4300 Euro brutto für die Berufsschullehrerin

Amirah, 31, erzählt, wie ihr Beruf ihre Sichtweise auf Ausbildungen verändert hat und warum sie nicht mehr am Gymnasium unterrichten würde.
Protokoll von Caroline Bergwinkl
jobkolumne berufschullehrerin cover

Foto: Privat / Bearbeitung: jetzt

Wie sieht dein Alltag als Berufsschullehrerin aus?

„Während meiner Gymnasialzeit habe ich leider überhaupt keinen Zugang zu Ausbildungen bekommen. Als Berufsschullehrerin merke ich aber, dass es sehr sinnvoll sein kann, erst eine Ausbildung zu machen, um etwas Ahnung vom Berufsleben zu bekommen. Auch eine Ausbildung ist anspruchsvoll und danach kann man ja immer noch studieren.

In der Berufsschule bin ich in den Abteilungen Metall- und Versorgungstechnik eingesetzt und unterrichte technisches Englisch und Deutsch. Meine Schüler sind hauptsächlich angehende Industrie-und Werkzeugmechaniker, Anlagenmechaniker und Technische Systemplaner. In Deutsch geht es vor allem um Geschäftsbriefe und Unfallberichte, aber auch um Beschreiben und Interpretieren von Karikaturen und Diagrammen. In Englisch zeige ich den Schülern, wie man Vorstellungsgespräche richtig führt und sie lernen technische Abläufe auf Englisch. Außerdem unterrichte ich Deutsch als Zweitsprache in einer Integrationsklasse, die sich gerade auf eine Lehre vorbereitet.

Der Unterricht findet in Blockwochen statt, die Schüler sind zwei bis drei Wochen im Betrieb und eine Woche bei uns in der Schule. Für mich bedeutet das weniger Vorbereitung, da ich die gleiche Unterrichtsstunde öfter halte. Gleichzeitig habe ich dadurch sehr viele Schüler, dieses Jahr sind es mehr als 20 Klassen und ich korrigiere ziemlich oft dieselben Schulaufgaben.

Die technische Ausstattung in der Berufsschule ist super und es ist immer möglich, dass jeder Schüler mit einem eigenen Schul-Laptop im Unterricht arbeitet. Ich teile mir mit zwei Kollegen ein Büro und habe dort einen eigenen Computer und Drucker.

Was hat sich durch die Corona-Krise verändert?

Als alle Schulen geschlossen hatten, haben wir Homeschooling gemacht und den Klassensprechern die Unterrichtsmaterialien geschickt, die sie weiter an die Klasse verteilt haben. Das hat sehr gut geklappt, da war ich selbst überrascht. Die meisten konnten auch in ihrem Betrieb weiterarbeiten oder haben Home-Office gemacht. Mittlerweile kommt immer nur die Hälfte einer Klasse in den Unterricht und wechselt sich dann wochenweise ab. Wir wiederholen gerade die Homeschooling-Inhalte im Unterricht, damit alle auf dem gleichen Wissensstand sind. Dieses Jahr gibt es aber keine verpflichtenden Leistungsnachweise mehr, sondern nur auf freiwilliger Basis. 

Wie ist dein Verhältnis zu den Schülern?

Ich komme sehr gut mit den Schülern zurecht und die meisten sind motiviert und selbstständig. Natürlich haben manche keine Lust mehr auf Schule und sagen, dass sie sich ja deshalb für eine Ausbildung entschieden hätten. Der Umgangston ist aber immer respektvoll: Jeder wird auf dem Gang gegrüßt, man hält sich die Türe auf und zu Mittag wird sich Mahlzeit gewünscht. 

Dadurch dass die meisten Schüler etwas älter sind, führen wir auch lockere Gespräche und ich werde nicht nur als Lehrerin, sondern auch als Mensch wahrgenommen. In meinem ersten Berufsschuljahr war es für mich aber ein bisschen unangenehm, Schüler zufällig in meiner Freizeit zu treffen. Das kommt wirklich oft vor, in Restaurants, beim Einkaufen und sogar manchmal beim Spazierengehen. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. 

Mit den Eltern der Schüler habe ich fast nichts zu tun, da es keine Elternsprechtage sondern Ausbildersprechtage an der Berufsschule gibt. Die Ausbilder in den Betrieben interessieren sich nicht immer nur für die Noten, sondern auch für das Verhalten ihrer Azubis in der Schule. 

Wie bist du Berufsschullehrerin geworden?

Nach meinem Abitur habe ich Englisch und Französisch auf Gymnasiallehramt studiert und danach ein Jahr als Deutschlehrerin für Asylbewerber und als Arabisch-Dolmetscherin gearbeitet. Meine Eltern kommen aus Syrien, deshalb spreche ich die Sprache. Um die Möglichkeit auf eine verbeamtete Stelle als Lehrerin zu haben, habe ich anschließend ein Referendariat an einem Gymnasium absolviert. Das hat mir aber nicht so gut gefallen, weil mir davor einfach nicht bewusst war, dass mehr als 50 Prozent der Arbeit Korrekturlesen ist. Außerdem hätte ich auch keine Planstelle bekommen, da nur 8 von 30 Bewerbern verbeamtet wurden. 

Durch eine Freundin habe ich zufällig davon erfahren, dass an einer Berufsschule dringend Englischlehrer gesucht werden. Ich habe mich sofort beworben und unterrichte dort mittlerweile seit fast zwei Jahren. In einer Berufsschule ist der Quereinstieg als ausgebildete Lehrkraft sehr einfach möglich und auch Fachlehrer werden häufig gesucht, die einen Meister in einem technischen Beruf haben. 

Was gefällt dir an deinem Job?

Mir gefällt besonders gut, dass eine Berufsschule sehr praxisorientiert ist und ich selbst viel Neues lernen kann. Zu Beginn meiner Tätigkeit wusste ich beispielsweise nicht, wie man eine Wärmepumpe auf Deutsch erklärt  – und jetzt erkläre ich es im Unterricht auf Englisch. Als Referendarin im Gymnasium hatte ich das Gefühl, alles nochmal zu wiederholen, weil ich selbst als Schülerin schon dort war. Jetzt schätze ich besonders die ständige Abwechslung.

Außerdem sind die anderen Lehrer sehr hilfsbereit und kaum gestresst. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir mehr Spielraum beim Lehrplan haben als am Gymnasium, da müssen alle Schüler bis zum Abitur die gleichen Inhalte behandelt haben. Meine Fächer Deutsch und Englisch sind auch keine Abschlussprüfungsfächer an der Berufsschule.

Welche Herausforderungen stellen sich dir als Berufsschullehrerin?

Manchmal verliere ich den Überblick, weil ich insgesamt so viele Klassen unterrichte und manche nur einmal im Monat sehe. Da ist es schon eine kleine Herausforderung alle Namen bis zum Ende des Schuljahres zu können.

Wie viel verdienst du?

Als befristet angestellte Berufsschullehrerin verdiene ich 4300 Euro brutto und kriege davon 2500 Euro auf die Hand. Eigentlich bin ich sehr zufrieden damit, aber im Vergleich zu meinen verbeamteten Kollegen finde ich das ungerecht, da sie bei gleicher Tätigkeit mehr Gehalt bekommen.

Ein Kollege von mir verdient 4600 Euro brutto und ihm bleiben 3250 Euro netto im Monat. Grundsätzlich bekommen aber Lehrer an beruflichen Schulen (auch BOS und FOS) genauso viel Geld wie Gymnasiallehrer. Lehrer an Grund-, Mittel-und Realschulen verdienen weniger.

Welche beruflichen Pläne hast du?

Momentan ist noch ungewiss, ob ich weiter an der Berufsschule bleiben kann und eine Planstelle bekomme, also eine Verbeamtung. Ab dem vierten Jahr wird ein befristeter Arbeitsvertrag in der Regel nicht mehr verlängert und man wird entlassen oder verbeamtet. Wenn das nicht klappt, kann ich mir nicht mehr vorstellen, eine andere Schulart auszuprobieren, weil das immer viel Einarbeitungszeit erfordert und ich das jetzt schon zweimal gemacht habe. 

Sollte es mit der Verbeamtung nicht klappen, könnte ich mir eher vorstellen, einen Quereinstieg bei einer Firma zu machen, in der Sprachen gefordert sind. Dadurch, dass ich in den letzten zwei Jahren selbst viel technisches Englisch gelernt habe, hätte ich wahrscheinlich gute Chancen in den Betrieben, in denen meine Schüler ihre Ausbildung machen. 

Welche Frage, wird dir immer gestellt, wenn du von deinem Beruf erzählst?

Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass viele Menschen auf Berufsschullehrer positiver reagieren als auf Gymnasiallehrer, da Leute die selbst eine Ausbildung gemacht haben, wissen, dass es da lockerer zugeht. Mir wird aber auch oft die klassische Lehrer-Frage gestellt und zwar, ob ich in den Schulferien wirklich immer frei habe. Normalerweise bin ich da ziemlich mit Korrigieren beschäftigt, in der Corona-Zeit hab ich aber tatsächlich kaum was zu tun.

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