12,50 Euro die Stunde für die Corona-Test-Auswerterin

Emilia, 18, Biologie-Studentin, hat in der Corona-Krise einen neuen Nebenjob gefunden.
Protokoll von Matias Kamp
jobkolumne coronatesterin cover

Illustration: jetzt

Die aktuellen Fallzahlen von Covid-19-Erkrankungen steigen wieder an. Reiserückkehrer aus Krisengebieten oder Lehrer werden kostenlos getestet, sowie Privatpersonen, bei denen der geringste Verdacht auf eine Viruserkrankung besteht. Die Auswertungslabore stoßen an ihre Grenzen. Daher stellen manche Unternehmen Biologie-Student*innen ein, die bei der Auswertung der Tests helfen sollen. Eine davon ist Emilia*. Sie arbeitet als Werkstudentin in einem der größten Auswertungslabore Deutschlands.

Wie bist du zu dem Job gekommen?

Es gibt ein Jobportal von meiner Uni, auf dem Nebenjobs angeboten werden und Unternehmen sogenannte Werkstudenten suchen. Meist werden Student*innen gesucht die ein Fach studieren, das zur Firma passt. Ein großes, privates Biologielabor hat nach Leuten gesucht, die pipettieren können. Das hätte ich eigentlich dieses Jahr an meiner Uni lernen sollen, doch wegen Corona war das Labor geschlossen. Zum Glück hatte ich in meinem Schülerpraktikum vor einigen Jahren schon einmal mit fortgeschrittener Laborarbeit zu tun, deshalb konnte ich mich bewerben. Schon zwei Tage später habe ich eine Zusage bekommen. Der Personalleiter hat mir erzählt, dass die Firma bereits 70 neue Mitarbeiter eingestellt hat. Jeden Tag werden bis zu 18 000 Tests ausgewertet. Von Krankenhäusern über Profifußballvereine bis hin zu Tests vom Flughafen ist da alles dabei.

Wie sieht ein Arbeitstag von dir aus?

Bisher musste ich immer sehr früh aufstehen und habe dann von ungefähr sechs Uhr morgens bis halb drei nachmittags gearbeitet. Es gibt aber auch Nachtschichten – die gehen von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Die meisten, die mit mir zusammen arbeiten, sind sogenannte „biologisch-technische Assistenten“ und andere Werkstudenten. Im Labor arbeiten aber auch Biologen und Mediziner. Bei der Auswertung der Corona-Tests macht nie eine Person die komplette Auswertung alleine, sondern jeder im Labor erledigt nur einen Schritt in einer langen Verfahrenskette. In meinen ersten Tagen wurde ich eingearbeitet. Mir wurden grob die einzelnen Schritte der Testauswertung gezeigt. Dann war meine erste Aufgabe, die Proben zu zentrifugieren. Das bedeutet, ich musste darauf achten, dass alles von der Probe auch in die Auswertung mit reinkommt, nichts am Deckel hängen bleibt oder sich mit Proben anderer Leute vermischt. Inzwischen wurde ich auch in andere Schritte der Testauswertung eingeführt. Für die Durchführung der Tests muss ich beispielsweise verschiedene Maschinen bedienen können.

Kannst du vereinfacht erklären, wie so ein Corona-Test funktioniert?

Wir bekommen die Tests in Abstrichen, meistens aus der Nase oder dem Rachen. Dann werden diese Abstriche in eine Lösung gerührt. Danach müssen die Proben in mehreren Schritten gewaschen werden, so dass am Ende nur noch die mögliche Virus-RNA übrig ist. Die ist bei bestimmten Virentypen, wie bei Coronaviren, Träger der Erbinformation. Anschließend führen wir eine „real-time PCR“ durch. Das bedeutet wir gucken maschinell, ob sich sogenannte „Sonden“ an die RNA binden. Wenn das passiert, ist ein Test positiv.

Welche Frage zu deinem Job wird dir am häufigsten gestellt?

Meistens ist das die Frage, ob ich mich selbst anstecken kann. Aber eigentlich ist das ganze ziemlich sicher. Die Proben werden nur mit Handschuhen angefasst. Geöffnet werden sie nur auf einer sogenannten „sterilen Werkbank“. Also hinter einer Glasscheibe und mit einer Abzugshaube darüber. Falls man etwas verschüttet, hat man direkt Ethanol zur Hand. Ich müsste schon eine positive Probe trinken, um mich zu infizieren.

Viele Labore berichten von einer hohen Auslastung, ist das bei euch auch so?

Da ich noch nicht so lange im Labor arbeite, kann ich das nicht ganz beurteilen, aber es sind schon extrem viele Abstriche, die wir auswerten müssen. Man hat immer etwas zu tun. Als ich gestern um sechs Uhr morgens angefangen habe, waren noch viele Proben vom Vortag auszuwerten. Das Labor hatte es zeitlich nicht geschafft, obwohl die ganze Nacht durchgearbeitet wurde. Gleichzeitig waren schon neue Lieferungen an Tests angekommen. Aber wir können auch nur so schnell arbeiten wie unsere Geräte. Am Wochenende ist es meistens etwas ruhiger, da haben viele Testcenter geschlossen. Unter der Woche ist es so voll, dass wir manchmal priorisieren müssen, welcher Test zuerst ausgewertet wird. Dann haben Tests von Patienten, bei denen beispielsweise eine Operation ansteht, Vorrang. Ich habe aber auch schon mitbekommen, wie Tests von Fußballern zuerst gemacht werden sollten.

Herrscht bei euch manchmal Unmut, wenn die Tests von Reiserückkehrern alles auslasten?

Also in erster Linie konzentrieren wir uns auf unsere Arbeit und diskutieren nicht über denn Sinn oder darüber, ob es fair ist, Reiserückkehrer kostenlos zu testen. Im Endeffekt wollen wir, dass Corona eingedämmt wird und das erreicht man eben unter anderem, wenn man mehr testet. Aber im Endeffekt ist es schon so, dass die Leute, die meinen, jetzt in einem Risikogebiet Urlaub machen zu müssen, uns zusätzlich belasten. Wir wollen was gegen das Virus tun – den Reisenden in Risikogebieten scheint das Ganze ja ein wenig egal zu sein. Ich persönlich finde, man kann den Leuten zumuten, in Quarantäne zu gehen – das ist am sichersten. Vor allem, da das Virus erst nach fünf Tagen im Körper nachgewiesen werden kann. Manche Tests sind also negativ, wenn man sich erst zwei Tage vor der Rückkehr nach Deutschland infiziert hat. Das mindeste wäre, wenn die Rückkehrer ihren Test selber bezahlen. Nervig wird es auch dann, wenn die Leute anrufen und fragen, wann die Tests endlich fertig sind.

Wie viel verdienst du in deinem Job?

Mein Stundenlohn liegt bei 12,50 Euro. Für Sonntage und Nachtschichten bekomme ich 15 Euro die Stunde. Mein Monatsgehalt variiert sehr stark, da ich in Klausurenphasen deutlich weniger arbeiten kann als in den Semesterferien. Durchschnittlich verdiene ich ungefähr 800 Euro netto im Monat. Das muss ich wegen des Freibetrags für Studenten nicht versteuern.

Gibt dir als Biologie-Studentin der Job eine Perspektive für deine Zukunft?

Ja, ich kann mir sehr gut vorstellen, in Zukunft in einem Labor zu arbeiten. Zurzeit mag ich’s, mich voll und ganz auf die korrekte Ausführung der Aufgaben zu konzentrieren – beispielsweise das Pipettieren oder Abmessen von Flüssigkeiten. In Zukunft möchte ich dann aber schwerere Aufgaben übernehmen, wie die Endauswertung und Kontrolle von langen Tests. Ich könnte mir auch vorstellen, irgendwann ein Labor zu führen. Ich würde so einen Arbeitsplatz definitiv der Feldforschung oder einem anderen Arbeitsbereich für Biologen vorziehen. Ungefähr wusste ich das schon vor Corona, doch nun habe ich die Bestätigung.

*Den Namen haben wir geändert, er ist der Redaktion aber bekannt. Die Protagonistin bat uns, den Text anonymsiert zu veröffentlichen, weil sie Sorge hat, sonst ihren Nebenjob zu verlieren.

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