4560 Euro brutto für den Virologen

Cornelius, 31, erzählt von seiner Arbeit an gefährlichen Viren im Hochsicherheitslabor.
Protokoll von Anton Zirk
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Foto: Privat / Bearbeitung: jetzt

Wie sieht der Alltag eines Virologen aus?

Die meiste Zeit arbeite ich in den Laboren der Uni Marburg, also sehr viel praktisch. Ich überlege mir Versuche und führe diese durch. Dabei untersuche ich, wie verschiedene Viren mit menschlichen Zellen interagieren. Wir arbeiten vor allem mit Viren wie Marburg und Ebola. Versuche beginnen häufig so, dass wir menschliche Zellen in einem Reagenzgefäß mit einem Virus versetzen. Unter normalen Umständen würde das Virus dann in diese Zellen eindringen und sich vermehren. Uns interessiert, was passiert, wenn man die Umstände ändert. Was passiert, wenn man etwas dazugibt, was sich direkt gegen das Virus richtet oder etwas, das die Zelle unterstützt? Wir decken aber bei uns am Institut das Spektrum zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung ab. Das heißt, wir schauen einerseits, wie die Viren funktionieren, versuchen aber auch, das Wissen mitzunehmen und schon vor großen Ausbrüchen verschiedene Therapeutika auszutesten: Bevor ein Impfstoff auf den Markt kommt, muss er natürlich verschiedene Testungen durchlaufen und die letzten Stufen vor der Zulassung sind Studien am Menschen. In darauf spezialisierten Kliniken wird der Impfstoff dann verabreicht. Später wird dann geschaut, ob das Immunsystem so reagiert, wie man sich das vorstellt und ob die Immunantwort des Körpers dazu führt, dass die Viren blockiert oder gehemmt werden. An diesem Punkt kommen wir meistens ins Spiel. Wir kriegen in der Regel Blutproben und untersuchen, was der Körper produziert hat, um die Viren mit Hilfe der Impfung in Schach zu halten.

 

Das Hochsicherheitslabor

Zu meinem Arbeitsplatz an der Uni Marburg gehört auch das Hochsicherheitslabor und das ist wirklich etwas Besonderes. Von seiner Art gibt es weltweit nur sehr wenige, in Deutschland gerade mal vier. Es ist der einzige Ort, der einem ermöglicht, mit hochpathogenen Viren wie zum Beispiel Ebola zu arbeiten. Dort gibt es mehrere Schleusen. Wenn wir hineingehen, legen wir unsere reguläre Straßenkleidung ab und wechseln zu OP-Kleidung. Dann ziehen wir einen Vollschutzanzug an, der mit Überdruck die ganze Zeit aufgeblasen wird, sodass nach Möglichkeit nichts eindringen kann. Darüber hinaus versuchen wir jede Schutzmöglichkeit zu doppeln. Deshalb haben wir beispielsweise drei Paar Handschuhe an. Innerhalb des Labors wird das so genannte Haus-im-Haus-im-Haus-Prinzip angewendet: Wir arbeiten an einer Werkbank, die mit einem Luftfiltersystem ausgestattet ist, das theoretisch nichts ausdringen lässt. Falls doch, wird die Luft gefiltert. Diese Filter-Bank steht wiederum in einem Haus, das mit Unterdruck und weiteren Filtern versorgt ist. Und dann haben wir ja noch den Vollschutzanzug in einem weiteren Laborbereich. Wenn wir das Labor verlassen, müssen wir eine chemische Dusche mit dem Vollschutzanzug nehmen. Hier wird alles, was auf der Oberfläche sein könnte, inaktiviert. Danach führen wir noch eine Hygienedusche durch, damit am Körper nichts mehr zurückbleibt.

Die Arbeit an SARS-CoV-2

Klar ist, dass auch wir sehr interessiert an dem neuen Coronavirus sind. Da wurde an unserem Institut auch thematisch einiges umgestellt. Vom Grundprinzip ändert sich aber nichts, die Versuchsabläufe ähneln sich. Es ist nur ein anderes Virus und was wir können, versuchen wir darauf anzuwenden. Wichtig ist bei Corona aktuell, dass die Diagnostik ausgebaut und weiterentwickelt wird. Es gab ja recht schnell Testmöglichkeiten. Jetzt braucht es Routine, um die Kapazitäten auch bewältigen zu können. Darauf liegt gerade ein Schwerpunkt. Langfristig ist das Ziel aber auch hier, Grundlagenforschung zu betreiben. Gleichzeitig lassen wir die Forschung an den anderen Viren nicht ruhen, sondern schauen, wo zusätzliche Kapazitäten frei sind. 

Wie wird ein Virologe bezahlt?

 Ich werde als Mitarbeiter der Universität nach Tarif des Öffentlichen Dienstes bezahlt und bekomme 4560 Euro brutto im Monat. Dafür habe ich zehn Jahre studiert. Ich habe letztes Jahr promoviert und habe noch die Möglichkeit, in verschiedene Richtungen zu gehen. Ich kann an der Uni bleiben und versuchen, in der Forschung weiterzumachen. Die Alternative ist, in die Industrie zu wechseln. Da ist die pharmazeutische Industrie natürlich besonders interessant, weil es viele Arbeitsstellen gibt. Ich denke, dass die Einstiegsgehälter dort dem ähneln, was ich an der Uni verdiene. Der Unterschied ist aber sicher, dass der Spielraum nach oben größer ist.

Wie wird man Virologe?

 Ich habe während der Schulzeit gemerkt, dass ich gern Biologie studieren möchte. Das habe ich in Marburg gemacht und mich dann auf Molekularbiologie spezialisiert und meine Master gemacht. Marburg ist für dieses Studium super geeignet, hier gibt es eine relativ große Virologie. Dort habe ich sowohl meine Bachelor- als auch meine Masterarbeit über die Vermehrung von Marburg-Viren geschrieben. Auch meine Doktorarbeit hat sich thematisch damit befasst. Die Forschung hierzu fand unter anderem im Hochsicherheitslabor statt. So konnte ich direkt mit dem Virus arbeiten. Ich wollte herausfinden, wie das Virus die menschlichen Zellen beeinflusst, die es braucht, um sich zu vermehren. Es ist sehr interessant, was da an- und ausgeschaltet wird.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Die Leute wollen immer wissen, mit welchem Virus ich arbeite. Wenn ich erzähle, dass ich viel mit Marburg und Ebola gearbeitet habe, kommt die Frage, ob das denn nicht gefährlich ist. Ich erkläre dann, dass wir unser Hochsicherheitslabor haben, welches alle technischen Anforderungen erfüllt, um mit hochpathogenen, also für den Menschen sehr ansteckenden und gefährlichen Viren arbeiten zu können. Bis jetzt hat danach aber noch niemand Abstand zu mir genommen.  

Wissen beruhigt

 Für mich ist es spannend, viel über Viren zu wissen. Dadurch kann ich besser als vielleicht ein Laie einschätzen, wie kritisch welche Viren sind und was Aussagen von anderen Virologen bedeuten, besonders, wenn viele Fachbegriffe verwendet werden. Ich fühle mich aber auch relativ sicher, weil ich im Labor Praktiken wie richtiges Händewaschen alltäglich anwende. Es gilt jetzt, die Gemeinschaft und die Menschen in Risikogruppen zu schützen. Da ist es schon besorgniserregend, wenn man sieht, wie schwer die Folgen sein können. Aus der Familie bekomme ich natürlich auch Fragen. Die drehen sich oft um das richtige Verhalten während der Pandemie: „Brauche ich einen Mundschutz? Reicht Händewaschen oder muss ich meine Hände desinfizieren?“ Ich versuche das zu beantworten, verweise aber auch gern auf die Informationen, die Virologen an die Politik oder Medien weitergeben. Die Vorgaben der Regierung und Behörden schränken mich wie jeden anderen ein. Es fällt mir aber schwer, die Maßnahmen zu beurteilen, weil ich „nur“ Virologe und kein Epidemiologe bin. Ich glaube jedoch, dass von der Regierung und den Behörden grundsätzlich ein guter Job gemacht wird. Es findet zumindest eine enge Interaktion verschiedener Disziplinen statt, also zum Beispiel von Virologie, Wirtschaft und Politik.

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