„Niemand hatte damit gerechnet“

Zwei Medaillen gewann Lindy Ave bei den Paralympics in Tokio.
Foto: Mika Volkmann/imago images

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Im strömenden Regen brach Lindy Ave bei den Paralympics in Tokio einen Weltrekord: Genau eine Minute brauchte die 23-Jährige mit Cerebalparese, einer frühkindlichen Hirnschädigung, über 400 Meter in der Startklasse T38 für Sportlerinnen mit leichten bis mäßigen Beeinträchtigungen der Koordination. Gold für Deutschland. Bereits wenige Tage zuvor gewann sie über 100 Meter eine Bronzemedaille. Im Interview spricht sie darüber, wie es sich anfühlt, unerwartet einen Weltrekord zu brechen, über ein Stadion ohne Zuschauer*innen und ihren ganz persönlichen Glücksbringer. 

jetzt: Wie hat sich der Weltrekord für dich angefühlt?

Lindy Ave: Das ist ein Gefühl, das ich nicht in Worte fassen kann. Als ich meine Zeit nach den 400 Metern gesehen habe, hieß es erstmal nur: persönliche Bestzeit. Erst kurze Zeit später las ich: Weltrekord! Ich konnte es gar nicht fassen, war total überrascht und ein bisschen überfordert. Als ich die goldene Medaille bei der Siegerehrung nehmen durfte, wurde mir erst klar: Ich habe wirklich Gold gewonnen.

Wie haben deine Trainerinnen und deine Familie auf die Nachricht reagiert?

Der Weltrekord war total unerwartet. Ich hatte mich vor den Weltmeisterschaften in Dubai 2019 am Knie verletzt und konnte deswegen erst im letzten Dezember wieder anfangen zu trainieren. Deswegen waren meine Familie und auch meine Trainerinnen total schockiert über den Weltrekord. Niemand hatte damit gerechnet. 

Wie erklärst du dir deine schnelle Zeit?

In den zwei Jahren, in denen ich verletzt war, konnte ich meinen Körper komplett runterfahren und neue Energie tanken. Auch die Bahn war super, nämlich eine Mondo-Bahn. Das ist eine härtere Bahn, auf der man schnellere Zeiten laufen kann. Außerdem hat es in Strömen geregnet. Als Ostsee-Kind hat mir das nichts ausgemacht und nach hohen Temperaturen in Tokio war der Regen für mich eine schöne Abkühlung.

„Als Kind und Jugendliche wollte ich immer nur freizeitmäßig Sport treiben“

 

Wie hast du dich auf die Paralympics vorbereitet?

Weil ich ja eine Weile nicht trainieren konnte, war bis Januar oder Februar mein Ziel nicht Tokio, sondern die Paralympics 2024 in Paris. Niemand dachte damals, dass ich bis Tokio wieder fit bin. Doch im März hieß es: Wir nehmen dich mit nach Tokio. Lange war unklar, ob ich gute Zeiten laufen werde. Sogar Mitte April hatte ich noch Knieschmerzen. Doch dann wurde mein Knie besser, ich war viel im Trainingslager. Außerdem waren wir in den Tagen vor den Spielen in der japanischen Stadt Shimabara und konnten uns schon ein wenig an die Temperaturen und den Platzregen gewöhnen. Das war wichtig, denn anfangs hatte ich in Japan große Probleme mit den hohen Temperaturen. Bei einem starken Temperaturwechsel versteife ich oder bekomme starke Krämpfe und fange an zu zittern. 

War es schon immer dein Ziel, bei den paralympischen Spielen eine Medaille zu gewinnen?

Nein. Als Kind und Jugendliche wollte ich immer nur freizeitmäßig Sport treiben. Ich machte Leichtathletik vor allem, weil mir der Sport sehr viel Spaß machte. Wenn ich laufe, sind meine Probleme ganz weit weg und mein Kopf frei. Eines Tages meinten meine Trainer, dass ich auch international starten kann. Die Paralympics waren nie mein Ziel. Ich hatte gehofft, dass es für die deutschen Meisterschaften reicht. Dass ich mal bei den Weltmeisterschaften oder paralympischen Spielen am Start stehe, hätte ich nie gedacht. Noch viel weniger habe ich damit gerechnet, mal den Weltrekord zu brechen. 

Du warst auch schon 2016 in Rio bei den paralympischen Spielen. Wegen der Pandemie waren in diesem Jahr keine Zuschauerinnen und Zuschauer zugelassen. War das ein komisches Gefühl?

Ehrlich gesagt habe ich mich bei den diesjährigen Paralympics wohler gefühlt. In Rio war ich damals als jüngste Teilnehmerin dabei, ich war gerade erst 18 geworden und kannte viele Leute nicht. Dieses Mal war das anders. Da meine Familie nicht fliegen möchte, war sie schon in Rio nicht dabei, das war für mich also keine neue Situation. Es war natürlich ein wenig traurig, dass keine Zuschauer da waren, aber im Endeffekt habe ich im Stadion sowieso nicht gesehen, ob da jetzt Menschen sitzen oder nicht. Die Stühle hatten alle unterschiedliche Farben und daher fiel nicht auf, dass die Ränge leer waren.

Hast du eine Routine vor dem Start?

Ja, ich gehe vor jedem Start mindestens zweimal zum Physiotherapeuten und bekomme nochmal die Triggerpunkte bearbeitet, damit ich beim Lauf ganz locker bin. Dieses Mal habe ich außerdem roséfarbene Socken getragen, auf denen stand: „Die mit dem Hund geht.“ Die Socken sind mein Glücksbringer und erinnern mich an meinen kleinen Chihuahua, der während der Spiele bei meiner Familie in Deutschland geblieben ist. 

Was ist dein nächstes Ziel?

Die Paralympics in Paris 2024 stehen auf jeden Fall fest. Da Paris nah ist und meine Familie nicht fliegen muss, kommen sie mit dem Zug hin und schauen mir zu. Vielleicht kann ich dann nicht nur meine roséfarbenen Socken, sondern auch meinen Chihuahua als Glücksbringer mitnehmen.

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