1500 bis 2500 Euro brutto für die Slow-Flower-Farmerin

Die Slow-Flower-Farmerin Chantal findet: „Blumen sind einfach ein Erlebnis.“
Foto: Anne-Katrin Hutschenreuter / Bearbeitung: jetzt

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Wie man Slow-Flower-Farmerin wird

Ich habe Landschaftsarchitektur in Berlin studiert und bin dann nach Leipzig gezogen. Dort habe ich mich selbstständig gemacht. Zuerst war es nicht mein Plan, selbst Blumen anzubauen. Stattdessen wollte ich nachhaltiges Blumen-Design anbieten, also den Part übernehmen, bei dem die Blumen schön arrangiert werden. In den USA gibt es die sogenannte Slow-Flower-Bewegung schon viel länger als hier in Deutschland. Die Grundidee: nachhaltige, regionale und saisonale Blumen pflanzen und dabei auf Pestizide und lange Transportwege verzichten. In Leipzig habe ich leider nirgendwo Bio-Blumen aus der Region gefunden, denn damals, 2016, gab es einfach nichts. Auf dem Land sieht man zwar viele Felder am Straßenrand, auf denen man Schnittblumen selbst ernten kann. Oftmals sind diese Blumen aber nicht nachhaltig und werden mit Pflanzenschutzmittel besprüht. Produkte, die vom Samen bis zur Verpackung nachhaltig sind, habe ich nirgendwo gefunden. Deshalb dachte ich: Dann muss ich das selbst machen! Inzwischen bin ich im vierten Erntejahr auf meinem Feld in Leipzig, das in etwa einen Viertel Hektar groß ist. Daran schließen sich eine Scheune, ein kleines Lager und ein Atelier an. Außerdem befinden sich ein Gewächshaus und ein Gewächshaustunnel auf dem Gelände. Im Gewächshaus werden die Jungpflanzen angezogen und im Tunnel überwintern die Ranunkeln.

Wie der Arbeitsalltag auf dem Blumenfeld aussieht

Der Job ist auf jeden Fall nur für Frühaufsteher geeignet. Die frischen Blumen müssen im Sommer sehr früh geerntet werden, bevor es mehr als 20 Grad warm wird. Sonst lassen sie schnell die Köpfe hängen. Danach wird ein Kaffee getrunken und dann geht es wieder raus aufs Feld: Saatgut aussäen, Pflanzen pflegen, Unkraut jäten. Ich baue viele unterschiedliche Blumen an. Die Planung dafür passiert ein Jahr im Voraus. Ich kaufe dann beispielsweise Tulpenzwiebeln, Ranunkeln oder Anemonen. Ich strukturiere die Beete mit ein-, zwei- oder mehrjährigen Blumen. Da gibt es einiges zu beachten: Dahlien müssen zum Beispiel immer an einem anderen Fleck gepflanzt werden. Der Job einer Flower-Farmerin funktioniert daher ein bisschen wie Tetris spielen.

Wie viel man als Slow-Flower-Farmerin verdient

Ich kann davon leben, aber für einen Porsche reicht das Geld nicht. Brutto bekomme ich im Monat etwa 1500 bis 2500 Euro. Auf einen exakten monatlichen Betrag kann ich es nicht herunterbrechen. Ich kaufe zum Beispiel im Herbst Blumenzwiebeln, die ich erst im nächsten Jahr verkaufe. Insgesamt gibt es aber viele laufende Kosten. Ein Strauß Blumen kostet bei mir in etwa so viel wie bei herkömmlichen Floristen. In den Wintermonaten lebe ich von meinem Onlineshop für nachhaltiges Saatgut und Gartenwerkzeuge. Die Corona-Pandemie hat bei mir für einen tiefen Schnitt gesorgt. Im März 2020 war meine Gärtnerei durch Firmenkunden, Workshops und Hochzeiten komplett ausgebucht. Nach dem ersten Lockdown-Wochenende hatte ich keinen einzigen Kunden mehr. Normalerweise kaufen Junge und Alte, Studierende und Berufstätige bei mir ein. Meine Kundinnen sind überwiegend weiblich.

Vorstellung vs. Realität

Die meisten Menschen stellen sich meinen Beruf so vor: barfuß, im Sommerkleid durch Blumenwiesen tanzend. So als wäre es ein ganz ruhiger und entspannter Job, bei dem man jeden Tag schöne Blumen pflückt. Die Blumenernte ist zwar eine meiner Lieblingsaufgaben, aber sie macht nur einen winzigen Teil aus und passiert oft unter Zeitdruck. Die Realität sieht eher so aus: ich bin immer dreckig und stehe teilweise knietief im Schlamm – vor allem, wenn es in der Nacht zuvor geregnet hat. Eine meiner Hauptaufgaben ist außerdem das Unkrautjäten. Da ich meine Blumen biologisch anbaue und keine Pestizide versprühe, wächst natürlich Unkraut. Die Arbeit einer Slow-Flower-Gärtnerin ist in der Realität viel umfangreicher und arbeitsintensiver, als manche sich das so vorstellen.

Die Motivation

Mich motiviert es, eine nachhaltige Alternative zu konventionellen, importierten Schnittblumen anzubieten. Die Blumen aus dem Ausland werden oft mit Pestiziden behandelt, die in Europa durch Pflanzenschutzverordnungen längst verboten wurden. Wir verzehren die Blumen natürlich nicht, aber einen indirekten, gesundheitlichen Aspekt gibt es trotzdem. Wir sollten konventionell produzierte Blumen beispielsweise nicht ins Schlafzimmer stellen. (Anmerkung der Redaktion: Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht keine Gefährdung durch Pestizidrückstände auf Blumen). Die Blumen sollten auch nicht im Kompost, sondern im Restmüll entsorgt werden. Das ist doch absurd, Blumen sind doch Naturprodukte! Nachhaltigkeit ist für mich unverzichtbar, deshalb baue ich meine Blumen ohne Pestizide und ohne mineralische Düngemittel an. Ich nutze keine Plastikverpackungen – nicht einmal Tesafilm für die Papierverpackungen der Sträuße. Statt des Steckschaums – in dem Blumen oft arrangiert werden, der aber Erdöl enthält und im Kompost zu Mikroplastik zerfällt – nehme ich Hasendraht zur Hand. Was ich neben diesen Punkten motivierend finde, ist das Leben in den Jahreszeiten und das Arbeiten an der frischen Luft. Die Blumen sind einfach ein Erlebnis: visuell, ästhetisch und auch wegen der tollen Düfte.

Die Standardfrage, die auf Partys gestellt wird

Eine Frage, die mir schon oft auf Partys gestellt wurde, ist: Was ist deine Lieblingsblume? Ganz oft kommen auch Fragen zu kränkelnden Zimmerpflanzen. Ich versuche, sie immer mit meinem Standardsatz zu beantworten: Pflanzen brauchen in der Regel Licht, Wasser und Nährstoffe. Ist alles vorhanden? Oder ist zu viel oder zu wenig da?

Welche Eigenschaften man als Flower-Farmerin braucht

Die Lust am Gestalten. Das ist aber nur eine Seite. Genauso wichtig ist, dass man zäh ist, denn es ist harte, körperliche Arbeit. Man muss als Flower-Farmerin besonders flexibel sein und immer wieder Spontanität beweisen. Ich weiß nie: Kommt ein Gewitter? Fressen Schnecken die Ernte? oder: Muss ich die Blumen vor einer plötzlichen Pilzkrankheit schützen? Man darf sich nicht lange mit Kleinigkeiten aufhalten und muss lösungsorientiert arbeiten. Jeder Tag sieht anders aus. Und: fertig ist man nie!

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