Bis zu 1000 Euro für die Goldschmiedemeisterin

Olivia, 26, steht noch am Anfang ihrer Selbstständigkeit und wünscht sich weniger Rivalität zwischen akademischen und handwerklichen Berufen.
Protokoll von Caroline S. Bingenheimer
jobkolumne goldschmiedin

Illustration: jetzt; Foto: privat

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Einen typischen Tagesablauf gibt es bei mir gar nicht, meine Arbeit ist super abwechslungsreich. Wenn ich gerade viele Aufträge habe, bin ich von morgens bis spät abends in meiner Werkstatt. Andere Tage verbringe ich komplett am Schreibtisch, schreibe Rechnungen, bestelle Materialien oder kümmere mich um meine Steuererklärung. Da ich selbstständig bin, mache ich irgendwie alles in einem – mal bin ich die Designerin, mal die Handwerkerin, aber eben auch die Buchhalterin. Am liebsten arbeite ich jedoch an meinem Werktisch.

Wie glamourös ist dein Beruf?

Lange nicht so glamourös, wie viele denken. Wenn ich einen Tag in der Werkstatt gearbeitet habe, komme ich am Abend mit komplett schwarzen Händen nach Hause, Handschuhe trage ich keine. Oft vergessen die Leute, dass ich Rohmaterialien wie zum Beispiel Silber oder Gold bearbeite. Ich säge, feile und löte. Das ist handwerkliche Arbeit, die recht wenig mit „Bling Bling“ zu tun hat. Der Ring glänzt nämlich erst ganz am Ende, wenn er poliert wird – davor ist er (genau wie meine Hände), dreckig.

Wie kommt man auf die Idee, Goldschmiedin zu werden?

Ich hatte nach dem Abitur erst mal keine Ahnung, was ich machen soll. Mit meinem Abi-Schnitt von 1,4 hätte ich an vielen Unis studieren können. Da ich in meiner Jugend sehr gerne genäht, gestrickt und gezeichnet hatte, habe ich geschaut, welche Berufe es in der handwerklich-künstlerischen Richtung gibt. Ich habe dann ein Praktikum bei einer Restauratorin absolviert, da ich die Antike aus gestalterischen Gesichtspunkten sehr spannend finde. Dabei habe ich festgestellt, dass mir die Arbeit mit den Händen liegt. Im Anschluss daran habe ein Praktikum bei einer Goldschmiedin in Karlsruhe gemacht. Dort hatte ich mich einfach initiativ beworben. Der Kontakt kam über die Volkshochschule zustande, da die Goldschmiedin dort Kurse zur Kettenherstellung anbot. Im Praktikum habe ich zuerst Sägeübungen gemacht, aus Drähten kleine Formen geborgen und verschiedene Techniken zur Herstellung von Ösenketten gelernt. Mir hat einfach die Arbeit an sich Spaß gemacht, vielleicht auch weil sie sehr herausfordernd war und ich entdeckt habe, wie vielseitig Metall sein kann. Daraufhin habe ich beschlossen, Goldschmiedin zu werden.

Wie wird man zur selbständigen Goldschmiedin?

Ich habe zunächst eine dreieinhalbjährige schulische Ausbildung in Hanau in Hessen gemacht. Das bedeutet, dass bei mir sowohl die Theorie als auch die Praxis in der Schule gelehrt wurde. Man kann die Goldschmiede-Ausbildung ebenso ganz klassisch in einem Betrieb machen. Ich persönlich wollte lieber in eine Schule, da man dort Einblicke in viele verschiedene Bereiche erhält. Man arbeitet mit ganz unterschiedlichen Materialien und erlernt verschiedene Verarbeitungsmethoden. In einem Betrieb ist die Ausbildung meist etwas spezifischer und nicht ganz so vielfältig. Im Anschluss daran hatte ich ein Jahr als Selbstständige gearbeitet und währenddessen noch ein Praktikum bei einer Goldschmiedin in Mailand gemacht. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, mit dem Lernen noch nicht fertig zu sein. Also bin ich nach München gezogen, habe eine Goldschmiedeschule besucht und diesen Sommer meinen Meistertitel erworben. Dort habe ich viele andere Goldschmiedinnen kennengelernt (ja, wir waren nur Frauen in der Klasse) und von deren Erfahrungen sehr profitiert. Ich habe gesehen, dass viele andere diesen Weg ebenfalls gehen. Dadurch wurde ich selbstsicherer und beschloss endgültig, mich selbstständig zu machen.

Wie viel kosten deine Stücke?

Das ist ganz unterschiedlich. Ein einfacher Silberring kostet zwischen 50 und 80 Euro, ein Goldring etwa 500 bis 3000 Euro – wobei es nach oben hin keine Grenzen gibt. Mein Ziel ist es, Schmuck für jede und jeden zu machen. Viele meiner Kund*innen studieren noch, natürlich sind 60, 70 Euro für ein Schmuckstück da viel Geld. Doch ich will Sachen von perfekter Qualität machen, die ein ganzes Leben lang halten. Somit sind meine Produkte in sich selbst nachhaltig – hat man einen Ring, der nicht kaputt geht, muss man sich schließlich keinen neuen kaufen.

Wie viel verdienst du im Monat?

Das ist schwer zu sagen, pro Monat sind es etwa zwischen 0 und 1000 Euro brutto, das kann extrem schwanken. Da ich selbstständig bin, muss ich sehr viele Kosten, wie etwa die Miete für meine Werkstatt, selbst decken. Daneben stehen gerade eine Menge Investitionen an. Da ich erst seit 2018 selbstständig bin, muss ich viel Geld für Materialien, Maschinen und Werkzeuge ausgeben. Aktuell lebe ich überwiegend von meinen Ersparnissen und werde teilweise noch von meiner Familie unterstützt. Sollte ich mal einen eigenen Laden eröffnen, werde ich womöglich einen Kredit aufnehmen müssen. Aktuell verkaufe ich meinen Schmuck noch in meiner Werkstatt direkt neben der Werkbank.

Hast du es je bereut, diesen Beruf ausgewählt zu haben? 

Nein, bereut habe ich es bis jetzt auf keinen Fall. Ganz im Gegenteil, ich mache etwas, worin ich meine Leidenschaft gefunden habe. Ich würde aber nicht ausschließen, dass ich irgendwann noch studiere. Ich finde es auch Quatsch, dass es immer diese Rivalität zwischen Handwerker*innen und Akademiker*innen gibt. Meiner Meinung nach kann man auch beides miteinander verbinden. Doch erst mal will ich keinen akademischen Weg einschlagen, sondern das tun, was mir Spaß macht – auch wenn ich dabei am Anfang meiner Karriere erst mal ziemlich wenig verdiene. 

Wie viel Zeit verbringt man als Goldschmiedin mit schmieden?

Gar nicht so viel. Das Schmieden selbst, sprich Metall in eine bestimmte Form zu bringen, ist nur ein Arbeitsschritt von vielen. Meistens bin ich mit Löten, Sägen, Feilen und Polieren beschäftigt. Eines meiner wichtigsten Werkzeuge ist der Propangasbrenner mit der Lötflamme, daneben benutze ich sehr oft Laubsägebögen, die mit Metallsägeplatten bespannt sind, oder Feilen in verschiedenen Größen.

Welche besonderen Fähigkeiten benötigt man, um diesen Beruf zu erlernen?

Vor allem handwerkliches Geschick. Das ist essentiell, denn oft sitzt man tagelang an einem Stück. An einer aufwendigen Kette mit Steinen und Fassung arbeite ich auch mal zehn bis 15 Stunden, da braucht man Geduld. Aber je nach Schmuckstück ist der Zeitaufwand auch geringer, das ist ganz unterschiedlich. Und ich designe natürlich gerne. Wenn es sich um ganz individuelle Aufträge handelt, mache ich das manchmal mit meinen Kundin*nnen gemeinsam. Es gibt aber auch eine komplett von mir selbst entworfene Kollektion.

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