2500 Euro brutto für die Gebärdensprachdolmetscherin

Alina, 25, hilft Hörenden und Gehörlosen, einander zu verstehen.
Protokoll von Nina Büchs

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

  • Erste Berührungspunkte

  • Mit Gebärdensprache bin ich zum ersten Mal während meines Praktikums im Blindeninstitut in Würzburg in Berührung gekommen. Da gab es viele Kinder und Jugendliche, die teilweise geistig schwer behindert oder auch hörgeschädigt waren. Die Betreuer haben die Kinder dann an den Händen gefasst und gemeinsam gebärdet und ich habe gemerkt, dass bei den Kindern dadurch wirklich ganz viel ankommt, anders als bei der Lautsprache. An eines der Kinder, ein taubblindes Mädchen, erinnere ich mich noch genau. Sie konnte nicht sehen und auch nicht hören, aber geistig war sie topfit und sie konnte fließend gebärden. Die Gebärdensprache hat sie durch Lormen, bei dem jede Handflächenpartie einem bestimmten Buchstaben zugeordnet ist und durch taktiles Gebärden gelernt, bei dem man sein Gegenüber an den Händen fasst und die Bewegung des Körpers fühlt. Ich fand das total faszinierend und wollte mich dann unbedingt mit ihr unterhalten. Also habe ich beschlossen, die Gebärdensprache zu lernen.

Die Ausbildung

Damals, als ich mit dem Gebärdensprachdolmetschen angefangen habe, gab es nur zwei Hochschulen, die den Studiengang angeboten haben. Ich habe mich dann an der Hochschule in Zwickau eingeschrieben. Das Studium dauerte acht Semester und in den ersten Jahren haben wir hauptsächlich die praktischen Grundlagen der Gebärdensprache gelernt. Die Dozenten, manche von ihnen waren auch taub, haben uns dann Bilder gezeigt, darauf gedeutet und wir sollten die Gebärde nachmachen. Oder wir haben die Gebärden durch ein Bilderspiel gelernt und wurden spielerisch an die Sprache herangeführt. Aber wir hatten auch einige theoretische Module, wie zum Beispiel Deutsch, Gesprächsanalyse, Linguistik und Grammatik. Das Studium ist ein guter Grundstein, um die Gebärdensprache zu lernen. In der Regel dauert es aber bis zu sieben Jahre, das heißt vier Jahre Studium und etwa drei Jahre Berufspraxis, bis man auf einem guten Level ist und fließend mit Gehörlosen kommunizieren kann.

Der Arbeitsalltag

Es gibt wirklich keinen Tag, an dem ich am Schreibtisch sitze. Jeden Tag lerne ich neue Leute kennen und dolmetsche bei verschiedenen Anlässen oder Situationen. Manchmal begleite ich Gehörlose zum Arzt,  zum Teamgespräch, zur Psychotherapie oder dolmetsche bei Bewerbungs- oder Kündigungsgesprächen. Wie man sich vorstellen kann, ist das schon sehr privat und persönlich. Vertrauen ist daher ganz wichtig, weshalb Datenschutz und Schweigepflicht ein ganz großes Thema bei uns sind. Oft fragen die Kunden erst: Du hast Schweigepflicht, oder? Und dann fangen sie erst an, mir vertrauliche Dinge zu erzählen. Der Nachteil des Berufs ist aber, dass man auch viel unterwegs ist und man oft viel im Auto sitzt. Einmal bin ich an einem Tag 500 Kilometer von Termin zu Termin gefahren.

Die Motivation

An der Gebärdensprache fasziniert mich besonders, dass sie ganz anders aufgebaut ist und eine eigene Kultur dahinter steckt. Gebärdensprache bedeutet, durch Bilder, die man mit seinen Händen und mit der Körpersprache erzeugt oder durch Mimik, Mundgestik und Mundbild miteinander zu kommunizieren. Die Gehörlosenwelt und die Welt der Hörenden ist wirklich total verschieden, umso spannender ist es zwischen beiden Sprachen und Kulturen zu vermitteln und die Kommunikation verständlich zu machen.

Der Stressfaktor

Laut WHO ist der Beruf des Simultuan-Dolmetschers der drittstressigste der Welt. Und das kann ich auch bestätigen, denn wenn wir simultan dolmetschen, müssen wir gleichzeitig zuhören, das Gesprochene verstehen und zur selben Zeit in Gebärdensprache umwandeln – mit vollem Körpereinsatz. Bei Terminen, die länger als eine Stunde dauern, wechseln wir uns meist zu zweit im Zehnminutentakt ab. Es kann aber auch vorkommen, dass man mal eine Stunde lang alleine dolmetscht. Danach ist man dann ziemlich fertig. Länger als eineinhalb Stunden geht aber gar nicht und so richtig fokussiert kann man nur 20 Minuten dolmetschen, danach nimmt leider auch die Qualität oft ab.

Das Geld

Ich bin auf einer Basis von 25 Stunden pro Woche angestellt und verdiene 2500 Euro brutto. Mehr Stunden pro Woche sind in meinem Job fast unmöglich, weil Gebärdensprachdolmetschen sehr anstrengend ist. Auch erfahrene Dolmetscher arbeiten nur circa 32 Stunden pro Woche. Natürlich gibt es noch die Möglichkeit, freiberuflich zu arbeiten. Das Gehalt ist dann gesetzlich geregelt und pro Stunde kann man als Dolmetscher zwischen 45 und 75 Euro abrechnen, abhängig von Bundesland und Arbeitsfeld. Wenn man angestellt ist, bekommt man etwas weniger Gehalt, allerdings muss die Firma ja auch einen Dienstwagen und ein Bürogebäude zur Verfügung stellen.

Die Herausforderungen

Mir fällt es manchmal noch schwer, mich auf besonders emotionale Situationen einzulassen, beispielsweise wenn der Gehörlose wütend wird und seinen Arzt anschreit. In dem Moment leihe ich dem Gehörlosen ja meine Stimme und er erwartet von mir, dass ich seine Emotion auch so rüberbringe. Das bedeutet, dass auch ich laut werden und den Arzt anschnauzen muss. Eine andere emotionale Situation habe ich in meinem Praktikum erlebt. Damals war ich mit dem Gehörlosen bei einem Arzttermin und musste ihm plötzlich erklären, dass er HIV positiv ist. Ich habe die Aufgabe dann an meinen Ausbildungsleiter abgegeben, weil ich der Situation damals nicht gewachsen war. Zur Erleichterung des Gehörlosen hat sich die Krankheit später dann als Fehler in der Akte herausgestellt, aber in dieser Situation war das für mich besonders schwer, sachlich zu bleiben.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Was ich ganz oft höre, ist die Frage: Ist Gebärdensprache international? Die Leute sind dann ganz verwundert, wenn sie hören, dass die Gebärden je nach Land unterschiedlich sind und dass es sogar Dialekte gibt. Außerdem kommt es vor, dass einige denken, ich wäre die Betreuerin der Gehörlosen und sie würden in einem betreuten Heim wohnen. Das ist natürlich völliger Blödsinn, aber sogar in Arztpraxen gehen Krankenschwestern gelegentlich davon aus, weil sie Gehörlosigkeit als nicht normal und darum als Behinderung wahrnehmen und denken, dass Gehörlose im Alltag nicht alleine zurechtkommen. Gehörlose selbst sehen das aber nicht so, sondern bezeichnen sich stattdessen als sprachliche Minderheit. Es ist die Gesellschaft, die ihnen in diesen Situationen einen bestimmten Stempel aufdrückt.

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