2088 Euro brutto für die Logopädin

Ingrid, 28, arbeitet in Teilzeit in einer integrativen Kindertagesstätte und hilft Kindern mit Sprachproblemen.
Protokoll von Nina Büchs
jobkolumne logopedistin

Foto: privat; Bearbeitung:jetzt

Die Motivation

An meinem Beruf fasziniert mich besonders, dass ich Menschen über einen langen Zeitraum ihres Lebens begleiten darf. Denn anders als bei Ärzt*innen, die ihre Patient*innen in der Regel nur wenige Minuten sehen, ihnen ein Rezept aushändigen und dann wieder mit dem*der nächsten beschäftigt sind, therapiere ich meine Patient*innen über Monate oder Jahre und lerne sie in dieser Zeit genauer kennen. Diese intensive Zusammenarbeit finde ich sehr bereichernd, da man gemeinsam an einem Ziel arbeitet und sich am Ende mit dem*der Patient*in über einen Erfolg freuen kann.

Die Patient*innen

Ich arbeite in einer integrativen Kindertagesstätte. In jeder Integrationsgruppe gibt es etwa vier Kinder, die speziell unterstützt und gefördert werden müssen. Durchschnittlich arbeite ich pro Tag etwa mit sieben bis acht Patient*innen im Alter von eineinhalb bis acht Jahren. Einige Kinder dort sind körperlich oder geistig beeinträchtigt und haben dadurch meist auch Probleme mit ihrer Sprache. Mögliche zugrundeliegende Ursachen sind da zum Beispiel Hörstörungen, Autismus oder genetische Syndrome wie das Rett-Syndrom. Je nachdem, welche Schwierigkeiten die Kinder haben, ist die Therapie sehr unterschiedlich. Bei Kindern mit Hörstörungen fördere ich zum Beispiel die Hörwahrnehmung und die Aussprache. Kinder, die am Rett-Syndrom leiden, sind nicht in der Lage zu sprechen, weshalb ich mit ihnen die Kommunikation über einen Sprachcomputer übe. Aber auch Kinder, die keine primären organischen Ursachen aufweisen, können in ihrer Sprachentwicklung Auffälligkeiten haben. Beispielsweise fangen einige Kinder auch einfach sehr spät an zu sprechen. Häufig kommt es auch vor, dass Kinder Schwierigkeiten haben, Laute auszusprechen und die Laute immer wieder vertauschen, zum Beispiel wenn sie „Fis“ statt „Fisch“ sagen.

Der Weg

Eigentlich wollte ich Medizin studieren. Als ich dann ein Praktikum im Krankenhaus absolvierte, kam ich das erste Mal mit therapeutischen Berufen in Berührung. Ich unterhielt mich mit einer Therapeutin, die im Krankenhaus angestellt war, und war von ihrer Arbeit fasziniert. Für die Logopädie entschied ich mich aber trotzdem erst zwei Jahre später, als ich zum Medizinstudium nicht zugelassen wurde und nach meiner Ausbildung als Rettungssanitäterin merkte, dass Medizin gar nicht das Richtige für mich ist.

Die Ausbildung und das Studium

Nach meinem Entschluss, Logopädin zu werden, habe ich an der staatlichen Berufsfachschule für Logopädie in München eine dreijährige Ausbildung absolviert. Dort angenommen zu werden, ist ein echter Glücksfall, da nur rund 15 von 100 Bewerbern pro Jahrgang zugelassen werden. Neben den staatlichen gibt es auch private Berufsfachschulen, die den Großteil der logopädischen Schulen in Deutschland ausmachen. Wer sich für eine private Ausbildungseinrichtung entscheidet, muss monatlich durchschnittlich 455 Euro zahlen. In einigen Bundesländern, unter anderem in Bayern, wurde das Schulgeld für private Logopädieschulen bereits abgeschafft, um dem großen Fachkräftemangel entgegenzuwirken und die Attraktivität des Berufes zu erhöhen.

Während meiner Ausbildung hatte ich etwa zwei Drittel Theorie- und ein Drittel Praxisunterricht. So kamen wir schon im ersten Jahr mit echten Patient*innen in Kontakt. Im Theorieunterricht haben wir, neben den logopädischen Störungsbildern wie Sprachentwicklungsstörungen und Stottern, auch viel über Psychologie, Sonderpädagogik, Phonetik und Linguistik gelernt. Innerhalb der medizinischen Fächer waren zum Beispiel Anatomie, Phoniatrie und Neurologie vertreten. Denn als Logopädin ist es wichtig zu wissen, wie die Stimme funktioniert und wo die Sprachzentren im Gehirn liegen.

Als ich meine Ausbildung dann mit dem Staatsexamen abgeschlossen hatte, entschied ich mich für ein Aufbaustudium, um mir die Option offenzuhalten, später einmal im Ausland zu arbeiten oder in die Forschung zu gehen. So habe ich mich dann an der Hochschule Osnabrück für den Studiengang „Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie“ eingeschrieben. Anders als bei der Ausbildung war der Bezug zur Forschung hier stärker und es gab Module wie Statistik, Ethik, Recht, Qualitätsmanagement und allgemeine Informationen zu Interdependenzen zwischen dem Gesundheits- und Wirtschaftssystem.

Das Gehalt

Logopäd*innen arbeiten größtenteils in einer freien Praxis und müssen ihr Gehalt individuell mit den Praxisinhaber*innen verhandeln. Da ich aber als Teilzeitkraft im Öffentlichen Dienst angestellt bin, ist mein Gehalt durch einen Tarifvertrag geregelt. Für meine Arbeitszeit von 25 Stunden pro Woche verdiene ich aktuell 2088 Euro brutto. Das ist auch in etwa das Gehalt, das mir für eine Vollzeitstelle in einer freien Praxis angeboten wurde.

Die Herausforderungen

Obwohl ich in der Berufsschule viel Praxiserfahrung mitbekommen habe und gut vorbereitet wurde, gibt es immer wieder Störungsbilder, die ich noch nicht therapiert oder in dieser Ausprägung noch nicht gesehen habe. Da ist es dann hilfreich, Kolleg*innen um Rat zu fragen, in der Literatur nachzusehen und sich durch Fortbildungen und Seminare weiterzubilden.

Manchmal sind es aber auch bestimmte Situationen mit Patient*innen, die mich vor eine besondere Herausforderung stellen. Einmal, als ich noch in einer freien Praxis gearbeitet habe, kam beispielsweise ein älterer Herr zu mir, der kürzlich einen Schlaganfall hatte. Deutsch war nicht seine Muttersprache und er konnte sich kaum ausdrücken oder etwas verstehen. Der Patient war verzweifelt, weil er durch seinen Schlaganfall plötzlich keine Wörter mehr bilden konnte, und brach vor mir in Tränen aus. Da ich großes Mitgefühl mit ihm hatte, fiel es da auch mir schwer, sachlich zu bleiben.

Die Fähigkeiten

Als gute*r Logopäd*in sollte man Deutsch in Wort und Schrift sehr gut beherrschen, ein sehr gutes Gehör und Freude am Umgang mit Menschen verschiedener Altersgruppen haben. Außerdem sind Geduld und Empathie eine Grundvoraussetzung für den Job. Man sollte auch musikalisch sein, da man manchmal mit den Patient*innen singt, um ihnen zum Beispiel bei einer Stimmstörung zu helfen. Kreativität ist im Berufsalltag auch sehr hilfreich. Oft vermittle ich den Kindern die Therapieinhalte durch ein Spiel, das ich entsprechend verändere und setze manchmal auch Mal- oder Bastelaufgaben ein.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Viele haben den Begriff „Logopädie“ schon einmal gehört, können ihn aber nicht genau zuordnen. Manchmal schmunzele ich dann bei Aussagen wie: „Logopädie, ah das ist doch das mit den Füßen!“ Wenn ich dann aber mehr von meiner Arbeit erzähle, hören die Leute meistens interessiert zu und finden den Job am Ende ganz toll.

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