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Foto: DSV

Die Ausbildung

Ich habe relativ spät angefangen, professionell Ski zu springen, mit zehn Jahren. Begonnen habe ich mit Langlauf und Nordischer Kombination. Ski fahre ich schon, seit ich drei Jahre alt bin. Aber weil ich meinen Trainer immer genervt habe, dass ich auf die Schanze will, hat es sich eben so ergeben, dass ich mit dem Skispringen begonnen habe. Weil mein Vater und mein Großvater auch Skispringer waren, habe ich das schon als kleines Kind ganz nah erlebt und wollte es unbedingt zumindest einmal ausprobieren. Und als ich dann das erste Mal gesprungen bin, war ich sofort infiziert und wollte nichts anderes mehr machen.

Für die Ausbildung ist ein Gefühl für den Ski und Skifahren zu können natürlich die Voraussetzung. Dann fängt man als Kind auf ganz kleinen Schanzen an, von denen man ungefähr zehn Meter weit springen kann. Mit 13 Jahren bin ich nach Oberhof aufs Sportgymnasium gegangen, ein Internat. Dort blieb ich bis zum Abitur, ich habe jeden Tag zwei bis drei Stunden trainiert und die Schule war ein bisschen darauf ausgerichtet, dass jeder zu seinen Trainingszeiten kommt. Ich war relativ jung schon ziemlich erfolgreich, mit 15 habe ich die erste Juniorenweltmeisterschaft gewonnen. 2012 bin ich dann ganz nach Oberstdorf im Allgäu gezogen, weil sich dort der Haupttrainingsstützpunkt für das deutsche Damenskispringen befindet.

 

Tagesablauf

Ich schlafe viel und gern. Wenn ich früh aufstehen muss, dann gehe ich auch gerne früh ins Bett. Jetzt im Winter ist es oft so, dass unsere Wettkämpfe spät am Abend stattfinden. Dann kann ich meistens ausschlafen und beginne den Tag ein bisschen später um 8 oder 9 Uhr mit dem Frühstück, weil ich abends bis neun oder zehn Uhr auf der Schanze stehe. Es gibt auch im Sommer und im Winter gar nicht so einen großen Unterschied, wie man meinen möchte. Weil ich bei der Bundeswehr als Stabsunteroffizierin arbeite, habe ich im Frühjahr zusätzlich noch meine Bundeswehr-Lehrgänge, das ist dann meistens im April und Mai. Kommenden Frühling mache ich meinen Feldwebellehrgang. Aber das restliche Jahr über trainiere ich: ein- bis zweimal am Tag. Im Sommer gibt es dann auch verschiedene Sommer-Grand-Prix, da springen wir auch auf den ganz normalen Schanzen. Nur, dass dort kein Schnee liegt und wir auf Kunststoffmatten springen. Der Unterschied zwischen Springen im Sommer und Springen im Winter ist minimal. Grundsätzlich machen wir etwa drei Mal pro Woche Krafttraining, ansonsten stehen Springen, Schnelligkeit, Joggen und allgemeines Training auf dem Programm.

Die Gerüchte

Das Gewicht zu halten fällt mir relativ leicht, ich muss sogar eher schauen, dass ich genug Gewicht für meinen Ski habe, denn es gibt eine BMI-Formel, die man erfüllen muss. Da habe ich Glück, weil ich klein und ziemlich leicht bin, für mich ist das kein Problem. Das ist zwar auch Typsache, aber alle Athletinnen haben das, würde ich sagen, ganz gut im Griff.

Dass Frauen nicht Skispringen dürfen, weil die Gebärmutter platzen würde, ist so ein uraltes Gerücht, von dem niemand wirklich weiß, wo es herkommt. Man landet halt auf dem Schnee und die Verletzungsgefahr ist die gleiche, wie bei den Männern auch: Knieverletzungen sind häufig im Springen, deswegen mache ich viele Stabilisierungsübungen für Bauch, Rücken und Knie. Bisher habe ich mir beim Skispringen noch nie was getan.

Das Geld

Ohne die Unterstützung meines Gehalts von der Bundeswehr würde ich nicht auskommen, denn so viel verdienen Frauen im Skispringen noch nicht. Wir bekommen etwa ein Drittel dessen, was die Männer an Preisgeld erhalten – 3000 bis 10.000 Euro für einen Einzel-Weltcupsieg bei Damen und Herren. Außerdem geht die Rangliste bei uns nur bis Platz 20, während der Letzte bei den Männern bis Platz 30 noch Preisgeld bekommt. Aber wir wollen mal nicht meckern, denn in den letzten Jahren hat sich in Sachen Gleichberechtigung schon einiges getan – und hoffentlich tut sich noch mehr. Mir steht neben meinem Bundeswehrsold von monatlich 2900 Euro brutto noch das Preisgeld zur Verfügung; das können dann an einem Wochenende schon mal bis zu 6000 Euro sein. Aber auch das muss ich noch versteuern.

Die Freizeit

Ich bin durch den Sport schon sehr viel verreist, Japan, Korea, Kanada, Schweden, Finnland, Norwegen, USA, Frankreich, die Schweiz; überall dort wo es Berge gibt, bin ich gefühlt schon gesprungen. Obwohl ich mehrmals am Tag trainiere und einen straffen Tagesablauf habe, habe ich aber schon noch Zeit für eine Beziehung. Natürlich ist die Zeit eher begrenzt, aber ich führe eine Fernbeziehung und dass wir uns im Winter nicht ganz so oft sehen, ist auch selbstverständlich für meinen Partner. Aber der Sport hat gerade einfach Priorität. Daran, nicht viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen, habe ich mich schon durch meine Zeit im Internat gewöhnt. Und wenn wir uns dann sehen, finde ich es doppelt so schön.

Die Motivation

Das Gefühl, in der Luft zu sein, begleitet mich jetzt schon seit achtzehn Jahren und lässt sich mit keinem anderen Gefühl vergleichen. Und es gibt auch nichts im Training, was ich nicht gerne mache. Die größeren Schanzen mag ich noch ein bisschen lieber, auch, wenn man nur ein paar wenige Sekunden länger in der Luft bleibt.

Wie lange ich noch Ski springen kann, weiß ich nicht, ich will auf jeden Fall so lange weitermachen, wie es geht. Daniela Iraschko-Stolz (österreichische Skispringerin, Anm.d.Red.) zum Beispiel ist 35 Jahre alt und gerade super erfolgreich. Und normalerweise hört man immer, die Schnellkraftfähigkeit (Fähigkeit der Muskulatur, in einer bestimmten Zeit Höchstleistung zu bringen, Anm.d.Red.) ließe mit Ende 20 nach. Aber bei mir war es zum Beispiel so, dass ich die besten Athletikwerte meines Lebens letztes Jahr erzielt habe. Da war ich auch schon 27 Jahre alt. Und erst am letzten Novemberwochenende habe ich beim Weltcup in Lillehammer in Norwegen den ersten Platz belegt, es sieht also sehr gut aus bei mir. Im Moment ist und bleibt das Skispringen mein Mittelpunkt, aber nebenbei studiere ich schon „International Management“.

Welche Frage auf Partys immer gestellt wird

„Was echt, DU springst Ski?“. Meistens trauen mir die Leute das nicht zu, wenn ich erzähle, dass ich Skispringerin bin. Die sagen dann: „Du bist doch so zierlich“, oder „Du bist doch so klein“. Da bin ich schon öfter auf Ungläubigkeit gestoßen, aber ich muss dann immer lachen und sage eben, dass es die Wahrheit ist. Manchmal frage ich mich, was die Menschen für Bilder von Sportlerinnen im Kopf haben.

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