1800 Euro brutto für die Falknerin

Sandra Jung, 28, hat eine eigene Falknerei aufgebaut. Sie erzählt, was sie an der Arbeit mit Greifvögeln fasziniert.
Protokoll von Sandra Belschner
jobkolumne falknerin

Sandra hat schon in ihrer Jugend mit Greifvögeln gearbeitet. Nun verdient sie damit ihren Lebensunterhalt.

Foto: privat; Illustration: jetzt

Warum bist du Falknerin geworden?

Ich habe schon mit 15 Jahren angefangen, mit Greifvögeln zu arbeiten. Dazu bin ich durch einen Zufall gekommen: Eine Freundin hat mir von einer Falknerei im Nachbarort erzählt und mich zu einer Show mitgenommen. Damals wusste ich gar nicht, dass es so etwas gibt. Ich war schon immer tierlieb, aber Greifvögel waren nie ein Thema für mich – bis zu diesem Tag. Ich hatte eine Art Aha-Moment, als ich zum ersten Mal die Greifvögel fliegen sah. Ich durfte auch ein Tier halten und das hat mich total gefesselt. Am selben Tag habe ich den Falkner angesprochen und gefragt, ob ich denn mithelfen dürfe.

Wann wurde aus dem Hobby ein Beruf?

Ich habe das erst neben der Schule gemacht, dann neben meiner Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin. Mein heutiger Geschäftspartner hat mich dann gefragt, ob wir uns mit Falknerei selbstständig machen wollen. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt schon eine Hand voll Vögel und waren privat damit auf Hochzeiten und Geburtstagen. Das kam sehr gut an und deshalb dachte ich mir: Warum eigentlich nicht? Wir haben dann die Burg Greifenstein in Thüringen entdeckt, die durch ihre Höhenlage perfekt für die Vogelhaltung geeignet ist. Wir haben einen Kredit aufgenommen, um unsere Falknerei dort zu eröffnen. Manchmal fühle ich mich an meinem Arbeitsplatz immer noch wie im Märchen. Über meine Arbeit habe ich auch mein eigenes Buch geschrieben.

Wie läuft die Ausbildung zur Falknerin ab?

Falknerin sein bedeutet, dass ich das Wissen, die Rechte und die Fähigkeit habe, mit diesen Tieren umzugehen. Zuerst braucht einen ganz gewöhnlichen Jagdschein, der Falknerschein baut darauf auf. Die Ausbildung ist in einen theoretischen und einen praktischen Teil aufgeteilt. Man macht sie in Jagdschulen oder Falknereischulen, geprüft wird durch den Staat. Danach muss man schauen, dass man sich die Praxis weiter aneignet, indem man sich einen Falkner, einen sogenannten Lehrprinzen, sucht. Man besteht also nicht die Prüfung und kauft sich direkt einen Vogel. Rein theoretisch dürfte man es zwar, aber es ist nicht empfehlenswert. Der Umgang mit Greifvögeln erfordert sehr viel praktische Übung, weil die Tiere so unterschiedlich und anspruchsvoll sind.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Wir fangen morgens zwischen acht und neun Uhr an. Zuerst holen wir jedes Tier einzeln aus ihren Behausungen und machen einen Check, um zu schauen, ob es den Vögeln gut geht. Ganz wichtig ist es die Tiere zu wiegen. Denn wenn etwas nicht stimmt, sieht man das bei einem Vogel am schnellsten am Gewicht. Anschließend werden die Volieren sauber gemacht, die Vögel sitzen derweil draußen. Mittags haben wir dann unsere Vorführung vor Publikum.

Wie ist dein Verhältnis zu den Greifvögeln?

Ich sehe das Verhältnis als partnerschaftliche Beziehung. Bei einer Beziehung mit einem Hund gibt es ja immer einen Rudelführer und der Hund hat sich unterzuordnen. Bei Greifvögeln ist das nicht der Fall. Ein Greifvogel ist von Natur aus ein sehr dominantes Tier und ordnet sich nicht unter. Da muss man schauen, dass er einen als Partner*in akzeptiert. Ich muss schauen, worauf er Lust hat und mich dann anpassen, ich kann ihn nicht zwingen etwas zu machen. Wir ziehen die Vögel von klein auf mit der Hand groß und dadurch sehen die sie uns als Eltern, später als Partner, an. Da die Vögel im Grunde machen was sie wollen, muss ich mich immer wieder neu auf sie einstellen und kann wenig planen. Dadurch bin ich auch im Alltag gelassener geworden. 

Ist dir schon mal etwas Gefährliches mit Greifvögeln passiert?

Etwas richtig Gefährliches ist mir zum Glück noch nicht passiert. Man bekommt immer mal wieder eine Kralle oder einen Schnabel ab. In den meisten Fällen passiert das gar nicht mal absichtlich. Dann gibt es halt einen kleinen Kratzer, aber das ist nicht schlimm.

Was gefällt dir an deinem Job am besten?

Am besten gefällt mir, dass kein Tag gleich ist. Wir haben mehr als 30 Vögel und jeder Vogel hat morgens eine neue Idee, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Vor allem die Shows laufen immer unterschiedlich ab, weil die Tiere immer anders fliegen. An einem Tag fliegt der Adler 1,5 Kilometer hoch und fällt perfekt auf die Hand. An einem anderen Tag setzt er sich auf eine Mauer und bewegt sich keinen Zentimeter. Aber an den meisten Tagen wollen die Tiere mit uns zusammenarbeiten und das ist das Tolle. Man merkt, dass die Tiere gerne mit uns zusammenarbeiten und Spaß daran haben. Das ist ein schönes Gefühl.

Zudem liebe ich auch die Vielseitigkeit: Neben der Arbeit mit den Tieren pflegen wir das Burggelände, die Pflanzen, im Winter werden Volieren gebaut oder repariert. Wenn Wildvögel verletzt oder hilfebedürftig zu uns kommen, fahren wir mit ihnen zum Tierarzt, behandeln Wunden und versorgen sie mit Medikamenten. Als Falknerin ist man also irgendwie auch Gärtnerin, Schreinerin, Medizinerin. Ich liebe diese spannende Vielfältigkeit.

Was verdient man als Falknerin?

Ich arbeite nur in den Sommermonaten, also von März bis November. Da kommt dann Geld rein, aber in den anderen Monaten nicht. Das ist das Ungewöhnliche im Vergleich zu anderen Berufen. Am Ende sind es im Monat durchschnittlich circa 1800 brutto. Klar, reich wird man davon nicht, aber deswegen habe ich den Job auch nicht gewählt. In meinem gelernten Beruf der medizinisch-technischen Assistent könnte ich das Doppelte verdienen. Aber dafür schlägt eben nicht mein Herz.  

Was arbeitest du dann im Winter?

Auch im Winter sind die Tiere auf der Burg und müssen versorgt werden. Dadurch, dass es keine Shows gibt, ist alles etwas entspannter und wir haben viel Zweisamkeit mit den Tieren, man kann auch mal zusammen spazieren gehen oder einfach die Wintersonne genießen. Zudem stehen im Winter Bau- und Reparaturaufgaben auf der Agenda, da hierfür im Sommer meist wenig Zeit ist.

Hat sich deine Arbeit durch die Corona-Pandemie verändert?

Während der ersten Welle hatten wir einen Monat lang geschlossen. Unser Glück ist es, dass wir unter freiem Himmel arbeiten, das heißt, es ist nicht ganz so kritisch wie in geschlossenen Räumen. Wir haben die Hygienemaßnahmen umgesetzt und konnten dann unsere Shows fortsetzen. Jetzt sind wir seit Anfang November in der Winterpause. Das heißt die zweite Welle betrifft uns nicht.

Welche Frage wird dir als erstes gestellt, wenn du erzählst, welchen Beruf du hast?

Die mit am häufigsten gestellte Frage ist: Hast du keine Angst? Da muss ich immer ein bisschen Schmunzeln, weil wenn ich Angst vor meinen Tieren hätte, wäre ich völlig falsch an dieser Stelle. Das ist vielleicht vergleichbar mit einem Reiter, den man fragt, ob er nicht Angst davor hat, vom Pferd zu fallen. Ich habe Respekt vor meinen Tieren, aber keine Angst. Ich vertraue ihnen komplett.

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