1000 Euro brutto für die angehende Insektenforscherin

Jody interessiert sich für Naturwissenschaften und Kunst: Ihr Job vereint beides.
Illustration: jetzt; Foto: Sedlar&Wolff

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Wie ich dort hingekommen bin

Ich bin keine früh berufene Biologin, die schon als Kind durch den Wald gehüpft ist und Insekten gesammelt hat. Aber ich fand den Beruf Detektivin immer total faszinierend und habe das Gefühl, ein bisschen bin ich das jetzt auch. Nur, dass ich mich nicht mit menschlichen Kriminalfällen beschäftige, sondern versuche, die Geheimnisse der Natur aufzudecken. Ich hatte außerdem schon immer naturwissenschaftliche Ambitionen. Und dazu kommt noch, dass ich sehr kunstinteressiert bin. Auch wenn das Museum für Naturkunde kein Kunstmuseum im klassischen Sinn ist, steckt in der Natur doch eine ganz besondere Ästhetik.

Bevor ich angefangen habe, Biologie zu studieren, war ich mit meiner Mutter bei einer Infoveranstaltung, die im Naturkundemuseum stattgefunden hat. Meine Mutter fand das Haus schon als Kind toll und hat zu mir gesagt: „Stell dir mal vor, du würdest später hier arbeiten“. Irgendwie hat sich diese Idee festgesetzt. Seit dem Beginn meines Bachelors arbeite ich dort als Werkstudentin. Inzwischen bin ich im dritten Master-Semester.

Wie der Arbeitsalltag einer Insektenforscherin aussieht

Wir haben im Naturkundemuseum eine historische Forschungssammlung, mit der wir regelmäßig arbeiten und in der sehr viele Schätze stecken. In meinem ersten Projekt sollte ich aus der historischen Hummelsammlung, die bis zu 150 Jahre alte Präparate enthält, Tiere mit deutschen Fundorten raussuchen. Mithilfe der Pollenreste an den Beinen konnten wir analysieren, wie sich die moderne Landwirtschaft auf die Artendiversität ausgewirkt hat. Bei diesem Job habe ich mich in die Arbeit mit Insekten verliebt. In letzter Zeit habe ich mich viel mit Stacheln, Giften und Stichen von Hautflüglern, also Wespen, Bienen und Ameisen beschäftigt. Dafür bereite ich Proben im Labor vor und untersuche die Tierchen mithilfe von feinen Nadeln und Pinzetten unter dem Mikroskop.

Außerdem helfe ich noch bei der Digitalisierung unserer Sammlung. Dafür fotografieren wir jedes Tier einmal von oben und einmal von der Seite. Zu jedem Tier, das auf einer Nadel aufgesteckt ist, gehört ein kleines Schildchen, auf dem steht, wann, wo und von wem es gefunden wurde. Diese Infos übertragen wir in die digitale Datenbank. Bei ausgewählten Tieren, wenn es zum Beispiel eine konkrete Forschungsfrage gibt, machen wir zusätzlich ein 3D-Modell. Unsere Datenbank soll irgendwann für jeden kostenlos verfügbar sein, das wird die Wissenschaft weltweit verändern.

Vorstellung vs. Realität

Ein sehr spannender und toller Teil der Arbeit sind die Forschungsreisen. Da ist es wie im Bilderbuch: Man wandert mit einem Insektennetz durch den Dschungel und fängt Tiere ein. Auf meiner ersten Reise war ich sechs Wochen lang auf den Philippinen und danach noch in Kambodscha. Dort haben wir versucht, neue Arten zu entdecken und zu beschreiben. Wir fangen natürlich nicht einfach wahllos alles ein, sondern es gibt immer eine Forschungsfrage im Hintergrund. Manchmal möchte man ein Tier einer spezifischen Art haben, weil die Exemplare in unserer Sammlung das Merkmal nicht so gut zeigen oder schon ein bisschen älter sind. Es kann aber auch sein, dass man einfach gucken möchte, welche Arten es an dem Ort generell gibt. Dann hält man die Augen offen und hofft, etwas Neues zu entdecken. Einen Teil davon nehmen wir mit ins Museum. Teilweise bleibt das aber auch in den Unis oder Museen vor Ort.

Die Gefahren des Jobs

Wespen sind dafür bekannt, dass sie sich verteidigen, wenn man ihnen zu nahe kommt. Es wäre also nicht ungewöhnlich, mal von einer gestochen zu werden. Aber man lernt ja von den Kollegen auch Techniken, wie man die Tiere sicher fängt.

Bei den Forschungsreisen stehen wir im Austausch zu Universitäten und Wissenschaftlern vor Ort, die dort geboren sind oder schon lange dort leben. Die wissen genau, in welche Regionen man fahren kann und wo man Genehmigungen zum Sammeln bekommt. Grundsätzlich ist es natürlich immer sicherer, je mehr Leute dabei sind. Dann hat man immer jemanden, der sagt, welche Tiere man lieber nicht anfassen sollte und der aufpasst, wo man hintritt. Aber das ist eigentlich selbstverständlich. Man beschäftigt sich ja auch selbst mit dem Ort, an den man reist. Die meisten Tierarten, die gefährlich sind, sind eher scheu. Es ist jetzt nicht so, dass man Angst haben muss, von einem Tiger angegriffen zu werden.

Was der Beruf mit dem Privatleben macht

Mein Beruf zieht sich durch mein ganzes Leben. Ich gehe nicht nach Hause und bin dann auf einmal nicht mehr Biologin. Seitdem ich im Naturkundemuseum arbeite, ist die ganze Welt ganz anders und es krabbelt überall. Ich sehe an jeder Ecke Wespen, hocke mich hin und gucke mir den Boden genauer an oder laufe einer besonders schönen Biene hinterher.

Die Forschungsreisen können eine Einschränkung sein, gerade im Kontext von Partnerschaft oder Familie. Man muss sich darüber bewusst sein, dass man ab und zu unterwegs ist. Für mich ist das ein Bonus, weil ich sehr gerne reise, mich an vielen Orten wohlfühle und gerne neue Menschen und neue Dinge kennenlerne. Meine Familie und Freunde gehen damit sehr verständnisvoll um und unterstützen meine Leidenschaft. 

Ich werde oft gefragt, ob die Forschungsreisen Urlaub oder wirklich Arbeit sind. Es ist natürlich nicht wie Urlaub, weil man die ganze Zeit neue Sachen lernt. Auf der anderen Seite versuche ich das auch im Urlaub, deshalb kann ich die Frage nicht beantworten.

Welche Eigenschaften man als Insektenforscherin braucht

Es schadet auf jeden Fall nicht, leidenschaftlich und mit sehr viel Faszination an die Sache ranzugehen. Denn es gibt mit Sicherheit Jobs, die lukrativer sind. Wir vom Museum haben das Ziel, Arten zu entdecken und die Geheimnisse der Natur zu entschlüsseln. Die Hauptmotivation ist es, dem Ökosystem zu helfen und Gutes für die Natur zu tun. Das fühlt sich wie eine Lebensaufgabe an.

Ich werde immer gefragt, ob man heutzutage überhaupt noch neue Arten entdecken kann. Da ist die Antwort ein ganz klares: Ja. Vermutlich sind über 95 Prozent der aktuell lebenden Insekten noch nicht bekannt. Es ist eine wunderschöne Aufgabe, diesen Insekten einen Namen zu geben, sie zu beschreiben und der Gesellschaft vorzustellen. Denn Menschen schützen meist nur das, was sie kennen und was einen Namen hat.

Die Frage auf der Party

Die meisten Leute, die von meinem Job hören, sind davon fasziniert. Natürlich achte ich ein bisschen darauf, welche Geschichten ich erzähle. Ich würde auf einer Party vielleicht nicht erzählen, dass ich parasitische Grabwespen untersuche, die anderen Insekten Eier in den Kopf legen, um sich fortzupflanzen. Ich würde eher mit etwas Niedlicherem wie einer Hummel anfangen.

Natürlich werde ich oft gefragt, ob wir die Tiere auch töten und wie das für mich ist. Wenn ich logisch drüber nachdenke, habe ich kein schlechtes Gewissen. Insekten kommen in sehr großen Mengen vor. Wenn ich mit dem Auto eine Straße lang fahre, habe ich wahrscheinlich mehr Insekten getötet als auf meinen Sammelreisen. Aber wenn man das Tier dann in der Hand hat und sieht wie es stirbt, berührt mich das schon. Deshalb versuche ich, gezielt die Tiere mitzunehmen, die weiter wissenschaftlich bearbeitet werden. Die Tiere werden so gut wie möglich konserviert und bleiben der Sammlung im besten Fall hunderte von Jahren erhalten.

Wie viel man als Insektenforscherin verdient

Wir werden am Naturkundemuseum nach Tarifverträgen für den öffentlichen Dienst bezahlt. Als Werkstudentin mit maximal 80 Stunden pro Monat verdiene ich ungefähr 1000 Euro brutto. Wenn ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum anfangen würde, würde ich bei 4074 Euro brutto einsteigen. Dann steigt das Gehalt nach Dienstjahren auf bis zu 5872 Euro brutto. Wenn man eine leitende Funktion hat oder sogar eine Professur anstrebt, geht das noch weiter nach oben.

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