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Gehalt: Was verdient eine Geigenbauerin?
Ronja aus Schwäbisch Hall wollte eigentlich Architektur studieren. Über ein Praktikum kam sie ganz spontan zum Geigenbau. Heute arbeitet sie gemeinsam mit ihrem Chef in einer Werkstatt und kann sich keinen anderen Beruf mehr vorstellen.
Was ich als Geigenbauerin mache
,,Bei Geigenbau denkt man natürlich zuerst an den Bau von Geigen. Bei uns in der Werkstatt ist der Neubau aber eher nebensächlich. Unser Hauptstandbein ist das Vermieten von Instrumenten. Dazu haben wir alte Geigen gekauft, die wir instand setzen. Außerdem kaufen wir auch hochwertige chinesische Instrumente an. Die sind vor allem bei den Kunden beliebt, die sich nicht so viel leisten können oder wollen. Gerade haben wir so 120 bis 140 Mietinstrumente im Umlauf. Wenn sie zu uns zurückkommen, müssen wir sie wieder herrichten.
Außerdem setzen wir neue Verträge auf oder tauschen Instrumente aus. Welche Geige man braucht, hängt auch von der Körpergröße ab. Es kommen deshalb immer wieder Kinder, um sich das nächstgrößere Modell abzuholen. Manchmal schauen auch Leute vorbei, die eine alte Geige auf dem Dachboden gefunden haben, und sie wieder instand setzen wollen. Wenn dann noch Zeit bleibt, kann man bauen. Dazu gehören nicht nur Geigen, sondern auch andere Streichinstrumente wie Bratschen, Celli oder Kontrabässe.“
Wie mein Arbeitsalltag aussieht
,,Das kommt immer darauf an, was die Kundschaft so hergibt. Ich bin aktuell in Elternzeit, aber das letzte, was ich davor gemacht habe, war, eine alte Geige wiederherzurichten. Das ist eine Arbeit, die sich schon einmal über ein bis zwei Monate ziehen kann. Manchmal sind dann Tage dazwischen, an denen man sich nur um Mietinstrumente kümmert. Dann kommt spontan ein Kunde herein, dessen Geige unbedingt bis zum folgenden Tag repariert werden muss. Das hat dann Vorrang.“
Wie ich zu dem Job gekommen bin
,,Die meisten Geigenbauer wissen schon früh, dass sie diesen Beruf machen wollen. Viele kommen sogar aus Geigenbauerfamilien. Ich bin auf eher ungewöhnlichem Wege zum Geigenbau gekommen. Vor meiner Ausbildung wollte ich eigentlich Architektur studieren. Um vorher noch praktische Erfahrung zu sammeln, habe ich ein Praktikum in der Schreinerei gemacht. Weil ich die Arbeit mit Holz mochte, habe ich dann noch eins in einer Geigenbauwerkstatt dran gehängt. Am Ende meines Praktikums hat mein Chef mich dann gefragt, ob ich nicht für die Ausbildung bleiben möchte. Ich dachte mir, warum eigentlich nicht, ich probiere das einfach mal!
Einen Ausbildungsplatz zu finden ist schwierig. Viele Werkstätten bilden nicht aus, weil ein Azubi für sie zu teuer ist. Man kann es natürlich direkt an einer Geigenbauschule versuchen, davon gibt es in Deutschland aber nur zwei. Die Plätze sind knapp, an der Instrumentenschule im bayerischen Mittenwald sind es zum Beispiel nur zwölf im Jahr. Die Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre.
Im Anschluss an die Ausbildung kann man noch seinen Meister machen. Den braucht man nicht unbedingt, weil man in Deutschland inzwischen auch ohne Meisterbrief eine Werkstatt eröffnen darf. Aber wenn ein Kunde die Möglichkeit hat, zu einem Meister oder einer Gesellin zu gehen, wird er immer den Meister wählen. Da ist ein Meisterbrief schon von Vorteil.“
Was der Job mit meinem Privatleben macht
,,Als angestellte Geigenbauerin habe ich auf jeden Fall eine gute Work-Life-Balance. Sobald ich die Werkstatt verlasse, kann ich abschalten und muss bis zum nächsten Tag nicht an meine Arbeit denken. Wenn man selbstständig ist, sieht das anders aus. Dann muss man sehr darauf achten, dass genug Geld reinkommt und ständig neue Aufträge einholen. Aktuell kann ich mir das noch nicht vorstellen – vielleicht aber in der Zukunft.
Ansonsten merke ich, dass ich mich auch privat viel stärker mit Geigen und Geigenmusik beschäftige. Ich gehe jetzt in Instrumentenmuseen und erkenne dort die verschiedenen Bauweisen. Inzwischen besuche ich sogar klassische Konzerte. Das habe ich davor nie gemacht. Am allerliebsten höre ich aber nach wie vor Techno.“
Ob ich selbst Geige spiele
,,Als ich mit der Ausbildung angefangen habe, konnte ich keine Geige spielen. Für meinen Chef war das kein Problem. Er meinte, ich soll Geigen bauen und nicht spielen. Für andere Ausbilder ist das aber eine Voraussetzung. Manchmal wollen sogar die Kunden, dass man ihnen etwas vorspielt. Das liegt daran, dass sie das Instrument noch einmal aus einer anderen Perspektive hören möchten. Am Ohr klingt die Geige natürlich ganz anders als von weiter entfernt.
Zu Beginn der Ausbildung habe ich deswegen ein wenig Unterricht genommen. Die Basics kann ich inzwischen. Das hilft mir auch, um zu schauen, ob das Instrument einen Wolf – so nennen wir einen Fehlton – hat. Im Rahmen meiner Ausbildung durfte ich auch ein Praktikum bei einem Gitarrenbauer in Essen machen. Dort habe ich mir eine Ukulele gebaut. Auf dieser spiele ich öfter als auf der Geige, einfach, weil ich gerne singe und sich das mit der Ukulele besser begleiten lässt.“
Welche Fragen ich auf Partys gestellt bekomme
,,Wenn ich erzähle, dass ich Geigenbauerin bin, sagen die Leute meistens so etwas wie ,Ach krass, das gibt es noch?‘ Oder: ‚Und habt ihr denn auch genug Aufträge?‘. Ich bejahe das, mein Chef sagt sogar, dass wir gerade in einer Blütezeit des Geigenbaus leben. Mit Maschinen kommt man bisher nicht weit, ihnen fehlt die Präzision und die Flexibilität, die man als Geigenbauer braucht. Außerdem leben wir weiterhin in einer Gesellschaft, die Musik sehr schätzt. Allein in Schwäbisch Hall gibt es zwei oder drei Musikschulen.“
Welche Eigenschaften ich für den Job brauche
,,Ich glaube, das Schwierigste ist, dass man sich immer sehr konzentrieren muss, damit man nicht mit dem Werkzeug abrutscht oder zu viel Holz wegnimmt. Was einmal weg ist, ist weg. Außerdem muss man ein bisschen Fingerspitzengefühl haben. Das Wichtigste ist am Ende aber immer die Leidenschaft. Wenn ich eine Geige baue, dann finde ich jeden Abschnitt von dem Bau schön, auch wenn es manchmal anstrengend ist. Mir fällt es zum Beispiel schwer, den Boden zu bearbeiten, weil man dafür sehr viel Kraft in den Armen braucht.
In der Ausbildung brauchte ich außerdem viel Geduld mit mir selbst. Am Anfang hat es mich total genervt, Dinge noch nicht so sauber ausarbeiten zu können, wie ich wollte. Aber mit der Zeit entwickelt man das Gefühl für das Werkzeug, und je öfter man Arbeitsschritte wiederholt, umso besser wird man auch.“
Wie viel ich verdiene
,,Als Gesellin verdiene ich aktuell 2600 Euro brutto. Für eine Geigenbauerin ist das schon ganz gut. Ich vermute, dass der Verdienst sonst oft eher in Richtung Mindestlohn geht. Dass es bei mir anders aussieht, liegt vor allem an meinem Chef. Ihm ist wichtig, dass er mir so viel zahlt, wie ich ihm wert bin. Ich komme gut mit dem Gehalt zurecht, allerdings wohne ich auch relativ günstig. Da ich mit meinem Mann zusammenlebe, hat unser Haushalt außerdem zwei Einkommen. Natürlich verdient man in anderen Berufen mehr. Aber dafür kann ich sagen, dass ich jeden Tag gerne zur Arbeit gehe.“