4500 Euro brutto für die Bauingenieurin

Simone, 29, wird oft für eine Architektin gehalten – dabei trägt sie mindestens so viel Verantwortung.
Protokoll von Charlotte Bastam

Foto: privat Bearbeitung: jetzt

Die Aufgaben

Ich arbeite in einem mittelgroßen Ingenieurbüro in München, das sich auf Statik und Tragwerksplanung von Gebäuden im Hochbau spezialisiert hat. Wir kümmern uns sowohl um öffentliche Bauprojekte wie Schulen und Krankenhäuser als auch um größere Projekte von privaten Bauherren – wie zum Beispiel Industrie- und Bürogebäude. Was viele oft nicht wissen: Um ein Gebäude zu bauen, braucht man nicht nur einen Architekten, der es entwirft, sondern auch eine Bauingenieurin, die für die Statik verantwortlich ist. Als Bauingenieurin arbeite ich deswegen eng mit Bauherren und Architekten zusammen und schaue, wie ich deren Vorstellungen und Pläne statisch umsetzen kann. Im Prinzip heißt das: Ich achte darauf, dass das Gebäude am Ende nicht zusammenkracht. Im Büro stelle ich Berechnungen zur Statik von aktuellen Projekten an oder überprüfe, ob die Pläne des Architekten so funktionieren. Mein Arbeitstag beginnt dann meistens um halb acht. Ich bin aber nicht nur drinnen, sondern auch viel draußen auf Baustellen unterwegs: Ich überwache den Baufortschritt oder halte Meetings mit den Projektpartnern ab und bespreche das weitere Vorgehen.

Die Ausbildung

In der Schule war ich sehr gut in Mathe und naturwissenschaftlichen Fächern und konnte mir daher auch einen technischen Beruf gut vorstellen. An einem Orientierungstag an der Uni wurde ich dann vom Bauingenieurwesen überzeugt. Gebäude haben mich schon immer angezogen. Damals kannte ich aber den genauen Unterschied zwischen Architekt und Bauingenieur noch nicht. Dort wurde mir auch klar, dass Architekt der künstlerischere, aber auch weniger technische Beruf ist. Allerdings hat mich vor allem das Technische gereizt. Deswegen habe ich dann meinen Bachelor und meinen Master an der TU München in Bauingenieurwesen gemacht.

Das Studium war schon ziemlich hart. Das, was ich in der Schule an Mathe und Physik hatte, war kein Vergleich dazu, wie kompliziert und schwer es dann im Studium wurde. Vor allem mit der Menge an Stoff, den es zu lernen gab, und dem Zeitdruck in den Prüfungen hatten ich und viele Kommilitonen oft Schwierigkeiten. Schließlich habe ich mich aber ganz gut durchgekämpft. Mein heutiges Büro hatte schon immer gute Verbindungen an die Uni und somit kannte ich es bereits, als ich mich bewarb. Tatsächlich gibt es nämlich noch viele andere Bereiche, in denen man als Bauingenieur arbeiten kann. Manche meiner ehemaligen Kommilitonen sind zum Beispiel mehr auf Baustellen als Bauleiter unterwegs oder sind in einem Amt tätig.

Die Motivation

Am meisten mag ich, dass mein Beruf so vielseitig ist. Ich arbeite sehr technisch, aber gleichzeitig auch sehr kreativ. Denn man muss sich vorstellen, dass jedes Gebäude andere statische Herausforderungen mit sich bringt und es selten die eine statische Lösung gibt, wie man das Projekt umsetzen kann. Deswegen sitze ich auch oft mit Papier und Bleistift da, fertige Skizzen an und probiere verschiedene Ansätze. Das ist immer ein sehr spannender Prozess.

Auch habe ich mit sehr unterschiedlichen Menschen zu tun. Zum einen gibt es die diversen Bauherren und Architekten mit ihren speziellen Wünschen und zum anderen begegnen dir auf den Baustellen sehr unterschiedliche Menschen, mit denen man sich verständigen und absprechen muss. Es kommt nicht selten vor, dass man sich den Respekt beim Polier auf der Baustelle erst verdienen muss und einen die Arbeiter auf der Baustelle kritisch beobachten. Hier muss man oft mit dem Vorurteil umgehen, dass man als planender Bauingenieur nur gemütlich im Büro sitzt und bei der Planung zu wenig auf die Ausführbarkeit auf der Baustelle achtet. Umso schöner ist es aber, wenn dann auch einmal ein positives Feedback zurückkommt oder man selber die gute Arbeit vor Ort loben kann. Daher ist auch eine soziale Komponente bei meinem Beruf sehr wichtig.

Der Stressfaktor

Bei so großen Bauprojekten steht man häufig unter Zeitdruck. Denn Entscheidungen müssen oft in sehr kurzer Zeit getroffen werden. Schließlich soll die Baustelle nicht stehen bleiben und der gesetzte Terminplan darf nicht gefährdet werden. Wenn ich gerade eine heiße Projektphase habe, sind zwanzig oder mehr Überstunden im Monat schnell zusammen. Das ist bis auf die Wintermonate, wo es entspannter zugeht, auch recht oft der Fall.

Am Anfang haben mich dieser Stress und der Druck noch mehr mitgenommen. Die Verantwortung für Geld hat mich dabei eigentlich nie so sehr gestresst wie die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen oder wichtige Dinge zu übersehen, weswegen das Gebäude dann nicht mehr standsicher ist. Denn schon in der Uni wird einem klargemacht, dass man auch für Menschenleben verantwortlich ist. Aber mit der Zeit bekommt  man mehr Routine und Gelassenheit. Man kann besser entscheiden, was wirklich sofort angegangen werden muss und was vielleicht noch zwei Tage Zeit hat. Außerdem übernimmt man in unserem Büro erst nach und nach mehr Verantwortung. Ganz am Anfang hatte ich eigentlich immer einen Projektleiter über mir, dem ich vor allem zugearbeitet habe.

Das Geld

Mein Basisgehalt liegt bei 4500 Euro brutto im Monat. Je nachdem, wie viele Überstunden ich mache, kann das noch mehr werden. Wenn ein Arbeitsjahr erfolgreich verlaufen ist, kann man darüber hinaus noch mit einer zusätzlichen Prämie rechnen. Wenn ich in der Zukunft mehr Projektleitungen übernehme und damit mehr Verantwortung, wird mein Gehalt sicherlich auch noch steigen.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

„Dann bist du also Architektin?“ Dass Leute den Unterschied nicht kennen, begegnet mir häufig und ich werde dann auch oft gefragt, ob ich nicht ihr Haus entwerfen möchte. Und dann muss ich immer sagen: „Sorry, aber das ist nicht mein Job.“ Tatsächlich stehen die Bauingenieure immer noch ein wenig im Schatten der Architekten. Dabei ist die Statik von Gebäuden fundamental wichtig und damit auch die Arbeit von Bauingenieuren. Aber ich merke gerade auch viel Veränderung in meiner Branche. Durch die Digitalisierung haben wir noch mehr Möglichkeiten. Auch habe ich das Gefühl, dass es immer mehr Frauen in meinem Beruf gibt, was toll ist. Natürlich gibt es da noch viel Luft nach oben, aber immerhin war ungefähr ein Drittel meiner Kommilitonen weiblich.