Etwa 800 Euro netto für den professionellen Geher

Carl Dohmann ist mehrfacher Deutscher Meister im 50-Kilometer-Gehen.
Foto: Anna Charlotte Groos, Bearbeitung: jetzt

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Was ein:e Geher:in macht

Gehen ist eine Ausdauersportart und eine Teildisziplin der Leichtathletik mit einer speziellen Technik: Ein Fuß muss immer Bodenkontakt haben, das vordere Bein muss beim Auftreten gestreckt sein. Die längste internationale Strecke, die es aktuell für Wettkämpfe gibt, ist 35 Kilometer lang. Das ist allerdings neu. Bis vergangenes Jahr gab es bei den Männern noch die 50-Kilometer-Distanz, in der ich auch immer wieder antrat und in der ich mehrfacher Deutscher Meister bin.

Wenn man die Sportart professionell als Beruf ausübt, ist alles darauf ausgerichtet, bei den Wettkämpfen möglichst gut abzuschneiden. Das heißt, ich trainiere eigentlich das ganze Jahr über für dieses Ziel. Jedes Jahr gibt es einen großen Wettkampf, den Jahreshöhepunkt. Vergangenes Jahr war ich zum Beispiel bei den Olympischen Spielen in Japan. Leider hat es dort nur für den 33. Platz gereicht. Dieses Jahr stehen aber gleich zwei neue große Wettkämpfe an, auf die ich hinarbeite: die Europa- und die Weltmeisterschaft.

Wie der Arbeitsalltag aussieht

Meine Haupttrainingsstrecke ist ein Fuß- und Radweg direkt an der Dreisam, ein Fluss in Freiburg. An einem normalen Trainingstag habe ich zwei Trainingseinheiten. Eine nach dem Frühstück und eine nach dem Mittagessen. Die Trainingspläne schreibt mein Trainer für mich. Unter der Woche trainiere ich alleine, samstags und sonntags trainieren wir zusammen. Je nach Wochentag gehe ich eine unterschiedlich lange Strecke, meistens zwischen 15 und 35 Kilometern. Zweimal in der Woche mache ich einen Ruhetag. Das bedeutet aber nicht, dass ich an diesen Tagen gar nichts mache. Ich mache auch dann bis zu zehn lockere Kilometer, gehe zur Physiotherapie, in die Sauna oder mache ein leichtes Krafttraining. Mehrmals im Jahr fahre ich außerdem für mehrere Wochen in ein Trainingslager. Zum Beispiel nach Südafrika, Portugal, Mexiko oder in die USA. Dort bereitet man sich gemeinsam mit anderen Gehern für bestimmte Wettkämpfe vor. Außerdem gehe ich nach größeren Wettkämpfen zu einer Mentaltrainerin, mit der ich analysiere, wie es gelaufen ist und was ich daraus mitnehmen kann.

Der Weg dorthin

Mein Berufsweg als Geher ist eher unkonventionell. Eigentlich arbeiten viele Geher nämlich entweder bei der Bundespolizei oder bei der Bundeswehr. Weil ich mich da aber nie so richtig gesehen habe, übe ich das Gehen als Selbstständiger aus. Damit bin ich in Deutschland auf jeden Fall eine Ausnahme. 

Jeder professionelle Geher, der an Meisterschaften teilnimmt, muss außerdem einem Verein zugehörig sein. In meinem Verein SCL Heel Baden-Baden bin ich schon, seit ich elf Jahre alt bin. Dort habe ich zuerst verschiedene Disziplinen ausprobiert. Im Gehen war ich anfangs tatsächlich gar nicht so gut. Aber weil meine damalige Trainerin auch Geherin war, hat sie mich dazu motiviert, weiterzumachen. Mit siebzehn bin ich dann schließlich Vizemeister in der U18-Klasse geworden. Das war für viele überraschend, auch für mich selbst. Aber das hat mich motiviert, das Ganze wirklich professionell anzugehen und an großen Wettkämpfen wie den Olympischen Spielen teilzunehmen.

Außerdem habe ich neben dem Gehen auch noch Geschichte, Soziologie und VWL studiert und während des Studiums in verschiedenen Zeitungsredaktionen hospitiert. Gehen ist kein Job, den man für immer machen kann. Einfach aus körperlichen Gründen, aber auch aus finanziellen, weil die Förderung wegfällt, wenn man nicht mehr so leistungsstark ist. Deshalb versuche ich gerade, mir neben dem Sport noch ein zweites Standbein als freier Journalist aufzubauen. Das Gehen ist auf jeden Fall ein Thema, über das ich gerne schreiben will.

Vorstellung vs. Realität

Es gibt viele Vorurteile gegenüber dem Gehen und gegenüber Leistungssportlern allgemein. Zum Beispiel, dass man als Leistungssportler immer viel Geld verdient. Das ist vielleicht bei sehr bekannten Fußballspielern so, aber der Großteil hat ein sehr niedriges Einkommen. Selbst wenn man olympische Medaillen gewinnt. Als Olympiasieger bekommt man als Geher in Deutschland momentan 20 000 Euro, als Zweiter 15 000 Euro und als Dritter 10 000 Euro. Betrachtet man das als Jahresgehalt, ist das natürlich nicht viel. Im Gehen gibt es außerdem sehr wenige Sponsorenverträge, womit ja auch viele Sportler Geld verdienen. Es gibt sogar Geher, die ihre Sportlerkarriere beenden mussten, weil das Geld einfach nicht zum Leben gereicht hat. 

Ich habe außerdem das Gefühl, dass das Gehen von vielen eher belächelt und unterschätzt wird. Vielen Menschen ist zum Beispiel gar nicht bewusst, wie viel man trainieren muss, um ein internationales Niveau zu erreichen und dass diese Sportart körperlich sehr anstrengend ist. Allein die Technik richtig zu beherrschen, dauert Jahre, weil diese Art zu Gehen einfach nicht dem natürlichen Bewegungsablauf entspricht. 

Was der Job mit dem Privatleben macht

Es gibt viele Dinge, die ich aus dem Sport für mein Privatleben mitnehmen kann. Als Kind war ich zum Beispiel oft unsicher und hatte das Gefühl, dass ich mich nicht so gut in Gruppendynamiken und generell in die Gesellschaft integrieren kann. Der Sport ist für mich eine Möglichkeit, mit diesen Ängsten umzugehen und mein Selbstbewusstsein zu stärken. Indem ich anderen, aber auch mir selbst zeige, was in mir steckt.

Durch das Gehen habe ich außerdem gelernt, dass man die Dinge nicht immer kontrollieren kann und irgendwie mit dem Unvorhersehbaren klarkommen muss. Zum Beispiel wenn bei Wettkämpfen etwas nicht so läuft, wie man es erwartet hat oder bei Extremwettersituationen. Bei meinen ersten Olympischen Spielen 2016 in Brasilien war es zum Beispiel so heiß, dass ich trotz guter Vorbereitung mental komplett zusammengebrochen bin und den Wettkampf abbrechen musste. Bei meiner ersten Europameisterschaft 2014 in Zürich habe ich mit meinem Tempo etwas übertrieben und mich muskulär überreizt, sodass ich am Ziel erstmal mit dem Rollstuhl abgeholt und im Erste-Hilfe-Zelt behandelt werden musste. Diese Überraschungen machen für mich aber irgendwie auch den Reiz an dem Job aus. Denn so kann ich mich immer weiterentwickeln und an den Herausforderungen wachsen. 

Was ich auf Partys immer wieder gefragt werde

Ich gehe selten auf Partys, aber wenn, dann werde ich immer wieder gefragt, wie man eigentlich Geher wird. Manchmal kommen auch Leute auf mich zu, weil sie mich in Freiburg beim Training gesehen haben und fragen mich, was genau ich da gemacht habe. Denn mit meiner Bewegungsart falle ich ja schon auf. Viele wissen außerdem gar nicht, dass Gehen überhaupt eine eigene Sportart ist und denken da eher an Wandern oder Nordic Walking. 

Was man als Geher:in verdient

Durchschnittlich verdiene ich momentan etwa 800 Euro netto im Monat. Das Geld setzt sich zusammen aus der Förderung der Deutschen Sporthilfe und den Prämien, die ich manchmal vom Leichtathletik-Weltverband oder der Sporthilfe ausgezahlt bekomme. Wie hoch die Prämie ist, hängt immer davon ab, wie man bei internationalen Wettkämpfen abgeschnitten hat. Bei der Weltmeisterschaft 2019 in Doha habe ich zum Beispiel eine vierstellige Summe bekommen, weil ich Siebter geworden bin. Mit 700 Euro netto im Monat ist aber die Förderung der Deutschen Sporthilfe definitiv meine Haupteinnahmequelle und sozusagen mein einziges regelmäßiges Gehalt.

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