Sich gemeinsam vor den Spiegel stellen? Kämen die Jungs niemals drauf.

Sich gemeinsam vor den Spiegel stellen? Kämen die Jungs niemals drauf.

Illustration: Katharina Bitzl; Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

Liebe Mädchen,

die meisten von uns haben Spaß daran, feiern zu gehen. Natürlich auch mit euch. Werden ja meistens ziemlich gute Abende. Uns irritiert aber auch etwas: Nämlich das, was ihr so treibt, bevor es richtig losgeht. Ihr trefft euch oft früher als wir – und das nur untereinander, immer ohne uns. Das stößt uns hin und wieder schon vor den Kopf. Auf unsere beleidigten Nachfragen hin behauptet ihr dann, ihr wolltet euch „gemeinsam fertigmachen“. Wir wissen aber nicht genau, ob wir euch glauben können und wollen, dass ihr euch dabei wirklich aufs Anziehen, Schminken, Haare machen konzentriert.

Die meisten von uns zumindest kämen nicht im Traum auf die Idee, uns gemeinsam vor den Spiegel zu stellen. Wir sprechen weder unsere Outfits ab, noch wollen wir Beratung in Sachen Haarstyling vom besten Kumpel. Wenn wir uns vorher treffen, dann hat das in der Regel einen anderen Zweck: gemeinsam betrunken werden und Spaß haben. Vor dem Feiern gibt’s für uns schließlich kaum etwas Besseres, als mit Freunden beim Vorglühen zusammenzusitzen, zu ratschen und zu merken, wie langsam der Alkohol anschlägt.

Das Fertigmachen erledigen wir davor, in aller Kürze, alleine: duschen, T-Shirt an, Deo drauf – und gut ist. Kein Grund, völlig auszurasten. Oder doch?

Erklärt doch mal, warum ihr eure Abende oft so anders beginnt. Warum ihr hin und wieder sogar große Teile des Vorglühens mit uns verpasst – nur, um dann in Rudeln, bombastisch gutaussehend und leicht angeheitert dazu zu stolpern.

Macht euch eure Fertigmach-Pre-Pre-Party mehr Spaß als das Vorglühen und Feiern mit uns? Oder warum verabredet ihr euch dazu? Was passiert bei solchen Verabredungen? Und was erhofft ihr euch von euren fast schon konspirativen Treffen? Wie lange dauern die? Wie groß sind eure Runden und wer darf dabei sein? Beratet ihr euch tatsächlich gegenseitig, was gut aussieht und was nicht? Wenn ja, warum? Geht’s euch wirklich ums Schönmachen oder wollt ihr einfach lieber Zeit in kleineren Gruppen verbringen, bevor ihr euch mit uns trefft? Erklärt doch mal!

Eure Jungs

Die Mädchenantwort:

maedchen

Liebe Jungs,                     

warum so beleidigt? „Fast schon konspirativ“ seien unsere Pre-Pre-Party-Treffen? Ob uns das wirklich mehr Spaß mache, als mit euch abzuhängen? Keine Sorge Jungs, ihr könnt aufhören, zu schmollen – wir hängen auch gerne mit euch ab! Aber das Fertigmachen, oder wie ich es nenne „Herrichten“ (denn „Fertigmachen“ klingt nach „jemanden fertigmachen“ und deshalb irgendwie gemein – im Schwäbischen sagt man übrigens „Hinrichten“, kein Scherz) hat sich nunmal hauptsächlich unter uns Frauen etabliert.                     

Dass Jungs meist nicht dabei sind, hat vor allem praktische Gründe. Viele von euch können eher wenig mit Make-up und Kleidern anfangen und die sind eben sehr großer Bestandteil dieses Rituals. Außerdem wollen wir nicht, dass ihr mitbekommt, wie wir uns herrichten – anziehen, Haare machen, schminken und so weiter. Das ist nämlich eine doch sehr private Angelegenheit, die unter Frauen meist entspannter abläuft. Allerdings nicht mit allen Frauen. Herrichten ist was für den engen Freundinnennkreis, nichts, das man mit entfernteren Bekannten tut.           

In einem Punkt habt ihr aber Recht: Nur ums Anziehen, Schminken und Haare machen geht’s beim Herrichten nicht. Es ist vielmehr ein ziemlich wunderbares Ritual, das über die Jahre nie an Wunderbarkeit verloren hat.

Der Zauber liegt in dem Wissen, dass es eigentlich gar nicht mehr besser werden kann, als es gerade ist

Schon zu Schulzeiten haben wir uns gegenseitig die Haare geflochten, gemeinsam besprochen, was wir anziehen sollen und dreimal Oberteile getauscht. Dabei haben wir billigen Erdbeersekt von Penny (not sponsored) getrunken, Akon gehört und Wetten abgeschlossen, wer heute Abend mit wem knutschen würde. Das gemeinsame Herrichten machte, dass wir uns nicht so allein fühlten. Unsere Freundinnen um uns zu haben, das half gegen die Aufregung vor den ersten Partys. Außerdem war es eine super Gelegenheit unsere damals noch sehr spärlich ausgestatteten Kleiderschränke und Make-up-Schubladen sozusagen mit den Stücken der anderen zu pimpen. Die Vorfreude auf die Party, der süß-klebrige Sekt und das gemeinsame Singen und Lachen machten das Herrichten schon damals oft zum schönsten Teil des Abends.

Heute leihen wir uns nur noch selten Klamotten und die meisten bringen zum Herrichten ihr eigenes Make-up mit. Die Haare flechten wir uns nur zur Wiesn. Wir trinken heute nur den zweitbilligsten Wein aus dem Supermarkt und manchmal vergessen wir sogar, die Musik anzumachen, weil es so viel zu erzählen gibt. Was geblieben ist: Beim Herrichten wird man ein eingeschworenes Team. Man weiß schließlich hinterher mehr als alle anderen, die man erst auf der Party oder beim Vorglühen trifft – man hat „vorhin“ schon darüber geredet. Und man weiß jetzt, warum das neue Buch toll ist und wie der Job läuft und muss es nicht erst auf der Party ins Ohr geschrien bekommen. Der Zauber des Herrichtens liegt in der Vorfreude und im gleichzeitigen Wissen, dass es eigentlich gar nicht mehr besser werden kann, als es gerade ist.

Egal ob mit 15 oder 25: Beim Herrichten geht es um die Ruhe vor dem Sturm, das Zusammensein und die Gespräche. Das Schminken und Anziehen sind praktische Nebensachen.

Aber nicht traurig sein Jungs - euer Vorglühen macht doch auch ziemlich Spaß und wir freuen uns, wenn wir dann „angeheitert und bombastisch gutaussehend“ zu euch stoßen dürfen. Und Feiern können wir dann ja von Anfang bis Ende gemeinsam.

Eure Mädchen

Noch mehr Dinge, die die Jungs ratlos zurücklassen: