2000 Euro brutto für die Eating-Designerin

Linda beschäftigt sich in ihrem Job damit, durch Nahrung neue Perspektiven zu schaffen.
Foto: Privat / Illustration: jetzt

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Was eine Eating-Designerin macht

Ich arbeite in meiner eigenen Agentur, die nachhaltige Unternehmen bei ihren Markenstrategien, Kampagnen und Events unterstützt. Teil des Teams sind zum Beispiel auch Strategen, Architekten, Fotografen oder Köche, die bei uns als Freelancer oder Angestellte arbeiten – ich bin dort für den Bereich des Eating-Designs zuständig. Das heißt, ich konzipiere Projekte, bei denen ich Lebensmittel als Werkzeug der Kommunikation einsetze. 

Es geht also darum, das Essen so zu präsentieren, dass es zum Interagieren anregt – mit den Lebensmitteln selbst und mit den anderen Gästen. Dabei spiele ich viel mit Farbe, Ästhetik und Texturen, um die Leute auf das Essen aufmerksam zu machen. Ein Beispiel: Es gibt eine „Food Station“ mit einer Plexiglasplatte, auf der ich verschiedene Aufstriche in Tropfenform platziert habe. Man nimmt sich einen Brotlaib, mit dem man den Aufstrich von der Platte wischt – dann kommt unter dem Dip eine Nachricht zum Vorschein, zum Beispiel Informationen zu dem Produkt. Vielleicht steht neben einem eine Person mit einer anderen Nachricht, mit der man dann darüber ins Gespräch kommt. Durch solche gemeinsamen, haptischen Erlebnisse möchten wir die Gäste dazu anregen, ihr tägliches Konsumverhalten zu hinterfragen und im besten Fall zu verändern.

Wie der Arbeitsalltag als Eating-Designerin aussieht

Meine Arbeit ist projektbezogen. Deswegen sieht jeder Tag ein bisschen anders aus. Da ich selbstständig und oft von zu Hause aus arbeite, ist ein halbwegs geregelter Arbeitsalltag trotzdem wichtig. Das gelingt mir immer besser. An einem Durchschnittstag fange eigentlich immer um acht Uhr an, arbeite erst einmal eine Stunde für mich allein, und um neun oder zehn gibt es Meetings mit Kunden oder mit dem Team. Danach fällt meistens Konzeptarbeit oder so etwas wie Mails beantworten an. Da ich eine einjährige Tochter habe, höre ich in diesem Jahr schon um 12:30 Uhr auf zu arbeiten. Das geht allerdings nur durch die Unterstützung von meinem Team.  

Wenn Events anstehen, bin ich auch mal für drei bis fünf Tage irgendwo in Deutschland unterwegs, um vor Ort alles mit zu organisieren. Da gibt es so etwas wie einen „Arbeitsalltag“ nicht, weil so viele unterschiedliche und individuelle Aufgaben anfallen.

Wie ich zu dem Job gekommen bin

Ich habe Textil- und Flächendesign in Berlin studiert. Bei einem Projekt in der Lausitz ging es darum, regionale Unternehmen mit Design-Studierenden zusammenzubringen. Wir wollten das Potenzial der Produkte oder Dienstleistungen der Region herausstellen. Das Ergebnis war ein interaktives Dinner mit dreißig Personen, in dem wir in vier Gängen verschiedene Kräuter aus der Lausitz und ihre Heilkräfte vorgestellt haben. Mit diesem Projekt hat mein Job im Grunde begonnen. Denn es war das erste Mal, dass ich Lebensmittel als Kommunikationsmittel eingesetzt habe. Dieses Aufeinandertreffen von Design, Kommunikation und Lebensmitteln hat mich von dort an nicht mehr losgelassen und sehr fasziniert. Nach meinem Studium habe ich mich damit selbstständig gemacht und daraus ist meine Agentur entstanden. 

So gehe ich vor, wenn ich Essen „designe“

Meist bekommen wir zuerst grundlegende Informationen vom Kunden über die Gäste, die Räumlichkeiten und den Rahmen der Veranstaltung. Da geht es dann erstmal darum, die Zielgruppe und die Umgebung zu erfassen, um zu verstehen, wie man die Leute erreichen kann, und was es für Möglichkeiten gibt, das Veranstaltungsthema kulinarisch zu übersetzen. Oft machen wir dann Brainstorming-Sessions im Team. Neben dem Konzeptualisieren probieren wir viel mit Lebensmitteln und Werkzeugen aus, machen also kreative Arbeit. Dabei habe ich auch unterschiedliche Lebensmittel vor mir liegen, um zu schauen, welche Formen und Kompositionen sie annehmen können oder experimentiere mit „Esswerkzeugen“, um klassisches Besteck zu ersetzen. Gemeinsam mit meinem interdisziplinären Team konkretisiere ich die unterschiedlichen Ideen dann. Letztens haben wir zum Beispiel bei einem Event eine Karotteninstallation von der Decke gehangen. Dort wurden die Gäste eingeladen, diese zu ernten und damit durch neue Perspektiven Gewohnheiten zu durchbrechen.

Wie der Job meinen Alltag betrifft

Ich habe durch meinen Job gelernt, dem eigenen Umgang mit Lebensmitteln zu vertrauen und mich mehr auf meine Intuition zu verlassen: Dinge zusammenzuwerfen und zu schauen, was passiert. Beim Kochen kann ich damit meine Kreativität total ausleben. Auch darüber hinaus hat sich meine persönliche Beziehung zu Lebensmitteln verändert. Ich möchte Lebensmitteln in meinem Alltag Wertschätzung entgegenbringen – das tue ich, indem ich sie bewusst auswähle, zubereite und anrichte.

Diese Frage bekomme ich häufig gestellt

„Ach, macht ihr Catering?“, höre ich ziemlich oft. Aber genau das machen eben wir nicht. Es geht ja um viel mehr als „nur“ um das Essen. Klar, es muss gut schmecken, aber vor allem ist das Essen in meiner Arbeit eine Art Medium. Das heißt, es ist so inszeniert, dass die Kunden sich die Zeit nehmen, sich damit zu beschäftigen. 

Was man als Eating-Designerin verdient

Zurzeit zahlen wir uns in der Agentur je 2000 Euro brutto aus, da wir im Teamaufbau sind. Am Ende des Jahres hat unser Unternehmen einen Gewinn, der natürlich sehr variabel ist. Den teilen meine Geschäftspartnerin und ich untereinander auf. Also kommt auf das Monatsgehalt noch eine kleine Summe drauf. 

Mein persönliches Berufsziel

Ich würde gerne noch mehr Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen machen. Da kann man einen Grundstein legen, was die Beziehung zu Lebensmitteln angeht. Denn mit der eigenen Ernährung unterstützt man letztendlich auch eine bestimmte Landwirtschaft, hinterlässt Spuren im sozialen Umfeld und nimmt zwangsläufig Einfluss auf die Politik. Das ist mir persönlich sehr wichtig.

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