Entschuldigung, ich habe Zeit

Keine Zeit zu haben ist in Mode. Um nicht als faul zu gelten, traut man sich gar nicht mehr zu sagen, dass man eigentlich genug davon hat.
Von Nadja Schlüter
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Foto: cydonna / photocase.de

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde das erste Mal am 27.06.2012 veröffentlicht. Da auch heute noch niemand Zeit hat, haben wir ihn am 17.11.2020 erneut veröffentlich und dafür aktualisiert.

Ich erzähle gerne. Zum Beispiel von Dingen, die ich irgendwo in den Tiefen des Internet gelesen habe. In den Tiefen des Internets zu lesen halten manche Menschen aber für reine Zeitverschwendung. Darum habe ich mich schon oft mit der Aussage „So viel Zeit wie du hätte ich gerne mal“ oder „Du hast echt zu viel Zeit“ konfrontiert gesehen. Man weiß nicht genau, was das zu bedeuten hat. Ist es Selbstmitleid? Eine Beleidigung? Oder Neid? Egal, was der andere damit sagen will, vor allem ist dieser Satz sowie jede andere Klage über Stress und Zeitmangel der Beweis dafür, dass keine Zeit haben ziemlich angesagt und Zeit haben gar nicht gern gesehen ist. Gäbe es eine in-und-out-Liste für junge Städter, es wäre ganz klar, auf welcher Seite „Zeit haben“ und auf welcher „keine Zeit haben“ stünde. „Ja, stimmt genau“, das würde niemand entgegnen, dem man zu viel Zeit vorwirft.

Natürlich gibt es Menschen, die wirklich nie Zeit haben. Angela Merkel zum Beispiel oder jemand bei „Ärzte ohne Grenzen“

Natürlich gibt es Menschen, die wirklich nie Zeit haben. Angela Merkel zum Beispiel oder jemand bei „Ärzte ohne Grenzen“ oder einfach jemand mit einem wirklich, wirklich stressigen Job. Auch jeder, der nicht gerade ein Land regiert, nicht die Welt verbessert und eigentlich immer ganz gut mit der Arbeit hinterherkommt, hat mal keine Zeit. Oder besser gesagt: nicht genug Zeit. Manchmal muss man eben Prüfungen schreiben, Abgabetermine einhalten, wahnsinnig viel organisieren. Die Sache ist aber, dass zu viele Menschen zu oft davon sprechen, nie Zeit zu haben, einfach, weil sich das anscheinend so gehört.

Ich habe das selbst sehr lange gemacht. Da ich mein Studium nicht mochte, habe ich nebenher möglichst viele andere Dinge getan, und eine meiner liebsten Beschäftigungen war es, mich dadurch gestresst zu fühlen und anderen aufzuzählen, was ich noch alles erledigen muss. Bis ich gemerkt habe, dass das Gefühl zu wenig Zeit zu haben, überhaupt erst daher kam, dauernd darüber zu sprechen. Und dass Zeitmangel nie das Problem war. Gestresst war ich durch die Sorge, etwas nicht ordentlich hinzukriegen. Meinen Ansprüchen oder denen anderer, für die von meiner Arbeit etwas abhing, nicht zu genügen. Fehler zu machen. Dass ich keine Zeit hatte, war schlicht ein Irrtum. Immerhin hatte ich ja Zeit zu studieren, neben dem Studium möglichst viele andere Dinge zu tun und dann sogar noch soziale Kontakte zu pflegen, mich auszuruhen und jede Nacht sechs bis acht Stunden zu schlafen.

„Du siehst müde aus“ ist fast schon zu einem Kompliment geworden

So geht es wahrscheinlich vielen. Ihr Tag ist gut und sinnvoll ausgefüllt und das ist schön. Trotzdem spricht fast keiner darüber, eigentlich genug Zeit für alles zu haben. Laut sind nur die, die glauben, keine Zeit zu haben. Burn Out ist modisch und „Du siehst müde aus“ ist fast schon zu einem Kompliment geworden. Wer schon in jungen Jahren viel arbeitet, der schindet Eindruck. Am meisten, wenn die Arbeit wehtut, und dieser Arbeitsschmerz lässt sich eben am besten in Zeiteinheiten messen. Zeitlicher Aufwand, der an den Nerven zehrt, veredelt, was man tut. Wer sagt, dass er keine Zeit hat, der wirkt aktiv, engagiert, ausgefüllt, interessiert und vor allem nutzt er die Zeit (die er nicht hat) wahnsinnig sinnvoll. Er wird bewundert. Bewunderung und Respekt, das weiß man ja, sind ein bisschen wie Drogen, und weil es so leicht ist, sie mit der Offenbarung, einfach überhaupt keine Zeit zu haben, zu bekommen, ist diese Offenbarung so beliebt.

Am besten ist es wohl, sich nicht in die Rechtfertigungsfalle locken zu lassen. Nicht zu sagen „Ich habe auch keine Zeit!“ und so den Trend mitzutragen. Am besten entgegnet man wahrscheinlich „Nimm sie dir halt“ oder „Tut mir leid, ich kann dir von meiner leider nichts abgeben.“ Hauptsache, man steht dazu, dass „viel zu tun haben“ nicht zwingend „keine Zeit haben“ bedeutet. Zumindest nicht, solange man das, was man tut, gerne tut. Dann hat man nämlich eigentlich wahnsinnig viel Zeit. Ich habe übrigens auch Zeit. Gerade zum Beispiel hatte ich genug davon, um diesen Text zu schreiben.

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