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1400 Euro brutto für die selbstständige Hutmacherin

Luisa, 32, betreibt ein eigenes Hutgeschäft in Teilzeit.
Protokoll von Patricia Friedek
jobkolumne hutmacherin cover

Foto: Privat / Bearbeitung: jetzt

Die Kund*innen

„Viele meiner Kunden sind Liebhaber. Die meisten kaufen maßgeschneiderte Hüte bei mir. Es gibt natürlich den klassischen Opa oder die klassische Oma, die Hüte kaufen, aber oft sind sie auch erst 35 bis 40 Jahre alt. Mit Mitte 20 können oder wollen sich die Wenigsten einen Hut für knapp 200 Euro leisten. Ich biete auch etwas günstigere Haarbänder an, die kaufen dann auch jüngere Leute. Zu einem großen Teil kommen meine Kunden aus der gehobenen Mittelschicht, manche sind sehr wohlhabend. Aber es gibt auch welche, die sich alle paar Jahre ein gutes Stück kaufen, obwohl sie es sich vielleicht nicht so gut leisten können.  Es gibt von den Handwerkskammern eine vorgegebene Kalkulation für die Bepreisung von Hüten und wenn ich die einhalten würde, wären meine Sachen noch viel, viel teurer. Aber ich muss auch abwägen, was meine Kunden bereit sind, zu zahlen.

Der Weg

Ich habe erst Spanisch und Politikwissenschaft im Bachelor studiert, da ist mir aber ziemlich bald klar geworden, dass das nichts für mich ist. Ich habe immer schon gerne genäht, deswegen schaute ich mich nach handwerklichen Berufen um. Erst wollte ich eine Ausbildung zur Schneiderin am Theater machen. Dann stieß ich aber zufällig auf die Oper in Stuttgart, wo eine Ausbildung zur Modistin angeboten wurde. Dort machte ich zunächst ein Praktikum. In Stuttgart habe ich den Ausbildungsplatz zwar nicht bekommen, man vermittelte mich aber von dort an einen kleinen Hutladen in Essen, in dem ich dann drei Jahre lang meine Ausbildung zur Modistin machte. Das war eine ganz klassische Handwerksausbildung: Man arbeitet im Betrieb und hat dann ein bis zwei Tage die Woche Berufsschule. Das war bei mir zumindest so, andere bieten auch Blockunterricht an, weil es nicht mehr viele Hutmacherklassen an Berufsschulen gibt.

Nach meiner Ausbildung arbeitete ich dann zwei Jahre festangestellt in einem Hutladen in Potsdam. Ich wollte aber zurück in meine Heimat, nach Wuppertal. Hätte es eine Stelle in einem Theater in der Umgebung gegeben, hätte ich sie gerne genommen. Dort sind die Voraussetzungen als Hutmacherin zu arbeiten die besten – man wird nach öffentlichem Dienst vergütet, hat Urlaubstage und Mutterschutz, das hat man alles nicht, wenn man selbstständig ist. Und man kann kreativer und freier arbeiten als in einem Hutladen. Man bekommt die Skizze von einem Kostümbildner und muss dann probieren, sie umzusetzen. Man arbeitet zwar auch mit den klassischen Materialen wie Filz und Stroh, aber im Theater kann es durchaus vorkommen, dass man ausgefallene Materialien benutzt, etwa Lichterketten oder Christbaumschmuck. In meinem Laden verkaufe ich eher Sachen, die alltagstauglich sind.

Die Herausforderungen

Ich habe ziemlich außergewöhnliche Öffnungszeiten, weil ich ein kleines Kind habe, deshalb öffne ich mein Geschäft dienstags, mittwochs und donnerstags von 10 bis 14 Uhr und freitags von 10 bis 17 Uhr. Das wirkt auf manche so, als hätte ich keine Lust zu arbeiten – dabei arbeite ich sehr gerne, ich möchte allerdings auch Zeit mit meinem Kind verbringen, weil ich alleinerziehend bin. Wenn Kunden aber nur zu anderen Terminen können, vereinbare ich mit ihnen andere Zeiten. Ich mache nun mal alles alleine und habe keine Angestellten.

Das Gehalt

Da ich meinen Hutladen nicht in Vollzeit betreibe, sondern 20 Stunden die Woche arbeite, habe ich kein volles Gehalt. Ich komme ungefähr mit 1400 Euro brutto raus. Ich stehe noch am Anfang der Selbstständigkeit, in der Regel wird das Gehalt mehr, je länger man den Beruf ausübt. Als Hutmacherin verdient man nirgends viel mehr als den Mindestlohn, außer, man arbeitet im Theater. Im vergangenen Jahr hätte ich alleine knapp davon leben können, da ich aber ein Kind habe, habe ich noch einen Nebenjob, in dem ich zusätzlich zehn Stunden die Woche arbeite. Aber auch, wenn ich Vollzeit arbeiten würde und kein Kind hätte – Modistin ist kein Beruf, mit dem man reich wird.

Die Motivation

Es macht mir einfach sehr viel Spaß, mit den Kunden zu arbeiten und mich handwerklich und kreativ auszuleben. Ich mag es total gerne, dass ich mir einfach Sachen überlegen und sie dann umsetzen kann. Außerdem ist es schön, Wertschätzung von den Leuten zu bekommen, für die ich etwas gemacht habe. Ich denke mir etwas dabei, wenn ich eine Kopfbedeckung mache und dann ist es ein großes Lob für mich, wenn es den Leuten gefällt. Natürlich ist es nichts Existenzielles, was ich mache – aber ich kann mit einem Teil dazu beitragen, dass Menschen ein gutes Gefühl haben, weil sie etwas Eigenes und Individuelles bekommen haben.  Und ich habe eine Beziehung zu meinen Kunden: Oft bringen sie mir an Weihnachten oder als Dankeschön etwas vorbei.

Der Arbeitsaufwand

Der Ablauf ist immer sehr unterschiedlich, abhängig davon, welche Kopfbedeckung ich gerade herstelle. Wenn es ein klassischer Filzhut ist, habe ich einen sogenannten Filzrohling. Die Form kann man sich vorstellen wie eine Zuckertüte. Den dämpft man mit Wasserdampf, dadurch wird der Stoff formbar. Dann ziehe ich ihn über einen Holzkopf in der entsprechenden Kopfform und bügele den Rand. Danach kommt der Teil, der richtige körperliche Arbeit erfordert: Ich muss den Filz in die richtige Form ziehen, das dauert meist ein bis zwei Stunden und kostet ziemlich viel Kraft. Am Ende muss ich den Hut dann noch zurechtschneiden und die Bänder und gewünschten Accessoires daran nähen. Das mache ich auch mit der Hand, denn so sieht man nicht, dass die Sachen wirklich drangenäht sind. Die Zeit, die ich für einen Hut aufbringe, variiert natürlich auch, im Durchschnitt sind es aber etwa zehn Stunden. Das Problem ist, dass man nicht sieht, wie viel Arbeit dahinter steckt – deshalb verstehen viele die hohen Preise nicht.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Die Reaktion ist meistens: „Ach, das gibt’s noch?“ Oder: „Kann man davon leben?“ Es ein seltener Beruf. Das hat mich aber zusätzlich überzeugt, Hutmacherin zu werden, weil ich dachte, dass es einfacher ist, mit eigenen Sachen darin zu bestehen. Und tatsächlich bin ich mit meinem Hutgeschäft die Einzige in der Region, was für mich ein großer Vorteil ist.

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