836 Euro brutto für die Sexualbegleiterin in Teilzeit

Tina, 29, arbeitet eigentlich als Tantra-Masseurin. Als Sexualbegleiterin ermöglicht sie Menschen mit Behinderung selbstbestimmte sexuelle Erfahrungen.
Protokoll von Lina Wölfel
jobkolumne sexberaterin cover

Foto: Privat / Illustration: jetzt

Was genau macht eine Sexualbegleiterin? 

Als Sexualbegleiterin ermögliche ich es Menschen mit Beeinträchtigung, sich mit ihrer Sexualität und ihrem Körperbild auseinanderzusetzen, in meinem Fall durch erotische Massagen. Durch Berührungen und der Anleitung zu Berührungen können meine Kunden, die ausschließlich männlich sind, sich selbst spüren, entspannen und eventuell auch lernen, selbst eine Frau respektvoll zu berühren. Einige meiner Kunden machen ihre erste sexuelle Erfahrung während meiner Massagen, oder sehen eine Frau überhaupt das erste Mal nackt. Ich bin während dieser Massagen aber nicht immer nackt. Das wird immer individuell mit dem Kunden abgestimmt.

Was ist deine Motivation?

Ich arbeite schon länger als Tantramasseurin. Das ist auch immer noch mein Hauptberuf, als Sexualtherapeutin arbeite ich nicht in Vollzeit. Irgendwann hatte ich einen Kunden, der während der Geburt einen Sauerstoffmangel erlitten hatte und deshalb im Rollstuhl sitzt. Das war damals mein erster Kunde mit einer körperlichen Beeinträchtigung. Ich war ziemlich aufgeschmissen, weil ich weder aus meinem privaten Umfeld noch im beruflichen Kontext vorher Erfahrungen mit Menschen mit Behinderung hatte. Wir haben uns in der Sitzung dann beide gegenseitig geholfen. Ich war auch echt erstaunt, wie gut es funktioniert hat. Als mir ein befreundeter Arzt bei einer Fortbildung vom Beruf der Sexualbegleitung erzählt hat, hatte ich das Gefühl, dass mir das liegen könnte. Im Rahmen einer tantrischen Massage ist Sexualbegleitung für mich eine wunderbare Ergänzung. Auch Menschen mit Behinderung haben das Recht auf Berührung und Liebe. Für mich persönlich hat eine Tantramassage sehr viel mit Liebe zu tun. Beim Tantra wird der Körper als Tempel der Seele bezeichnet und in diesem festgelegten Rahmen wird er geliebt. 

Wie wird man Sexualbegleiter*in?

Das ist länderspezifisch sehr unterschiedlich, meist gibt es aber ein Institut, das Weiterbildungen anbietet. Ich war in der Schweiz bei der „Initiative SexualBegleitung“. Die Ausbildung dort umfasst drei Ausbildungswochenenden, Erotikworkshops und Tantra-Massage-Workshops, die man mit dem Zertifikat als Sexualbegleiterin abschließt. Während der Ausbildung reflektiert man die eigene Sexualität, lernt, wie man Hilfe-Reflexe unterlässt, professionell seine eigene Rolle und damit auch die persönlichen Grenzen definiert, aber auch pflegerische und pädagogische Basisqualifikationen sind Teil der Ausbildung. Es ist sehr wichtig, dass ich weiß: Wo fasse ich meinen Kunden an, um ihn zum Beispiel auf die Massageliege zu bringen oder mit welchen Handgriffen kann ich meinen Kunden beim Duschen helfen, ohne ihm seine Autonomie zu nehmen. Bei meinem allerersten Kunden, noch bevor ich die Ausbildung gemacht hatte, war ich da sehr hilflos. Ich glaube, ich habe ihn dann auch, aus Angst etwas falsch zu machen, in seiner Autonomie eingeschränkt, sprich, ihn getragen, obwohl er sich selbst hätte aufrichten können.

Wie sieht eine Sitzung bei dir aus?

Die Kontaktaufnahme funktioniert meistens über E-Mail. Zur Vorbereitung telefoniere ich mit den Kunden, um sie als Person kennenzulernen, aber auch mehr über ihre körperlichen Einschränkungen zu erfahren. Ich kann mich und meinen Arbeitsplatz so besser auf den Termin vorbereiten. Vor der eigentlichen Sitzung findet dann ein Vorgespräch statt. Der Kunde kann so entspannt ankommen, wir können uns kennenlernen, aber auch über Wünsche und Grenzen sprechen. Danach gibt es die Möglichkeit, sich im Bad alleine oder gemeinsam frisch zu machen. Ich versuche während der Massage, ganz individuell auf den Kunden einzugehen, aber andererseits nicht zu viel zu reden und eher zu spüren, was demjenigen gut tut. Mir ist es wichtig, dass meine Kunden das Gefühl haben, jederzeit ihre Wünsche offen aussprechen zu können. Ich beginne oft mit den Händen und Füßen und arbeite mich bis zum Brustbereich vor. Meine Aufmerksamkeit ist während der Massage nur beim Kunden, der Berührung und seinen Reaktionen auf meine Berührung. Der Intimbereich gehört zum Körper dazu und wird ganz natürlich mit einbezogen. Dadurch kann sexuelle Energie entstehen – muss aber nicht. Wenn gewünscht, darf auch ein Orgasmus erlebt werden.

So eine Massage dauert etwa 90 Minuten, hinzu kommt die Zeit für Vor- und Nachbereitung. Ich berechne dafür einen Fixpreis von umgerechnet 280 Euro für die erste und umgerechnet 420 Euro ab der zweiten Sitzung. Nach der Massage darf der Kunde sich noch ausruhen und nachspüren. Währenddessen bereite ich ein Tablett mit ein paar Kleinigkeiten zu Naschen und etwas zu Trinken vor. Im Anschluss gibt es auch ein Nachgespräch, in dem wir evaluieren, was für den Kunden gut funktioniert hat oder was er sich noch wünschen würde. Viele sind beim ersten Mal noch zögerlich, trauen sich später aber intensivere Berührungen zu oder können sich mehr und mehr auf Situation einlassen.

Wie kommunizierst du mit Kunden, die sich nicht verbal äußern können?

Kunden, die sich nicht verbal äußern können, kommen meist mit einer Begleitperson. Das kann ein Familienmitglied oder ein*e Pfleger*in sein. Es ist da sehr wichtig, den Gast persönlich zu fragen, ob er bereit für die Berührung ist und sich die Erfahrung selbst wünscht. Hier gilt es mit allen Sinnen auf Reaktionen zu achten und körperlich mit dem Menschen zu kommunizieren. Die Augen können da viel verraten.

Wie reagieren Menschen, wenn du von deinem Job erzählst?

Die meisten Menschen reagieren sehr interessiert. Wenige wissen aber, dass es diesen Job gibt, geschweige denn was ich als Sexualbegleiterin mache. Da zeigen sich oft Vorurteile, weil der Beruf mit Sexarbeit beziehungsweise Stripclubs in Verbindung gebracht wird. Sobald ich die Leute aufkläre, wird es positiv aufgenommen. Das Thema ist sehr unbekannt:  Kennt man keine Betroffenen persönlich, macht man sich selbst keine Gedanken über die Sexualität von Personen mit Handicap. Viele denken zum Beispiel, dass sie keine Libido haben, was nicht stimmt. Menschen mit Behinderung können Lust verspüren und wollen diese Lust auch ausleben.

Was war deine größte Herausforderung bisher? 

Jede Massage ist eine kleine Herausforderung, weil man die Massage ganz individuell auf den Gast abstimmen muss. Ich hatte einmal einen Kunden, der mir beim Vorgespräch nicht gesagt hat, dass ihm einige Gliedmaßen fehlen. Da war ich psychisch nicht darauf vorbereitet. Ich habe gemerkt, dass es einfacher wurde, als ich mich stärker auf mein Gefühl während der Berührung verlassen habe. Sein Körper hat mir kleine Signale gegeben, wo er sich nach Körperkontakt sehnt, das können kleine Zuckungen sein, aber auch Gänsehaut oder andere körperliche Signale.

Was funktioniert Sexualbegleitung in Zeiten von Mindestabstand? 

Da ich in der Schweiz arbeite, darf ich seit dem 6. Juni 2020 wieder praktizieren. Wir haben ein Hygieneschutzkonzept. Die Gespräche finden mit Maske und zwei Meter Abstand statt, während der Massage müssen wir dann FFP2 Masken tragen. Es ist komisch, den Atem des Anderen nicht zu spüren. Aber ansonsten habe ich in der Zeit bisher gelernt, mich auch mit Maske meinen Kunden hinzugeben und mich nicht weiter davon stören zu lassen.

Wie stellst du dir deine berufliche Zukunft vor? 

Ich wünsche mir mehr Offenheit von Ärzt*innen, Therapeut*innen, Wohnheimen und Pfleger*innen für eine Zusammenarbeit. Viele sprechen mit ihren Bewohner*innen oder Patient*innen nicht über Sexualität. Menschen mit Behinderung werden oft mit ihrer Libido allein gelassen, lernen nie, sie einzuordnen und damit umzugehen.

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