Minus 1500 Euro für den selbstständigen Farmer

Valentin baut zum Beispiel Frühlingszwiebeln, Paprika, Karotten, Tomaten und Kürbisse an.
Foto: Benedikt Kuby; Bearbeitung: jetzt

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Der Weg dorthin

Vor zwei Jahren habe ich meinen Master in nachhaltiger Wirtschaft gemacht – auf einem englischen College, das fast alle seine Lebensmittel selbst in großen Gärten anbaut. Da arbeiteten auch die Studierenden mit. Ich habe dort „Market Gardening“-Techniken erlernt, die ich jetzt nutze. (Anm. der Redaktion: Market Gardening bezeichnet ressourcenschonenden Gemüseanbau auf kleiner Fläche) Der Wechsel zwischen Vorlesungen, Büchern und der Arbeit auf den Beeten erfüllte mich. Insbesondere, dass man sehr schnell die Früchte der eigenen Arbeit zu sehen bekam und diese zusätzlich anderen eine Freude machten – nämlich die Freude über gutes Essen. Diese Erfahrungen haben eine große Rolle dabei gespielt, dass ich mich nach meinem Studium vor einem Jahr dazu entschieden habe, auf dem Land meiner Eltern Gemüse anzubauen und es direkt zu vertreiben.

So sieht der Alltag als Farmer aus

Ich arbeite mit dem Jahr, das heißt, dass die Natur meinen Tag bestimmt. Ich baue saisonal Gemüse und Obst an, zum Beispiel Frühlingszwiebeln, Paprika, Karotten, Tomaten und Kürbisse, aber auch Melonen, oder sammle wilden Holunder im Wald. Meistens beginnt der Tag mit einem Kontrollgang durch die Beete auf meiner 1,5-Hektar großen Farm. Ich schaue mir das Land, die Beete und die Pflanzen gründlich an und lege dann die Aufgaben des Tages fest. Meist starte ich mit Gießen, dann Jäten, Düngen, Pflanzen hochbinden. Ich schaue, was geerntet werden und was in die Kisten für die Kunden kommen kann. Dann kommen eventuell auch schon erste Kunden, mit denen ich durch die Beete gehe und die sich aussuchen, was sie haben wollen. Ist abzusehen, wann ein Beet frei wird, bestelle ich in einem Demeterbetrieb Jungpflanzen, damit keine Lücken entstehen. Zusätzlich koche ich ein und mache Marmeladen, Pestos und Soßen.

Alleine kann ich das natürlich nicht machen. Ein Team aus vier bis fünf Personen, die auch mal wechseln, ist mit dabei. Darunter auch freiwillige Helfer und Praktikanten. Im Sommer geht es meist bei Sonnenaufgang los, mittags eine lange Pause, auch um der Hitze zu entgehen, und der Tag endet, wenn nichts mehr zu tun ist oder es dunkel wird. In den kalten Monaten geht es später aus dem Bett, weil es da viel ruhiger ist und es nur noch wenig zum Ernten gibt.

Warum ich dafür eine mögliche politische Laufbahn aufgegeben habe

Zehn Jahre lang habe ich mich in der Politik engagiert, unter anderem als Kandidat für den Bayerischen Landtag. Ich hoffte, politisch einen Beitrag leisten zu können, sodass uns die Klimakrise nicht überrollt. Letztlich habe ich wenig Ergebnisse gesehen. Das erkannte ich, als ich im College die ersten Rettiche erntete. Da wurde mir klar, dass es im politischen Raum einfach zu lange dauert und uns die Zeit davonläuft. Mit dem regionalen und nachhaltigen Anbau von Lebensmitteln, der den Boden nicht auslaugt, kann ich tatsächlich einen Beitrag leisten. Ich weiß nun: Permakultur ist mein Beitrag und mein Weg in die Zukunft, persönlich und beruflich.

Was den Job schwierig macht

Ich kann mir zu Sommerzeiten nicht frei nehmen und wenn es nachts um drei zu stürmen beginnt, muss ich raus und nachsehen, ob es was zu sichern gibt. Normalerweise brauche ich lang, um wach zu werden, aber da geht es dann ganz schnell. Landwirtschaft ist sicher keine Arbeit für jeden. So habe ich seit dem ersten März – da beginnt die Saison – bis zum ersten Frost nur eine Nacht nicht Zuhause geschlafen. Es gibt oft so viel zu tun, so dass ich wie ein Automat so schnell ich kann die Arbeit abwickle, und doch nicht alles schaffe.

Mich stressen außerdem behördliche Vorschriften, deren Sinn sich mir nicht erschließt. Wenn ich beispielsweise Eier ausliefern wollen würde, dann ginge das nur, wenn ich sie dem Kunden selbst übergebe. Da brauchen die Eier auch keine Stempelung. Jemanden vor Ort zu bitten, sie für mich auszuliefern, wäre nicht erlaubt. Das dürfte diese Person nur, wenn sie die Eier bei mir Zuhause abholt. Würde ich ihm zum Beispiel entgegenfahren und ihm die Eier übergeben, dann ginge das nur, wenn die einen auf den Mitarbeiter bezogenen Stempel hätten. Alles klar?

Vorstellung vs. Realität

Anfangs hatte ich mir vorgestellt, dass meine Arbeit draußen stattfindet, im Garten und auf Beeten. Tatsächlich verbringe ich sehr viel Zeit vor dem Bildschirm, um zum Beispiel meinen Social-Media-Auftritt zu pflegen, Mails und Rechnungen zu schreiben oder Behördenformulare auszufüllen. Und natürlich ist die Kommunikation mit den Kunden und Zulieferern wichtig und braucht Zeit. Anfangs hatte ich große Sorge, zu wenig Ware anbieten zu können. Das Gegenteil war der Fall. Die Kisten wurden zu voll und meine Kunden hatten Mühe, alles aufzuessen.

Welche Eigenschaften ein Farmer braucht

Als Farmer braucht man Vertrauen in die Natur und Gelassenheit. Die Natur kann man nämlich nicht kontrollieren und muss somit eine gewisse Flexibilität mitbringen. Auch Geduld ist sehr wichtig, da sich das Ergebnis nicht sofort zeigt. Aber wenn es sich zeigt, dann ist das ein wunderbares Gefühl.

Wie viel man als Farmer verdient

Weil ich selbstständig bin, bekomme ich kein klassisches Gehalt. Ich brauchte einen Kredit – und bekam einen privaten. Davon wurden die Basisanschaffungen bezahlt. Die größten Posten dabei waren zwei Folientunnel und ein kleiner Traktor. Jeden Monat zahle ich mir 800 Euro aus. Das muss zurzeit reichen. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass ich diesen Betrag bereits im nächsten Jahr aufstocken kann. Und dann müssen natürlich noch die beiden Helfer bezahlt werden. Da ich erst dieses Jahr als Gemüsebauer angefangen habe, hatte ich natürlich noch mehr Ausgaben als Einnahmen. Im Durchschnitt nehme ich 1500 bis 2500 Euro monatlich ein, während die Ausgaben bei etwa 3500 Euro liegen. Es ist also noch ein Minusgeschäft. „Ganz normal“, meint mein Bankberater, was mich beruhigt. Nächstes Jahr rechne ich bereits damit, Gewinn zu machen, wie viele der anderen Farmer, mit denen ich im Austausch stehe. Ich und meine Investoren glauben daran, dass das Konzept Market Gardening funktioniert. Gestern bin ich beispielsweise mit einem weiteren Gastronomen (der sich gerade um einen ersten Stern bemüht) übereingekommen, ihn nächstes Jahr zu beliefern. 

Wie andere auf den Job reagieren

Wenn ich Leuten früher, als ich noch in der Politik war, von meiner Arbeit erzählte, habe ich überwiegend Kopfschütteln und Ablehnung erlebt. Es gab Freunde, die mich fragten, warum ich meine Zeit für so etwas verschwende. Im Wahlkampf traf mich viel Hass von rechts. Wenn ich jetzt in einer Runde erzähle, was ich mache, sind die Reaktionen immer positiv. Manchmal sind die Leute geradezu begeistert. Was will ich mehr?

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