meine Mama sind schon zu mir ins Studio gekommen, um sich von mir piercen zu lassen. Dafür haben sie dann auch einen Mitarbeiterrabatt bekommen.

Außerdem achte ich inzwischen im Alltag auf die Piercings anderer Menschen. Seit ich täglich etwa 30 Ohren pierce, fällt mir in der U-Bahn auf, wenn sich ein Ohr für ein bestimmtes Piercing besonders gut eignet. Und ich habe schon Barkeeperinnen darauf angesprochen, dass sie den Stab ihres Zungenpiercings kürzen müssen.“

Welche Eigenschaften man für den Job braucht

„Eine gute Piercerin braucht Empathie, eine ruhige Hand und viel Geduld. Oft ärgern sich Kunden, wenn ich ihnen ein bestimmtes Piercing nicht stechen kann. Manchmal stimmen aber die anatomischen Voraussetzungen nicht, zum Beispiel, wenn sich der Bauchnabel aufgrund eines Nabelbruchs nach außen wölbt. Das muss ich ihnen freundlich, aber bestimmt erklären, schließlich bin ich die Expertin. Wenn ein Kunde Angst hat, beschreibe ich ihm in Ruhe mein Vorgehen, mache Witze und versuche, ihn abzulenken. Ein handwerklich gutes Piercing zu stechen, ist wichtig. Aber im Bestfall gelingt es zusätzlich noch, die Erfahrung für den Kunden besonders angenehm zu gestalten.

Natürlich habe ich schon oft Fehler gemacht, zum Beispiel ein Piercing schief gestochen. Das passiert selbst den erfahrensten Piercern noch ab und zu. Eigentlich ist das unproblematisch, weil sich die Wunde sofort wieder schließt, sobald man die Nadel rauszieht. Deswegen ist es das Wichtigste, gleich etwas zu sagen und das Piercing direkt noch einmal neu zu stechen. Wenn man den Kunden mit einem schiefen Piercing nach Hause gehen lässt und er nach drei Wochen wiederkommt und sich beschwert, ist das viel unangenehmer.“

Wie der Arbeitsalltag aussieht

„Bei uns im Studio wird morgens erstmal alles durchgewischt. Generell wird unglaublich viel geputzt. Zu meinen Aufgaben gehört auch Servicearbeit: Ich beantworte E-Mails und Anfragen und kümmere mich um Schmuckbestellungen. Zudem sterilisiere ich neu bestellten Schmuck und unsere Werkzeuge. Das ist ein komplexer, aber essenzieller Prozess. Wir können den Schmuck erst verwenden, wenn er klinisch steril ist. Wer welche Kunden übernimmt, hängt davon ab, wie groß der Andrang ist und wie viel Erfahrung die jeweilige Person hat. Ein fertig ausgebildeter Piercer sollte aber alle Piercings beherrschen, die wir in unserem Studio anbieten.“

Was meine Kund:innen überrascht

„Ich habe selbst nur sieben Piercings. In der Branche ist das eher unüblich. Einige meiner Kollegen haben ihr ganzes Gesicht voll davon. Das steht ihnen gut, passt aber nicht zu meiner Ästhetik. Mir persönlich ist es wichtig, mit diesem Klischee zu brechen. Manche Kunden kann es einschüchtern, wenn eine coole, abgebrühte Goth-Braut hinter dem Tresen steht. Aber es soll sich ja auch das junge Mädchen, das sich nur ein zweites Ohrloch stechen lassen will, willkommen fühlen. Trotzdem sprechen mich viele meiner Kunden darauf an, dass ich nicht dem klassischen Rocker-Image entspreche. Dann weise ich sie gern darauf hin, dass man einige meiner Piercings gar nicht sehen kann.

Ich habe übrigens eine schlimme Nadelphobie. Wenn eine Nadel auf mich zukommt, kriege ich Angst. Für meinen Job ist das aber kein Problem: In dem Moment, in dem ich die Nadel in der Hand halte, bin ich der Chef.“

Vorstellung vs. Realität

„Bevor ich als Piercerin angefangen habe, war mir nicht klar, wie anstrengend der Kundenkontakt sein kann. Ich denke, das gilt für alle Dienstleistungsberufe. Man hat ständig mit Menschen zu tun, die etwas von einem wollen, und viele von ihnen sind unfreundlich, unhöflich oder unangenehm. Außerdem überrascht mich, welche falschen Vorstellungen manche Kunden vom Piercen haben. Schon oft wurde ich gefragt, ob wir Ohrlöcher umsonst stechen. Auch der Heilungsprozess wird von vielen Menschen unterschätzt – obwohl wir klare Anweisungen geben, kommen immer wieder Kunden ins Studio, deren Wunde sich entzündet hat, weil sie sie nicht richtig desinfiziert oder den Schmuck zu schnell gewechselt haben.“

Wie viel ich verdiene

„Bei einer 40-Stunden-Woche verdiene ich monatlich 2100 Euro brutto, damit komme ich im Moment sehr gut aus. Ich bin Mitte Zwanzig und lebe so vor mich hin: Die Miete für mein WG-Zimmer und das Bier am Wochenende kann ich mir entspannt leisten und am Ende des Monats habe ich immer noch genug übrig, um nicht in Stress zu geraten. Vielleicht bekomme ich irgendwann noch mehr Verantwortung, darüber würde ich mich freuen. Allerdings geht es mir dabei eher um die Anerkennung als um das Gehalt.“

Welches Piercing ich am liebsten steche

„Das Nippelpiercing an Frauen mag ich wahnsinnig gerne, weil es so viel mit dem Körpergefühl einer Frau macht. Ich kenne kaum eine Frau, die einfach zufrieden ist mit ihren Brüsten. Zu mir kommen Frauen jeden Alters, zwischen 16 und 80 ist alles dabei. Die meisten von ihnen ziehen sich beschämt aus und fragen mich, ob ihre Brüste nicht zu groß, zu klein oder zu asymmetrisch für ein Piercing seien. Ihnen sage ich: Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass deine Nippel danach glitzern. Wenn ich das Piercing dann gestochen habe und die Frauen sich zum ersten Mal im Spiegel betrachten, strahlen sie meistens voller Stolz. Sie fühlen sich viel wohler in ihrem Körper und haben richtig Lust, der Welt ihre Brüste zu zeigen. Für mich ist es ein schönes Gefühl, zumindest indirekt dafür verantwortlich zu sein.“

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