„Der Lockdown hatte sogar einen Vorteil für mich“

Normaler Unterricht ist durch die Corona-Maßnahmen besonders in Bayern vorerst nicht möglich. Drei Referendar*innen erzählen, wie sie damit klarkommen.
Protokolle von Marie Campisi
protokolle referendar innen

Wie hat Corona das Schulleben und die Arbeit von Referendar*innen verändert?

Foto: Jenifoto / Adobe Stock

Wegen der Corona-Pandemie müssen Schulen seit einigen Monaten auf spezielle Schutzmaßnahmen achten. Bayern sticht dabei besonders hervor. Im Sommer stellten Schulen bundesweit auf Heimunterricht um, seit dem neuen Jahr ist Präsenzunterricht aber wieder möglich. Doch während in vielen anderen Bundesländern die aktuellen Schutzmaßnahmen vergleichsweise locker sind, ist Bayern darauf angewiesen, dass die Maskenpflicht und Abstandsregel in den Schulen ab der ersten Klasse konsequent eingehalten werden. Denn die Infektionszahlen sind in den vergangenen Wochen wieder stark angestiegen.

Die Vorsichtsmaßnahmen sollen verhindern, dass wieder Distanzunterricht stattfinden muss, trotzdem ist das laut dem Kultusministerium Bayern nicht ausgeschlossen. Ab 50 Infektionen pro 100 000 Einwohner*innen in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt  findet Präsenz- und Distanzunterricht im Wechsel statt. Außerdem kann das Gesundheitsamt auch einen vollständigen Distanzunterricht anordnen. Ein ganz normaler Unterricht steht deswegen in Bayern aktuell nicht in Aussicht. Was bedeutet das für Referendar*innen, die gerade das Unterrichten lernen sollen?

„Bis die ganze Grundschulklasse sich die Hände gewaschen hat, vergeht oft eine ganze Viertelstunde“

Michael, 23 Jahre alt, ist seit September im Referendariat an einer Grundschule im Allgäu. Er hat eigentlich einen anderen Namen, möchte jedoch anonym bleiben.

„Am meisten bemerke ich die Corona-Einschränkungen in den Schulen daran, dass die Kinder nach jeder Pause die Hände waschen müssen. Das ist eine absolut wichtige Maßnahme, aber bis die ganze Grundschulklasse sich die Hände gewaschen hat, vergeht oft eine ganze Viertelstunde. Wenn man nur eine Schulstunde Zeit hat, geht dann schon viel Zeit davon verloren – Zeit, die auch für mich als Referendar zum Üben wichtig ist. Ich bin aber trotzdem sehr froh, dass Präsenzunterricht aktuell überhaupt möglich ist, denn auf Online-Unterricht sind wir ja nie vorbereitet worden. Bei den Referendaren, die im letzten Schuljahr Lehrproben halten mussten, wurde die Lehrprobe dann auch teilweise ohne Kinder – sozusagen als Trockenübung – durchgeführt. Das fände ich schon sehr gewöhnungsbedürftig.

Um meine Ausbildung mache ich mir momentan aber keine großen Sorgen, da ich eine gute Seminarleiterin habe, die mir auch viele praktische Tipps geben kann. Was allerdings etwas auf der Strecke bleibt, sind die Hospitanzen, also das Besuchen von anderen Unterrichtsstunden. Aktuell kann ich nur meine Betreuungslehrerin begleiten, aber normalerweise könnten wir bei verschiedenen Lehrern und auch Referendaren im Unterricht dabei sein. So bekäme man auch viele verschiedene Eindrücke und Ideen, wie man seinen eigenen Unterricht gestalten könnte. Für mich bedeutet das, ein bisschen weniger Inspirationen zu bekommen und vielleicht einen etwas kleineren Erfahrungsschatz zu haben, auf den ich später zurückgreifen kann. Schade finde ich auch, dass Aktivitäten außerhalb des Unterrichts, wie zum Beispiel Ausflüge, nicht stattfinden können. Da lernt man die Schüler nochmal viel besser kennen und es ist einfacher, einen persönlichen Draht zu ihnen zu finden als im Unterricht.

Insgesamt funktioniert der Unterricht mit den aktuellen Einschränkungen aber ganz gut. Klar ist die Maske nervig, aber es ist halt eine notwendige Schutzmaßnahme und für die Schüler ist der Präsenzunterricht einfach sehr wichtig. Und für mich natürlich auch, weil ich ja lernen muss, welche Möglichkeiten ich habe, um meinen Unterricht zu gestalten. Deswegen hoffe ich sehr, dass die Fallzahlen nicht noch weiter steigen und dann vielleicht wieder Schutzmaßnahmen wie Homeschooling eingeführt werden müssten.“

„Es hat sich gefühlt alle zwei Wochen etwas geändert“

Theresa, 27 Jahre alt, ist in ihrem zweiten Lehrjahr als Referendarin an einem Gymnasium in der Oberpfalz.

„Momentan ist der Unterricht ja wieder relativ normal – zumindest im Vergleich zum Sommer, als auch viel online stattgefunden hat. Ich hatte das Glück, dass wir in meinem Referendariatsseminar schon einmal etwas zu Online-Unterricht gemacht haben und ich somit eine kleine Vorstellung hatte, wie das funktionieren kann. Ansonsten hätte mich das sicherlich mehr gestresst. Anstrengend wurde es für mich, als Online- und Präsenzunterricht abwechselnd stattgefunden haben. Es hat sich gefühlt alle zwei Wochen etwas geändert und ich musste mir ständig eine neue Strategie für den Unterricht überlegen. Wenn ich Fragen hatte, konnte ich damit aber immer zu meiner Betreuerin kommen. Trotzdem fand ich es gut, dass ich auch mal online unterrichten musste. Das ist einfach was ganz Neues und meiner Meinung nach sollte man das sowieso lernen.

Die Vorbereitung vom Online-Unterricht war aber trotzdem mehr Aufwand als bei einer klassischen Unterrichtsstunde. Ich habe hauptsächlich mit Lernvideos aus dem Internet gearbeitet und habe da viel Zeit in das Raussuchen gesteckt. Gelohnt hat sich das aber trotzdem – ich werde viele von den Videos auch noch für meinen normalen Unterricht verwenden.

Tatsächlich hatte der Lockdown sogar einen Vorteil für mich: Das Referendariat wurde entzerrt. Ich musste mich zwar sehr schnell auf das Distanz-Lernen einstellen, gleichzeitig sind dafür aber andere Aufgaben weggefallen. Das Referendariat ist eigentlich unglaublich stressig, weil man alles gleichzeitig lernen muss: Das Vorbereiten, das Unterrichten, das Notenmachen, Protokolle schreiben und so weiter. Als dann der Lockdown kam, war ich beispielsweise auf einmal nicht mehr verpflichtet, eine bestimmte Anzahl an Noten zu vergeben, damit ist viel Arbeit weggebrochen. Ich musste auch nicht mehr für eine gute Arbeitsatmosphäre im Unterricht sorgen, weil die Schüler ja die Arbeitsaufträge selbstständig durcharbeiten mussten. Da konnte ich dann endlich Schritt für Schritt lernen, wie ich meine Stunden vorbereite, ohne mich nur von Unterricht zu Unterricht durchzuhangeln. Mir ist aber auch bewusst, dass der Lockdown für Andere vielleicht mehr Stress bedeutet hat. Wenn man zum Beispiel keinen Drucker und funktionierende Technik hat, wird das schon kompliziert.

Für mich ist es jetzt trotz der ganzen Schutzmaßnahmen gut, dass wieder Präsenzunterricht sattfinden kann. Es ist wichtig, dass ich jetzt wieder viele Noten machen muss und Unterrichtsstunden halten kann, da ich das auch üben muss. Ganz normal ist es natürlich immer noch nicht. Ich bin in den Lernmethoden stark eingeschränkt, weil wir sehr darauf achten müssen, dass keine Gegenstände herumgereicht werden. Es kann also zum Beispiel nicht einfach eine Kreide von mehreren Schülern hintereinander verwendet werden. Wir haben einen riesigen Aufwand Dinge zu desinfizieren, das ist wirklich anstrengend. Ich habe aber trotzdem nicht das Gefühl, dass ich durch die Corona-Maßnahmen etwas versäume. Ich denke, das ist eher eine Chance, etwas Neues zu lernen.“

„Ich habe nicht das Gefühl, dass die Ausbildung ernsthaft darunter leidet“

Sarah, 24, ist seit September Referendarin an einer Realschule in Augsburg.

„Aktuell halte ich noch keinen Unterricht, da wir hier am Anfang des Referendariats erst in verschiedenen Unterrichtsstunden hospitieren und anschließend hauptsächlich unseren Fachlehrer, der uns betreut, begleiten. Der organisatorische Aufwand ist durch Corona natürlich höher, deswegen wurde in meinen Referendariats-Seminar weit nach hinten verschoben. Meine erste Unterrichtsstunde kann ich deswegen erst circa zwei Wochen später als geplant halten. Vielleicht rächt sich das irgendwann, dass ich jetzt etwas weniger Unterrichtserfahrung sammeln kann, aber ich habe trotzdem nicht das Gefühl, dass ich viel verpassen würde.

Ansonsten bemerke ich die Corona-Maßnahmen hauptsächlich daran, dass aktuell nur Frontalunterricht möglich ist. Gruppenarbeiten oder Rollenspiele sind durch die notwendigen Abstandsregelungen einfach nicht umsetzbar. Wie man so lockere Unterrichtselemente gestaltet und auf was man dabei achten muss, kann ich vorerst also nur theoretisch lernen und hoffen, dass das in meinem zweiten Referendariatsjahr wieder möglich sein wird. Aber ich kann mir ja trotzdem immer Tipps und Anregungen von anderen Lehrern einholen. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Ausbildung ernsthaft darunter leidet.

Wenn Corona-bedingt mal Unterricht ausfällt, versuche ich die Zeit sinnvoll zu nutzen und schreibe meine Protokolle oder unterhalte mich mit Lehrern. Das ist dann keine verlorene Zeit, aber sie ist vielleicht ein bisschen verplempert. Insgesamt habe ich einfach den Eindruck, dass alles etwas länger dauert, als in anderen Jahren und sich dadurch alles etwas nach hinten verschiebt.

Ich denke aber auch, dass mir die Corona-Maßnahmen sogar einen kleinen Vorteil bringen könnten. Da ich natürlich sehr darauf achten muss, dass sich die Schüler an das Abstandhalten und Maske-Tragen halten, gewöhne ich mich jetzt schon daran, immer ein Auge auf die Schüler zu haben. Man muss natürlich sowieso immer darauf achten, was im Klassenzimmer vor sich geht, während man vorne seinen Unterricht hält, aber ich denke, darin bekomme ich jetzt besonders viel Übung.“

  • teilen
  • schließen