3943 Euro brutto für den Minentaucheroffizier

Fabian, 28, erzählt, wie man Kampfmittel beseitigt und welche Erfahrung ihn fast hätte aufgeben lassen.
Protokoll von Nina Büchs
jobkolumne minentaucher cover

Foto: Privat / Bearbeitung: jetzt

Wie geht ihr bei der Beseitigung von Kampfmitteln vor?

Zuerst lokalisieren wir die verschiedenen Kampfmittel. In der Ost- und Nordsee handelt es sich meist um Munition aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Dabei werden zum Beispiel Minenjagdboote eingesetzt, die Schallwellen ins Wasser schicken. So kann gemessen werden, ob sich ein Metallkörper am Meeresgrund befindet. Wenn das der Fall ist, wird geprüft, ob es sich dabei um eine Mine handelt oder um einen anderen Gegenstand. Steht fest, dass der Metallkörper ein Kampfmittel ist, wird dieses genau bestimmt. Das ist wichtig, da wir nur sprengen, wenn wir wissen, um was es sich genau handelt. Wenn die Minentaucher also das Kampfmittel erreicht haben, wird nach speziellen Erkennungsmerkmalen wie speziellen Einbauschächten, Abrundungen, groben Schweißnähten und Ösen gesucht, um den Typ zu bestimmen.

Dieser Vorgang ist ziemlich fordernd, da man manchmal erschwerten Bedingungen ausgesetzt ist. Zum Beispiel, wenn man die eigene Hand nicht vor Augen sieht, weil es so dunkel ist. In solchen Situationen müssen die Erkennungsmerkmale blind ertastet werden. In diesen Momenten müssen die Taucher extrem aufmerksam sein, da unkontrollierte Bewegungen im schlimmsten Fall dazu führen können, dass die Munition plötzlich explodiert und der Taucher dadurch getötet wird. Wenn man die Erkennungsmerkmale zusammengetragen hat, werden diese gemeinsam mit einer angefertigten Skizze an den Einsatzleiter auf dem Boot weitergegeben. Anschließend werden die Informationen mit der Datenbank abgeglichen, wodurch die Mine einem bestimmten Typ zugeordnet werden kann. Neben dem Metallkörper wird dann eine Sprengladung abgelegt und wir tauchen wieder an die Oberfläche.

Aus sicherer Entfernung wird das Kampfmittel schließlich kontrolliert gesprengt, in manchen Fällen übernimmt das auch eine ferngesteuerte Drohne. Übrigens kommt es häufiger vor, dass wir Minen sprengen, anstatt diese zu bergen oder zu entschärfen, denn eine Sprengung ist prinzipiell die sicherste und einfachste Variante, um die Munition zu beseitigen. Es gibt aber auch Situationen, in denen nicht gesprengt wird, zum Beispiel wenn sich an dieser Stelle eine Ölpipline, eine Stromtrasse oder ein sehr großer Fischbestand befindet. In diesen Fällen wäre der Schaden, der durch die Sprengung entsteht, zu groß.

Welche Frage wird dir meistens gestellt, wenn du erzählst, dass du Minentaucheroffizier bist?

Ob mein Job denn nicht sehr gefährlich sei? Ich antworte dann, dass der Beruf natürlich mit einem großen Risiko verbunden ist, schließlich tauchen wir nach Kampfmitteln jeglicher Art, bei denen ungewiss ist, ob die Auslösemechanismen noch intakt sind. Tatsächlich denke ich aber gar nicht über mögliche Gefahren nach, sondern versuche, einen kühlen Kopf zu bewahren. Meiner Familie gelingt es allerdings nicht so gut, die Gedanken an das Risiko abzuschalten. Das führt dazu, dass ich kaum etwas von meiner Arbeit erzähle. Trotz ihrer Sorgen sind sie auf der anderen Seite aber auch stolz auf mich. Schließlich ist es ja gut, dass es Menschen gibt, die die Munition auf dem Meeresgrund beseitigen. Denn scharfe Munition im Wasser ist wie eine tickende Zeitbombe. Zum Beispiel kann die Mine mit der Zeit durchrosten, wodurch die chemischen Schadstoffe ins Meer gelangen und die Tier- und Pflanzenwelt langfristig gesehen mehr geschädigt wird, als bei einer kontrollierten Sprengung. 

Natürlich kann es auch passieren, dass die Munition plötzlich explodiert. Da wir gelegentlich auch Minen in Gebieten finden, in denen es Personenschifffahrtsverkehr gibt, wäre eine plötzliche Detonation eine extreme Gefahrenquelle für die Passagiere und die Crew der vorbeifahrenden Schiffe. Entdecken wir tatsächlich Kampfmittel in diesem Gebiet, wird zunächst eine internationale Sicherheitswarnung auf einem Funkkanal ausgestrahlt. Diese Warnung muss jeder, der sich in diesem Gebiet befindet, abhören. Mittels eines Radargerätes wird dann vom Boot aus überwacht, dass sich niemand zum Zeitpunkt der Sprengung im Gefahrenbereich befindet. Zudem werden vorab sogenannte Vergrämungsmaßnahmen getroffen, um auch die Meerestiere aus der Gefahrenzone zu vertreiben und somit das Verletzungsrisiko der Tiere bestmöglich zu minimieren. Außerdem werden vorab die Naturschutzbehörden über die Sprengung informiert und mögliche Schadensbegrenzungen mit der Behörde abgestimmt, sodass wir die Freigabe zum Sprengen erhalten.

Wie sieht dein Berufsalltag aus?

In unserem Jahresplan werden alle Einsätze dokumentiert, die über das Jahr hinweg anfallen. So wissen wir im Grunde, was uns an dem jeweiligen Tag erwartet. Allerdings gibt es gelegentlich auch spontane Einsätze, beispielsweise, wenn ein Flugzeug über dem Meer abgestützt ist und wir nach den verunglückten Passagieren tauchen müssen. Manchmal kommt es aber auch vor, dass wir an Land eingesetzt werden, zum Beispiel in Ländern wie Afghanistan oder Mali. Auch dort ist es unsere Aufgabe, nach Kampfmitteln zu  suchen, diese einzuschätzen und letztendlich zu sprengen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Minentaucheroffizier zu werden?

Nach der Schule wollte ich unbedingt zur Bundeswehr. Ursprünglich wollte ich Hubschrauberführeroffizier werden. Jedoch wurden in diesem Bereich nur wenige Nachwuchskräfte gesucht. Ein Bekannter, der Minentaucher ist, hat mir dann von seinem Job erzählt. Als langjähriges Mitglied im Ruderverein bin ich selbst an Wasser gewöhnt und halte mich auch gerne darin auf. Getaucht hatte ich bis zur Ausbildung aber noch nie. Das erste Mal im offenen Meer zu tauchen, war dann schon eine beeindruckende Erfahrung. Damals habe ich gedacht, dass das, was ich hier mache, schon etwas sehr Außergewöhnliches ist.

Wer kann Minentaucher werden?

Bevor man Minentaucheroffizier wird, muss man zunächst eine Grundausbildung zum Minentaucher absolvieren. Um zur Ausbildung zugelassen zu werden, muss man 18 Jahre oder älter sein und mindestens einen Hauptschulabschluss vorweisen können. Außerdem muss man sich einer medizinischen Untersuchung unterziehen und an einem Sport-Test teilnehmen. Um den zu bestehen, wird von den Bewerbern erwartet, unter anderem innerhalb von 24 Minuten 1000 Meter zu schwimmen und im Anschluss innerhalb von 23 Minuten 5000 Meter laufen zu können. Die Teilnehmer müssen sich intensiv darauf vorbereiten und eine gute Ausdauer haben. Hat man die medizinische Untersuchung und den Sport-Test bestanden, wird man zur Ausbildung zugelassen. Übrigens haben bisher nur Männer die Ausbildung zum Minentaucher abgeschlossen. Grundsätzlich können aber natürlich auch Frauen die Ausbildung machen.

Wie läuft die Ausbildung ab und welche Inhalte werden dabei vermittelt?

Die Grundausbildung zum Minentaucher dauert, inklusive eines Grundlagenkurses im Bereich Tauchen, etwa ein dreiviertel Jahr. In dieser Zeit werden verschiedene Inhalte, wie zum Beispiel Gerätekunde, vermittelt. Dieses Wissen ist besonders wichtig, denn als Minentaucher muss man, egal bei welcher Störung, die Tauchgeräte bedienen können. Die sind nicht nur unsere Arbeitswerkzeuge, sondern unsere Lebensversicherung. Aber auch medizinisches Hintergrundwissen wird uns in der Ausbildung nähergebracht. Da der Körper bei jedem Tauchgang enormem Stress ausgesetzt ist, muss man die Symptome seines Körpers verstehen und wissen, welche Gefahren beim Tauchen auftreten können. Das ist auch deshalb wichtig, weil man häufig auch in Gruppen taucht und somit auch für seine Tauchpartner verantwortlich ist. Ein anderer Teil der Ausbildung besteht daraus, Kampfmittel nach Erkennungsmerkmalen zu untersuchen und zu identifizieren. Zudem müssen wir auf Auslösemechanismen achten, um auch eine Risikoabschätzung unter Wasser vornehmen zu können.

Während der Ausbildung müssen dann immer wieder Prüfungen abgelegt werden. Bei vielen Prüfungen handelt es sich dabei um sogenannte Sperrfächer. Das bedeutet, dass man die Ausbildung beenden muss, wenn man die Prüfung nicht besteht. Dass Kameraden ihre Ausbildung deshalb nicht fortsetzen können, kommt gelegentlich vor. Das liegt daran, dass in der Ausbildung zum Minentaucher ohnehin schon viel Leistung gefordert wird und viele nach Dienstende völlig erschöpft sind. Sich dann abends auch noch auf die theoretischen Lerneinheiten zu konzentrieren, ist sehr anstrengend. Nach Abschluss der Grundausbildung kann man dann noch zum Unteroffizier, oder wie ich, zum Minentaucheroffizier, aufsteigen. Der Unterschied zu den klassischen Minentauchern ist, dass man dann nicht nur im Bereich Kampfmittelerkundung eingesetzt werden kann, sondern Kampfmittel tatsächlich auch selbst sprengen und Einsätze leiten darf.

Hättest du deine Ausbildung auch schon mal fast abgebrochen?

Wer Minentaucher werden will, braucht starke Nerven und ein extremes Durchhaltevermögen. Viele kommen mit der enormen körperlichen Belastung, dem harten Umgangston der Ausbilder und dem hohen Risiko, dem man ausgesetzt ist, nicht klar. Nicht umsonst liegt die Abbrecherquote bei diesem Lehrgang bei etwa 70 bis 80 Prozent. Im letzten Jahr haben es zum Beispiel von 30 Anwärtern nur zwei geschafft, die Ausbildung abzuschließen. Auch ich selbst war schon an dem Punkt, an dem ich dachte, das war’s, ich mache nicht mehr weiter. Das war allerdings noch ziemlich am Anfang meiner Ausbildung.

Damals hatten wir eine etwa fünfwöchige Schwimmhallenausbildung, in der wir ohne Sauerstoff tauchen mussten. Das bedeutet, wir mussten vor dem Abtauchen Luft holen und damit möglichst lange unter Wasser auskommen. Für mich war das die Hölle. Ich war kurz davor, ohnmächtig zu werden. In dem Moment war mir einfach alles zu viel, die Stresseinwirkung, der harte Umgangston der Ausbilder und das Gefühl, immer wieder die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Letzten Endes habe ich es aber geschafft, meine Grenzen zu überwinden. Doch das war nur durch enorme Willenskraft und die Unterstützung meiner Frau möglich, die mir in dieser Zeit viel Mut zugesprochen hat und mir die Zeit gegeben hat, mich von den Blessuren zu erholen.

Wie hoch ist dein monatliches Bruttogehalt?

Das monatliche Bruttogehalt ist je nachdem, in welche Besoldungsstufe und Erfahrungsstufe man eingruppiert wurde, unterschiedlich. Ich befinde mich in der Besoldungsstufe A 11 und in der Erfahrungsstufe 3. Damit erhalte ich ein monatliches Bruttogehalt von 3943 Euro, zusätzlich bekomme ich monatliche Zulagen in Höhe von 550 Euro. Da man als Soldat wenig Sozialabgaben zahlen muss, bleibt mir ein Nettolohn von etwa 3300 Euro. Mit diesem Gehalt komme ich gut über die Runden. Obwohl ich generell mit meinem Lohn zufrieden bin, kann ich verstehen, dass manche Kameraden die Bezahlung unfair finden. Denn wir Minentaucher haben auch eine deutlich höhere Verantwortung und ein deutlich höheres Risiko als Menschen, die in anderen Berufsfeldern arbeiten und trotzdem mehr verdienen.

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