6000 Euro brutto für die Risikokapital-Investorin

Madeline kam aus Zufall zu ihrem Job. Sie mag an ihrem Job besonders, dass sie entgegen aller Vorurteile nicht nur mit Zahlen zu tun hat.
Foto: Peak Capital / Bearbeitung: SZ Jetzt

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Was Risikokapital ist  

Mein Unternehmen sammelt Geld von Investoren ein und gibt es an Start-ups. Diese stehen ganz am Anfang und haben meist noch keine zahlenden Kunden. Wir glauben an ihre Vision und geben ihnen Geld, damit sie ihre Ideen verwirklichen können. Im Gegenzug erhält unsere Firma Anteile an dem Start-up. Geht das Unternehmen – meist viele Jahre später – an die Börse oder wird verkauft, machen wir Gewinn. Diesen geben wir zu großen Teilen an die Investoren zurück. Da wir nicht abschätzen können, wie erfolgreich das Unternehmen sein wird, kann es sein, dass die Firma scheitert und das investierte Geld verloren geht. Daher spricht man von Risikokapital, auf Englisch: Venture Capital. 

Wie mein Arbeitsalltag aussieht   

Es gibt in diesem Beruf keinen Alltag. Manche Tage sind chaotisch, andere strukturierter. Ich treffe viele verschiedene Firmen. Ist ein Start-up interessant, muss ich mich spontan sehr genau mit dem Team und ihrem Produkt befassen. Diese Arbeit hat dann Priorität und ich muss Termine verschieben, damit uns andere Investoren nicht zuvorkommen. 

Dann folgt viel Recherchearbeit: Ich muss wissen, was genau das Start-up macht. Ich befasse mich mit dem Produkt, spreche mit Experten und Expertinnen aus der Branche und schaue mir die Konkurrenz an. Ich beschäftige mich zum Beispiel zurzeit mit einem Start-up, das Eltern Finanzprodukte für ihre Kinder anbieten will. Dann geht es zum Beispiel darum, herauszufinden, wie viele Kinder es in Deutschland gibt, für die so ein Produkt interessant ist, wie viel deren Eltern verdienen und warum andere Unternehmen mit ähnlichen Ideen gescheitert sind. Außerdem reise ich viel. Ich war zum Beispiel zuletzt in Lissabon auf einem Kongress, um mich mit Start-ups und anderen Investoren zu treffen. 

Wie man Risikokapital-Investorin wird  

Ich habe mit meiner US-italienischen Familie in Barcelona gelebt und dann in Amsterdam Jura studiert. Während des Studiums habe ich herausgefunden, dass ich nicht als Anwältin arbeiten möchte. Nach meinem Abschluss kam ich durch Zufall mit Personen aus der Start-up-Szene in Kontakt. 

Ich bewarb mich bei einem Start-up für einen Job, in der Hoffnung, eine Arbeit zu finden, die mir wirklich Spaß macht. Ich landete in einem Team, das einen Venture-Capital-Fonds aufbauen sollte. Es ging darum, Geld von Investoren für Start-ups zu sammeln. Ich hatte damals keine Ahnung davon. Ich war Anfang 20 und recherchierte während meines ersten Meetings im Internet, was Venture Capital ist.  Nachdem ich durch das Team gelernt hatte, wie man einen VC-Fonds aufbaut, gründete ich mit anderen ehemaligen Jura-Studierenden einen eigenen Fonds. Momentan arbeite ich in Berlin für das deutsche Büro eines internationalen VC-Fonds. 

Was der Job mit dem Privatleben macht  

Der Job kann stressig sein. Nicht immer kann ich entscheiden, wann und wie viel ich arbeite. Wenn wir zum Beispiel kurz davor sind, uns mit einem Start-up über ein Investment einig zu werden, muss ich Überstunden machen. Dazu kommt, dass die Finanzbranche eine Bubble ist, die man nur schwer verlassen kann. Wenn ich durch Berlin laufe, überlege ich bei jeder Firma, an der ich vorbeigehe, ob ich das Team kenne oder schon mit ihnen gesprochen habe. Viele meiner Freunde sind Künstler oder Musiker. Das hilft mir dabei, mich daran zu erinnern, dass Tech-Start-ups nicht alles im Leben sind, und die Summen, über die wir entscheiden, nicht alltäglich sind. 

  Welche Eigenschaften man für den Job braucht  

Einige denken, dass man sich mit Finanzen oder Business Management auskennen muss. Viele Firmen in Deutschland stellen auch genau diese Leute ein. Aber ich würde sagen, dass die wichtigste Eigenschaft ist, dass man gut informierte Entscheidungen treffen kann. Wir müssen uns anhand von Gesprächen und Recherchen entscheiden, ob wir in ein Start-up investieren. Dabei geht es um Millionen von Euro. Dafür braucht man gute analytische Fähigkeiten.   

Ich persönlich finde es wichtig, dass Personen mit verschiedenen beruflichen und persönlichen Hintergründen bei uns arbeiten. Frauen zum Beispiel sind stark unterrepräsentiert, aber bringen eine ganz andere Perspektive in das Unternehmen ein. Sie bewerten die Produkte der Start-ups anders. 

Welche Fragen man auf Partys gestellt bekommt  

Es gibt zwei Arten von Gesprächen. Die einen wollen wissen, wie sie reich werden können, und die anderen wollen mir ihre Business-Idee vorstellen. Für die erste Art habe ich einen Text vorbereitet, den ich dann vortrage. Ich erkläre kurz, dass ich keine private Anlagenbetreuung mache und gebe ein paar Tipps, die ich aus dem Internet habe. 

Die Leute, die über ihre eigenen Geschäftsmodelle reden wollen, sind besonders anstrengend. Teil meines Jobs ist es, immer offen zu sein für neue Kontakte und Business-Modelle. Aber wenn ich auf einer Party bin und ein Bier in der Hand habe, will ich nicht über Start-ups sprechen. Das versuche ich ihnen dann genauso zu erklären und verweise auf meine Bürozeiten. 

Vorstellung vs. Realität   

Ich dachte, dass es in meinem Job die meiste Zeit nur um Finanzen gehen wird: Ich stellte mir Männer in Anzügen und lange Excel-Tabellen vor. Natürlich muss ich manchmal Zahlen analysieren, aber das macht nicht den größten Teil meiner Arbeit aus. Mein Job fühlt sich mehr an wie eine verlängerte Therapiestunde, bei der ich mit anderen Leuten gemeinsam über ihre Motivationen und Perspektiven spreche. Ich hätte nicht gedacht, wie persönlich und sozial fordernd der Job ist. Genau das macht mir Spaß. 

Der Job ist sehr männlich dominiert. Das hatte ich auch davor schon vermutet. Ich mache sehr oft Witze darüber, dass es in meinem Beruf darum geht, reiche Männer reicher zu machen. Das entspricht auch zum großen Teil der Wahrheit: Die meisten Investoren sind Männer und die meisten Start-ups werden von Männern gegründet. Als Frau braucht man in diesem Job Humor, sonst kann es schnell frustrierend und einsam sein. Mir hilft es, mich mit anderen Frauen auszutauschen und ich versuche, weitere Kolleginnen zu uns in die Firma zu holen.  

Wie man mit der Verantwortung umgeht, über Millionenbeträge zu entscheiden  

In unserer Branche gibt es ein Motto: Wenn du nicht das Gefühl hast, dass deine Entscheidung ein riesiger Fehler war, dann war es wahrscheinlich einer. Wir müssen akzeptieren, dass dieser Beruf das Risiko beinhaltet, viel Geld zu verlieren. Wenn du dich zu wohl fühlst, dann ist es nicht riskant genug. Das heißt, dass die Gewinne nicht groß genug sein werden. Wäre es ein tolles und einfaches Angebot, hätten es andere schon versucht. 

Warum ich auf Social Media über meinen Job rede  

Auf Twitter und Tiktok versuche ich, mit Parodien über Missstände in der Branche aufmerksam zu machen. Ich möchte mich nicht über meine Kollegen lustig machen, sondern konstruktiv Kritik äußern. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir den Beruf zugänglicher machen und über unsere Rolle in dem Finanzsystem reden. Ich glaube, dass Humor und Satire unglaublich mächtige Instrumente sein können, um über Probleme zu sprechen. Ich hoffe, dass Leute aus meiner Branche meine Videos und Tweets sehen, lachen und beim nächsten Mal darüber nachdenken, wie sie sich anders verhalten können. 

Wie viel man als Risikokapital-Investorin verdient  

Ich verdiene 6000 Euro brutto im Monat. Dazu kommt ein monatlicher Bonus von 500 Euro. Der Bonus hängt von meiner persönlichen Leistung im Monat ab und den allgemeinen Zielen, die wir in der Firma erreichen wollen. Beide Arten von Zielen stehen vorher fest. 

Langfristig gesehen erhalte ich außerdem einen Teil der Gewinne, die wir mit den Start-ups machen, wenn sie verkauft werden oder an die Börse gehen. Je höher die Position in der Firma ist, desto höher ist auch der Anteil an diesen Gewinnen. Diese Art der Bezahlung ist der größte Unterschied zu anderen Jobs besonders für Leute attraktiv, die in der Führungsebene arbeiten.  

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