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3300 Euro brutto für die Übersetzerin ​​und Sprachlehrerin

Literatur möchte Tabea nicht übersetzen. Offizielle Dokumente wie Zeugnisse sind ihr lieber.
Foto: Privat/Bearbeitung: SZ Jetzt

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Tabea ist selbstständige Übersetzerin. Dafür hat sie sich ein kleines Büro angemietet und übersetzt dort vor allem offizielle Dokumente. Sie wollte nie fest in einer Agentur angestellt sein, und auch literarische Texte übersetzt sie bewusst nicht. Sie mag es allerdings sehr, zusätzlich als Sprachlehrerin zu arbeiten.

Welche Fragen ich auf Partys gestellt bekomme 

„Ich werde immer gefragt, wie viele Sprachen ich spreche. Wenn ich ‚drei‘ antworte, reagieren viele eher enttäuscht. Sie haben ein falsches Bild von Übersetzern und erwarten, dass ich mindestens fünf Sprachen kann. Es geht aber um Qualität, nicht um Quantität: Ich spreche nur Deutsch, Englisch und Französisch, das dafür aber richtig gut. Für die Sprachen habe ich mich entschieden, weil ich sie schon in der Schule gelernt und sehr gemocht habe. Privat lerne ich noch Italienisch mit einer App, einfach weil es mir Spaß macht.“

Wie ich zu dem Job gekommen bin

„Ich war schon in der Schule in Sprachen viel besser als in Naturwissenschaften. Nach der Schule bin ich durch einen Freund auf eine kleine Privatschule gestoßen, an der man die theoretische zweijährige Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin machen kann. Das war genau meins. Danach habe ich das Studium zur staatlich geprüften Übersetzerin gemacht. Wir hatten in jedem Fach Muttersprachler, so lernt man am besten, finde ich. Für mich war die Kombination aus Ausbildung und Studium ideal. Nach meinem Studium habe ich mich 2021 vor dem Landgericht beeidigen lassen, damit ich offizielle Dokumente übersetzen und stempeln darf.

Außerdem habe ich schon während meiner Studienzeit Nachhilfe in Englisch und Französisch gegeben und meinen ersten Business Englisch Kurs für Arbeitssuchende gehalten. Das Unterrichten war eine gute Übung und hat mir Spaß gemacht. Mir wurde schnell klar: Ich will zusätzlich zum Übersetzen auch weiterhin unterrichten. Auch heute würde ich weder nur übersetzen noch nur unterrichten wollen. Um beides machen zu können, habe ich mich 2022 selbstständig gemacht.“

Vorstellung vs. Realität 

„Ich dachte immer, dass Übersetzer sozusagen menschliche Wörterbücher sind und jedes einzelne Wort in ihrer Fremdsprache können. Das stimmt allerdings nicht, auch Übersetzer müssen viel nachschlagen, gerade wenn es sich um Übersetzungen in neuen Fachgebieten handelt. Auch ich benutze also manchmal ein Übersetzungstool bei der Arbeit. Viele, die meinen Job nicht kennen, verwechseln ihn mit dem eines Dolmetschers. Das lernen wir in unserer Ausbildung zwar auch, aber um Dolmetscher zu werden, hätte ich noch weitere Kurse belegen müssen. Das wollte ich nie. Mich hat das Dolmetschen immer eher gestresst, darin war ich nie besonders gut.“

Welche Dokumente ich am häufigsten übersetze 

„Etwa 95 Prozent meiner Aufträge sind beeidigte Übersetzungen, zum Beispiel für Gerichte, Privatpersonen oder Behörden. Die typischsten Dokumente sind Zeugnisse, Heirats- oder Geburtsurkunden. Das Aufwendigste daran ist die Nachgestaltung des Layouts, da das am Ende wieder so aussehen muss wie im Originaldokument. Für ein typisches, zweiseitiges Dokument brauche ich etwa eineinhalb bis zwei Stunden. Urkunden mit aufwendiger Gestaltung dauern oft länger. Im Übersetzen von Fließtexten, wie Klagen für Gerichte, bin ich schneller. Literarische Texte übersetze ich nicht. Das stelle ich mir schwierig vor, weil ich dort auch das, was zwischen den Zeilen steht, herüberbringen muss. Dafür bin ich nicht kreativ genug.“

Wie mein Arbeitsalltag aussieht

„Ich habe ein eigenes Büro in Missen-Wilhams, einer kleinen Gemeinde in Bayern, und arbeite dort meistens von acht bis 18 Uhr. Übersetzen kann ich zu jeder Uhrzeit, nur durch die Kurse bin ich an feste Arbeitszeiten gebunden. Aktuell ist mein Stundenplan ziemlich voll und ich unterrichte tendenziell mehr als ich übersetze. Das variiert aber immer wieder. Am Tag habe ich gerade zwei oder drei Kurse, meistens vormittags und abends. Zwischen den Kursen mache ich Übersetzungen, zum großen Teil von Privatkunden, aber auch von Gerichten und Behörden. Sie stoßen zum Beispiel über die Webseite des Bundesverbands für Dolmetscher und Übersetzer auf mich, wo ich mir ein Konto mit Informationen zu meinen Sprachen, Fachgebieten, Kontaktdaten und meinem Standort erstellt habe.

Ich lasse mir die Dokumente meiner Kunden via Mail zukommen, um den Umfang abschätzen und ein Angebot schreiben zu können. Wenn ich die Dokumente fertig übersetzt habe, holen die Kunden sie persönlich ab, um mir das Original zeigen zu können – nicht, dass ich eine Urkundenfälschung übersetze. Eine Zusendung per Post ist bei beglaubigten Übersetzungen also nicht möglich, deshalb habe ich nur Aufträge aus dem näheren Umkreis.“

Was ich an meinem Job mag und was nicht 

„Ich liebe die Sprachen, die ich spreche, und es macht mir Spaß, Neues zu lernen und zu merken, dass ich mich verbessere. Generell ist es ein tolles Gefühl, Menschen dabei zu helfen, verbesserte Chancen zu haben. Sei das beim Unterrichten, wenn meine Schüler bessere Noten schreiben und keine Prüfungsangst mehr haben, oder bei Übersetzungen, wenn ich meine Kunden dabei unterstütze, in Deutschland heiraten zu können, aus- oder einzuwandern, im Ausland zu studieren – oder einen Job zu finden.

Was ich nicht mag, ist das Übersetzen von Lohnabrechnungen. Manche Kunden brauchen beglaubigte Versionen davon für Banken im Ausland. Bei denen ist das Layout kompliziert, es gibt viele Abkürzungen, die man nachschlagen muss, und es stehen mehr Zahlen als Buchstaben drauf. In Zukunft will ich außerdem darauf achten, nicht mehr bis spät abends zu unterrichten, weil mein Arbeitstag sonst sehr lang werden kann.“

Welche Eigenschaften ich für den Job brauche 

„Man braucht ein gutes Sprachgefühl und Lernbereitschaft, vor allem dann, wenn man Übersetzungen für ein neues Fachgebiet bekommt. Als Selbstständige muss ich außerdem gut organisiert sein, um einen Überblick über all meine Projekte zu behalten. Fürs Unterrichten brauche ich zudem viel Geduld, gerade bei Schülern, die in Englisch oder Französisch viel Unterstützung brauchen.“

Was der Job mit dem Privatleben macht 

„Der Job lässt sich gut mit meinem Privatleben vereinbaren: Normalerweise mache ich meine Bürotür zu und kann abschalten. Als Selbstständige arbeite ich teilweise aber auch am Wochenende oder bin für Nachhilfeschüler erreichbar, wenn sie kurz vor einer Prüfung stehen. Außerdem schicken mich Freunde manchmal vor, um Dinge auf Englisch oder Französisch für sie zu klären. Beeidigte Übersetzungen haben gute Freunde bei mir noch nie in Auftrag gegeben. Für sie würde ich aber natürlich immer einen Freundschaftspreis machen. Die Arbeit für Bekannte oder Leute, die ich nur oberflächlich kenne, habe ich bislang immer normal berechnet.

Durch den Job fallen mir außerdem Rechtschreib- oder Grammatikfehler immer direkt auf. Egal ob in der Öffentlichkeit auf Schildern, Karten oder Texten oder in gesprochener Sprache. Ich würde aber niemals Leute korrigieren oder mich einmischen, wenn sie etwas falsch sagen. Sondern nur, wenn jemand ehrlich nach Verbesserungen fragt.“

Wie viel ich verdiene

„In den letzten sechs Monaten lag mein Gehalt im Durchschnitt bei 3300 Euro brutto. Bei Fließtexten gibt es einen Zeilenpreis, bei Dokumenten mit weniger Text und aufwendiger Gestaltung geht es auch nach Zeitaufwand. Für eine Seite von einem Zeugnis verlange ich zwischen 50 und 60 Euro. Dazu kommt das Geld für den Unterricht: Für 90 Minuten bekomme ich zwischen 40 und 50 Euro. Mittlerweile unterrichte ich hauptsächlich Deutsch als Fremdsprache in Firmenkursen und an der Berufsschule. Außerdem gebe ich an Sprachschulen Englischunterricht und mache zusätzliche Nachhilfe für Schüler in Englisch und Französisch.

 

Aktuell bin ich mit meinem Gehalt sehr zufrieden, vor allem im Gegensatz zum Anfang meiner Selbstständigkeit. Ich habe bei null gestartet, jeden Auftrag angenommen und einfach gehofft, dass es am Ende des Monats reicht. Auch heute gibt es noch gute und schlechte Monate. Im Januar hatte ich zum Beispiel sehr viele Übersetzungen, aktuell ist es eher ruhiger. Ich kann mich nie darauf verlassen und mein Einkommen nicht planen. Der Unterricht hilft mir als finanzielle Absicherung. Aber auch kein Kurs ist für die Ewigkeit. Für mich war es aber nie eine Option, aus finanziellen Gründen als Übersetzerin in eine Agentur zu gehen. Ich wollte nie irgendwo festangestellt sein. Heute reicht das Gehalt aus und ich bin stolz darauf, mir das erarbeitet zu haben.“

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