4631 Euro brutto für die Staatsanwältin

Um sich bei der Justiz bewerben zu können, hat Paula gute Noten im Studium gebraucht.
Foto: Privat / Illustration: SZ Jetzt

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Was eine Staatsanwältin macht 

„Die Staatsanwaltschaft führt die Ermittlungen in einem Strafverfahren. Sagen wir mal, jemand hat im Laden etwas in seine Tasche gesteckt, ohne es zu bezahlen und der Ladenbesitzer hat die Polizei gerufen. Dann sammelt die Polizei alle belastenden und entlastenden Beweise darüber in einer Akte. Diese Akte landet auf meinem Schreibtisch. Ich prüfe dann, ob es sich um eine Straftat handelt und ob genug Beweise vorliegen, um eine Anklage zu erheben. Falls ja, erhebe ich die Anklage beim zuständigen Gericht. Alternativ habe ich auch die Möglichkeit, das Verfahren einzustellen.  

Der Arbeitsalltag 

Ich komme morgens gegen neun ins Büro. In meinem Akteneingang stapeln sich dann schon die Akten, die ich an einem Tag zu bearbeiten habe. Ich arbeite bei der Staatsanwaltschaft Hannover, genauer: in der Zentralstelle zur Bekämpfung gewaltdarstellender, pornographischer oder jugendgefährdender Schriften und der Abteilung für Sexualdelikte. In manchen Staatsanwaltschaften sind diese beiden Abteilungen getrennt, bei uns gehören sie zusammen. Ich arbeite also an Fällen aus diesem Bereich. Manchmal muss ich dafür länger recherchieren, manchmal mit Kolleginnen oder Kollegen einen Fall besprechen. Mindestens einmal in der Woche fahre ich ans Gericht. In der Verhandlung verlese ich die Anklageschrift. Danach ist es meine Aufgabe, diesen Fall gemeinsam mit dem Gericht und dem Verteidiger oder der Verteidigerin aufzuklären. Das heißt, ich schaue mir in der Verhandlung sämtliche Beweise an, höre, was Zeugen zu sagen haben und stelle Fragen an die Zeugen oder den Angeklagten. Am Ende halte ich ein Plädoyer und sage, was meiner Meinung nach eine gerechte Strafe für den Angeklagten wäre. Oder ich beantrage einen Freispruch, wenn ich zu dem Ergebnis komme, dass die Person keine Straftat begangen hat oder wir diese nicht nachweisen können.  

Welche Fragen auf Partys gestellt werden 

Die allererste Frage auf Partys ist immer: Wie kannst du jeden Tag mit solchen Verbrechen umgehen? In erster Linie versuche ich, die Fälle emotional nicht zu sehr an mich heranzulassen, weil es mir sonst sehr schwerfallen würde, objektiv zu bleiben. Aber das ist unsere Aufgabe und es ist mir sehr wichtig, jedem Menschen respektvoll zu begegnen, unabhängig davon, was die Person womöglich getan hat. Ich werde auch oft gefragt, ob ich nur noch Verbrecherinnen und Verbrecher auf der Straße sehe und ich dadurch nicht ängstlicher werde. Ich schätze im Alltag schon viele Situationen anders ein als andere Menschen. Aber ängstlicher bin ich nicht. Ich glaube, ich habe durch meinen Job einen realistischeren Blick auf Verbrechen. Ich weiß, dass es nur sehr selten vorkommt, dass man nachts aus dem Nichts auf der Straße angegriffen wird. 

Wie ich mit besonders schlimmen Fällen umgehe

Besonders bei Sexualdelikten und sexualisierter Gewalt an Kindern gibt es Fälle, die einen sehr mitnehmen. Ich habe allerdings immer den Gedanken vor Augen, dass ich sowohl für die Opfer als auch für die Beschuldigen die Wahrheit herausfinden muss. Das hilft mir sehr. Wenn ich an einem schlimmen Fall arbeite, bin ich auch froh, mit meinen Kolleginnen und Kollegen darüber sprechen zu können. Man kann sich auch professionelle Hilfe holen. Das musste ich aber noch nie. 

Was der Job mit dem Privatleben macht

Der Job ist sehr gut mit dem Privatleben vereinbar, weil ich viele Freiheiten habe, gerade was die Arbeitszeit anbelangt. Ich muss nicht um neun da sein, sondern kann mir selbst einteilen, wie ich wann meine Arbeit mache. Das führt bei mir zwar nicht dazu, dass ich weniger arbeite, eher im Gegenteil. Grundsätzlich macht diese Flexibilität den Job aber sehr familienfreundlich. 

Wie man Staatsanwältin wird 

Man muss sehr lange studieren, um Staatsanwältin zu werden. Das Jurastudium ist zweigeteilt in ein Grundstudium an der Uni, das mit dem Ersten Staatsexamen endet. Dann kommt das Referendariat, bei dem man viel Praxiserfahrung sammelt. Das Referendariat endet mit dem Zweiten Staatsexamen. Nur wenn man beide Staatsexamina mit einer guten Note abgeschlossen hat, kann man sich auf eine Stelle in der Justiz bewerben. Um Staatsanwältin in Hannover zu werden, muss man sich beim Oberlandesgericht in Celle bewerben. Bevor man dann richtige Staatsanwältin ist, muss man allerdings auch noch eine dreijährige Proberichterzeit durchlaufen – die sogenannte Assessorenzeit. Man arbeitet in diesen drei Jahren in der Staatsanwaltschaft, als Richterin im Landgericht und im Amtsgericht. Erst danach folgt die Verbeamtung auf Lebenszeit.

Vorstellung vs. Realität 

Vor Beginn meines Studiums hatte ich eine völlig andere Vorstellung von der Tätigkeit als Staatsanwältin. Ich dachte, Staatsanwälte sitzen vor allem in den Verhandlungen und entscheiden, ob sie Anklage erheben oder nicht. In der Realität macht das nur einen kleinen Teil der Arbeit aus, weil ich vor allem Akten abarbeite. Enttäuscht hat mich das aber nicht. Ich finde spannend, dass ich von Beginn an bei einem Fall dabei bin. Auch die Zusammenarbeit mit der Polizei macht mir Spaß. 

Staatsanwälte im Fernsehen 

Wenn im Tatort ein Staatsanwalt auftaucht, muss ich oft lachen. Ich gucke gerne Krimis, aber ganz besonders beim Tatort oder anderen Serien wird die Arbeit wirklich nicht realistisch dargestellt. Vor allem das Arbeitspensum. In Serien arbeitet ein Team von Anwälten oft über Tage an einem einzigen Fall. Und der Fall ist natürlich immer nach kurzer Zeit gelöst und abgeschlossen. Wir haben in Wirklichkeit nicht eine, sondern dutzende Akten gleichzeitig auf dem Schreibtisch und die Bearbeitung einer Akte zieht sich teilweise über Wochen, Monate oder Jahre. 

Welche Eigenschaften eine Staatsanwältin braucht 

Ein gesundes Selbstbewusstsein hilft. Eine Staatsanwältin sollte sich Dinge zutrauen und sich trauen, für die eigene Meinung einzustehen. Außerdem ist es wichtig, Entscheidungen treffen zu können, weil bei den vielen Verfahren nicht immer Zeit bleibt, über jede Akte im Nachhinein zu grübeln. Freundlich und kollegial miteinander umzugehen, ist in der Behörde ebenfalls sehr wichtig, weil wir uns viel austauschen. Und auch vor Gericht sollte man einen freundlichen und souveränen Umgang mit den Beschuldigten und Kolleginnen und Kollegen üben. 

Wie viel eine Staatsanwältin verdient 

Ich verdiene 4631 Euro brutto, heraus bekomme ich etwa 3700 Euro netto. Ob das angemessen ist, finde ich schwierig zu sagen. Wir verdienen nicht schlecht. Aber der Unterschied zu dem, was ich mit meiner Ausbildung in der freien Wirtschaft verdienen könnte, ist sehr groß. Die flexible Arbeitszeit und die Familienfreundlichkeit sind aber Vorteile, die das vielleicht ausgleichen.“

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