Und dann kommt wer und macht einen „Holz vor der Hütt'n“-Kommentar...

Und dann kommt wer und macht einen „Holz vor der Hütt'n“-Kommentar...

Collage: Daniela Rudolf / Foto: dpa

Liebe Mädchen, 

wenn wir aufs Oktoberfest gehen, fällt uns auf euch bezogen immer wieder eine Sache auf: die vielen Ausschnitte. Man läuft da als Typ rum und sie sind einfach überall, die Brüste, die aus Dirndln, pardon, hervorquellen.

Meistens finden wir das optisch durchaus begrüßenswert – zumindest, wenn ihr es nicht mit so peinlichen „Ois echt“-Herzerl-Anhängern kombiniert. Aber es verwirrt uns auch ein bisschen. Zum einen, weil man gar nicht weiß, wo man hinschauen soll, wenn gegenüber am Biertisch im direkten Blickfeld so viel sekundäres Geschlechtsmerkmal um Aufmerksamkeit buhlt, man da jetzt aber nicht allzu offensiv hinstarren möchte, sofern der fortgeschrittene Bierkonsum derlei Hemmungen nicht abschwächt bis eliminiert. Zum anderen, weil wir den Eindruck haben, dass in den anderen vier Jahreszeiten außerhalb der Wiesn der Ausschnitt seit einer ganzen Weile ziemlich auf dem Rückmarsch ist. 

Gefühlt begegnet ihr uns immer seltener in tief ausgeschnittenen Kleidern oder Oberteilen. Im Alltag, aber auch beim Ausgehen, auf Hochzeiten oder anderen Veranstaltungen, wo man sich schick macht, dominiert höher geschlossene Kleidung. Auch in der Welt der Designermode und Modewochen in Mailand oder Paris scheint es diesen Trend zu geben. Der britische Guardian hat kürzlich sogar das „Ende des Dekolletés“ ausgerufen.

Deshalb fragen wir uns: Warum ist das Oktoberfest noch immer so ein Ausschnitt-Ort? Sogar uns würden ja Gründe dagegen einfallen: Gerade hier, bei all den Besoffenen und Grapschern, die sich nicht im Griff haben, stellen wir es uns besonders stressig vor. Und manchmal sieht das auch nicht so richtig bequem aus, wie das da alles nach oben geschnürt ist. Wäre so ein T-Shirt, in dem man befreit atmen kann, nicht auch im Fünferlooping deutlich angenehmer? Oder ein hochgeschlossenes Dirndl, die meines bescheidenen Wissens ohnehin die traditionell authentischeren sind?

Warum zeigt ihr auf der Wiesn also so viel Brust und sonst so wenig? Sind Dirndl und Ausschnitte für euch so untrennbar miteinander verbunden, dass ihr die Trends außerhalb der Wiesn ignoriert? Hat’s was mit Tradition zu tun? Mit Freiheitsgefühl? Mit Zwängen, die wir nicht kennen? Und wie nehmt ihr eigentlich unsere Reaktionen auf die Ausschnitte wahr, beziehungsweise welche hättet ihr gerne? Wollt ihr Komplimente? Oder kriegt ihr davon zu viele, vor allem auf Holz-vor-der-Hütt’n-Niveau?

Servus,

eure Jungs

Die Mädchenantwort:

maedchen

Liebe Jungs,

auch uns ist schon die Diskrepanz aufgefallen: Im Alltag fühlen wir uns zunehmend unwohler mit tiefen Ausschnitten — im Bierzelt, mit besoffenen, grapschenden und starrenden Menschen all around ist es auf einmal normal, das Dekolleté stolz vor sich her zu tragen. 

Die beste Erklärung, die wir für euch haben, ist aber recht unspektakulär: Wir tragen tief ausgeschnittene Dirndl, weil das eben (zumindest in den letzten Jahrzehnten) Tradition ist. Ein Dirndl bedeutet Ausschnitt, so wie die Wiesn Bier bedeutet. Und ich kenne sehr wenige Leute, die auf dem Oktoberfest etwas anderes trinken, auch wenn Bier sicher nicht jedermanns Sache ist. Soll heißen: Tradition bedeutet oft auch, dass man Dinge, die mit ihr einhergehen, in Kauf nimmt. 

Wie ihr richtig beobachtet habt, verschwinden tiefe Ausschnitte immer mehr aus unseren „normalen“ Kleiderschränken. Das liegt daran, dass es nunmal gerade nicht „in“ ist, solche zu tragen. Und da kann man sich für noch so unabhängig von jedem Trend halten — irgendwann schlägt sich so eine modische Entwicklung auch im eigenen Kleiderschrank nieder. Dann gewöhnt man sich daran, eher hochgeschlossene Sachen zu tragen, man sieht auch hauptsächlich Menschen, die das tun. Und plötzlich findet man es irgendwie komisch, ja man fühlt sich fast billig, wenn man einen tiefen Ausschnitt trägt. Mit den Dirndln verhält es sich umgekehrt: Dirndl bedeutet seit Jahren tiefer Ausschnitt, wir haben uns also daran gewöhnt.

Ein Dirndl macht etwas Besonderes mit der Trägerin: Sie fühlt sich darin sehr weiblich

Und wir finden das auch gar nicht mal so schlecht! Die meisten Frauen, die ich kenne, fühlen sich im Dirndl ziemlich wohl. Das liegt zum einen daran, dass ein gut sitzendes Dirndl auf sehr bequeme Art und Weise alles da hält, wo es hingehört. Kein Verrutschen, kein Ziepen, kein gar nichts. Zum anderen macht ein Dirndl etwas Besonderes mit der Trägerin: Sie fühlt sich darin sehr weiblich. Denn wie ihr richtig beobachtet habt, betont es eben besonders die ausschlaggebend weiblichen Stellen unseres Körpers. Manche von uns mögen das auch nicht und das ist okay. Aber für viele Frauen ist das Dirndl, ähnlich wie bei einem schönen Abendkleid, eine Möglichkeit, sich kurvig und weiblich zu kleiden. Und wenn man eh schon so weiblich unterwegs ist,  traut man sich im Dirndl eben auch eher, Ausschnitt zu zeigen — schließlich ist das (siehe oben) Tradition und damit gerechtfertigt.

Das bedeutet nicht, dass wir nicht mindestens genauso gerne in Jogginghose und T-Shirt, im Hosenanzug oder in Jeans rumlaufen. Aber wir feiern gerade diese Freiheit und Abwechslung, alles tragen zu können, was wir wollen. Und die Wiesn ist eine super Möglichkeit, mal wieder diese Freiheit auszunutzen und ganz anders rumzulaufen, als wir es im Alltag tun.

Wenn wir also ein Dirndl mit tiefem Ausschnitt anhaben ist es okay, wenn ihr mal hinguckt. Sonst würden wir es nicht tragen. Lüsterne, ununterbrochene Blicke von euch finden wir allerdings scheiße. Nur weil wir mal Ausschnitt tragen, heißt das schließlich nicht, dass wir plötzlich nur noch aus Brüsten bestehen. Wir trauen euch aber durchaus zu, diese Unterscheidung zu machen. Komplimente zum Ausschnitt  sind übrigens ein ziemliches Minenfeld – wir können uns keinen respektvollen Kommentar zu unseren Brüsten vorstellen. Man kommt eben schwer vom „Holz-vor-der-Hütt'n“-Niveau weg. Dann sagt lieber gar nichts. 

Übrigens, auch bei der Tracht gab es dieses Jahr eine Trendwende: Immer mehr von uns tragen jetzt auch hochgeschlossene Blusen und Dirndl. Nächstes Jahr werden es wahrscheinlich noch mehr sein. Und vielleicht verschwinden dann ja sogar irgendwann die Dekolletés von der Wiesn. Bis sie dann halt wiederkommen, als neuer Trend.

Eure Mädchen

Was die Jungs sich sonst noch fragen: