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Illustration: Katharina Bitzl; Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Foto

Anne Mertens sitzt auf einer Bank, neben ihr eine kleine grüne Spielzeugschaufel und ein Eimerchen, ihre Tochter Leonie sitzt im Sandkasten und formt Schildkrötenkuchen. Die 29-Jährige ist alleinerziehend, über den Papa will sie nicht reden. Sie heißt eigentlich auch anders (wie alle Protagonisten dieser Geschichte), weil es ihr unangenehm ist, öffentlich über ihre Geldsorgen zu reden. Ihre Augen sind müde, ihr Pferdeschwanz ein bisschen verwurstelt. Anne ist Kindergärtnerin, sie arbeitet seit ein paar Monaten wieder und verdient 1150 Euro netto im Monat, fast die Hälfte davon geht für ihre Zwei-Zimmer-Wohnung drauf. Bis März 2019 ist sie die Schwangerschaftsvertretung für eine Kollegin, ihr Job ist befristet. Was danach kommt, weiß sie noch nicht. Der Kindergarten wird sie wohl nicht mehr brauchen. Das hat sie neulich in einer Kaffeepause erfahren.

So wie Anne geht es der Hälfte aller 25- bis 29-Jährigen, die 2016 einen sozialversicherungspflichtigen Job antraten. Laut des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung haben sie alle nur einen befristeten Vertrag erhalten (PDF zur Studie). Bei den 40 bis 49-Jährigen sind es nur 38 Prozent, bei den Über-50-Jährigen 41 Prozent.

Befristung und schlechte Bezahlung sind Probleme, die eine ganze Generation umtreiben. Nicht nur in Deutschland: Eine 2016 veröffentlichte Studie des Guardian zu Gehältern weltweit fand heraus, dass junge Menschen der Generation Y heute deutlich weniger verdienen als Gleichaltrige vor 30 Jahren. Früher hatten die Jungen mehr Geld zur Verfügung als der Landesdurchschnitt. Heute haben sie bis zu 19 Prozent weniger in der Tasche. Immerhin kommt Deutschland im Gegensatz zu anderen untersuchten Ländern nicht ganz so schlecht weg. Hier sind die verfügbaren Einkommen der 25- bis 29-Jährigen im Vergleich zum landesweiten Durchschnitt um fünf Prozent gesunken.

Die Geldsorgen ziehen sich durch alle Lebenssituationen und machen vor allem eines: abhängig von den Eltern. Betroffen sind Menschen wie Anne, aber auch Hannah, die sich manchmal für ihre finanzielle Situation schämt, und Clara, die schon im Studium Angst vor der Zukunft hat. Alle drei sehnen sich nach Unabhängigkeit und Sicherheit.

Anne ist 29 Jahre alt, finanziell unabhängig von ihren Eltern war sie bis heute noch nie. „Jedes Jahr dachte ich mir: Bald wird es besser.“ Wurde es aber nicht. 400 Euro bekommt Anne jeden Monat von ihren Eltern dazu. Der Beziehung tut das schon lange nicht mehr gut. „Ich streite mich oft mit ihnen darüber, wie ich das Geld ausgebe. Sie mischen sich ständig ein, das ist die dunkle Seite dieses Deals“, sagt sie. Anne ist angewiesen auf das Geld. Das weiß sie. Sie pult ein Holzstück aus der Bank, auf der sie sitzt, und kratzt damit Kreise in die Sitzfläche. „Manchmal macht mich das echt krank“, sagt sie. „Ich frage mich oft: Was bin ich für eine Mutter, wenn ich nicht mal allein für mein Kind sorgen kann?“

Als Annes Tochter Leonie einen Teddy wollte, bettelte sie die Oma an

Wenn andere Mütter über teure Kinderschuhe, musikalische Früherziehung oder schicken Urlaub sprechen, kann Anne nur danebenstehen und lächeln. Für sie ist das alles kein Thema, das ist nicht im Budget. Solche Situationen sind Anne unangenehm. Noch unangenehmer ist es, wenn ihre Mutter auch vor den Augen der vierjährigen Leonie immer alles bezahlt: Eis, Kleidung, Zooeintritt. Anne ist überzeugt davon, dass Leonie das mitkriegt.

Vor einigen Wochen waren Anne, Leonie und Annes Mutter in der Stadt. Die Kleine tapste neben dem Kinderwagen her. Zu dritt kamen sie an einem Spielwarenladen vorbei. Leonie entdeckte einen Teddybären, der ihr gefiel. „Anstatt mich zu fragen, hat sie an ihrer Oma gerüttelt, auf den Teddy gezeigt und gefragt, ob sie den haben darf“, sagt Anne. Vielleicht war die Situation Zufall, aber sie hat bei Anne einen Nerv getroffen.

Geld von den eigenen Eltern zu bekommen, kann vieles bedeuten: Liebesbeweis und Sicherheit oder Demütigung und Abhängigkeit, manchmal alles gleichzeitig. Rational gesehen, ist es ein Anzeichen für ein krankendes System, das einer Generation viel verspricht und wenig hält. Das Geld der Eltern anzunehmen ist für viele junge Menschen die einzige Möglichkeit, ihr Leben zu finanzieren. Gleichzeitig hilft es jedoch, ein System aufrechtzuerhalten, das jungen Berufstätigen die Möglichkeit nimmt, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.

Hannah Neumann ist 24 Jahre alt und arbeitet seit einem Jahr als Physiotherapeutin. Ihre Ausbildung haben ihre Eltern finanziert, sie hat 16.200 Euro gekostet. Hannah wohnt mit ihrem Freund in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, für die sie warm 730 Euro im Monat zahlen. Netto verdient Hannah 1217 Euro. „Neben den Bauingenieuren und Beamten in meinem Freundeskreis komme ich mir manchmal wie ein Mängelexemplar vor“, sagt sie. Große Urlaube oder Sparen? Das ist nicht drin. Die Reparatur der Waschmaschine, die Stromnachzahlung, die Zahnbehandlung – unvorhergesehene Kosten übernehmen Hannahs Eltern für sie.

Geplant war, den Eltern das Geld für die Ausbildung zurückzuzahlen. „Das kann ich vergessen“, sagt Hannah

Als sie ihre Ausbildung begann, war Hannah überzeugt von ihrem Beruf. Überzeugt genug, um 16.200 Euro ihrer Eltern dafür zu investieren. Heute, mit Mitte 20, kommen ihr manchmal Zweifel. „Meine Branche ist eine einzige Ausbeuterei. Das ganze Gesundheitssystem hinkt“, sagt sie. Es gehe ihr nicht um Luxus, sondern um ein sorgenfreies Leben und angemessene Entlohnung ihrer Arbeit. Ob sie sich manchmal schlecht gegenüber ihren Eltern fühlt? „Klar, immer“, sagt sie. „Am Anfang war geplant, dass ich das Geld Stück für Stück zurückzahle.“ Sie macht „pff“. „Das kann ich vergessen.“ Ihre Eltern sagen, das sei kein Problem. Für Hannah ist es eins. Es gehe um ihren Stolz, sagt sie. „Aber nicht mal den kann ich mir grade leisten.“

Damit sich das ändert, hat Hannah eine Ausbildung zur Yogalehrerin angefangen. „Ein zweites Standbein kann nicht schaden. Ich will endlich finanzielle Sicherheit.“ Auch diese Ausbildung kostet Geld. Dieses Mal zahlt sie selbst.

Nicht nur jungen Berufstätigen geht es so wie Anne und Hannah. Die Geldsorgen beginnen oft schon vorher. So hat Studentin Clara jetzt schon Angst vor dem Schritt ins Berufsleben. Sie wird von den eigenen Eltern finanziell unterstützt. Eine Erhebung des Deutschen Studentenwerks ergab, dass es vielen so geht. (PDF der Studie) 86 Prozent der Studenten, die in diese Berechnung miteinbezogen wurden, bekommen Finanzspritzen von den Eltern (nicht aufgenommen wurden in die Ergebnisse Verheiratete, Teilzeit- und Zweitstudenten sowie Studenten, die noch bei den Eltern wohnen). Auch mehr als 60 Prozent der Azubis bekommen während der Ausbildung trotz Gehalt noch Geld von ihren Eltern. Das hat ein Azubireport 2016 herausgefunden. Jeder hofft, dass sich mit dem ersten „richtigen“ Job dann alles ändert.

Clara Schweizer dreht an ihrem Ehering. „Als ich jünger war, dachte ich immer: ‚Wenn ich eines Tages verheiratet bin, bin ich richtig erwachsen‘“, sagt sie. Mit „richtig erwachsen“ meinte ihr damaliges Teenager-Ich vor allem: finanziell unabhängig. Seit dem 2. November 2017 ist die Studentin verheiratet – „richtig erwachsen“ fühlt sie sich trotzdem nicht.

Sie ist 27 Jahre alt und wünscht sich Kinder. Viele. Und eigentlich bald. Dass sie sich die irgendwann leisten kann, bezweifelt sie. „Ich möchte meinen Kindern das Gleiche bieten, was meine Eltern mir ermöglicht haben“, sagt Clara. Gleichzeitig weiß sie, dass sie deren finanzielles Niveau wohl nie erreichen wird. Seit sie ausgezogen ist, bekommt die Studentin monatlich 370 Euro als Unterstützung von ihren Eltern. Die beklemmende Wahrheit: Ohne dieses Geld würde es nicht gehen.

Clara studiert Soziale Arbeit im dualen System, ihren Bachelor beendet sie im Oktober dieses Jahres. Das Einstiegsgehalt in ihrer Branche liegt durchschnittlich bei 1600 Euro netto. Ihr Mann Janik ist ebenfalls Student, seinen Abschluss als Sonderpädagoge wird er Ende 2018 machen. „Zwei Berufe, null Aussicht auf Sicherheit oder Wohlstand.“ Sie wirkt erschöpft, als sie das sagt.

Clara hat Angst vor ihrer Zukunft. Raus aus dem Studentenstatus, rein in die Arbeitswelt. Ihre größte Sorge sei, dass sie später auch mit ihrer Arbeit ihr Leben nicht selbst finanzieren kann. So wie Anne und Hannah. „Ich weiß, meine Eltern unterstützen mich gerne“, sagt Clara, „aber ich will trotzdem endlich unabhängig sein“. Sie will nicht nur erwachsen sein, sie will sich auch so fühlen.

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